Warum gibt’s so wenig AMA Putenfleisch?

Warum gibt’s so wenig AMA Putenfleisch?

Wie hält es unser Lebensmittelhandel mit dem Geflügelfleisch aus heimischen Ställen? Und wie ehrlich werden die Kunden über die Herkunft von Hendl und Pute informiert?

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

Ein von den Mästern in Auftrag gegebener Storecheck ergab, dass 63%  des Frischgeflügel-Artikel in heimischen Supermärkten  das AMA Gütesiegel tragen, während von den  gecheckten Convenience –Produkten (marinierte Teile, Spieße, panierte Streifen etc.) nur rund 33% ein  glaubwürdiges Österreich-Herkunftszeugnis vorzuweisen hatten. 

Solcherart war es ein würziges Ragout aus Lob und Kritik, das Markus Lukas, Obmann der Geflügelmastgenossenschaft GGÖ, Ferdinand Lembacher, Generalsekretär der Landwirtschaftskammer und  Michael Blass, Geschäftsführer der AMA Marketing da unserem Lebensmittelhandel über die Medien ausrichtete. Man ist das schon gewohnt: Wenn Agrarier vom Handel unter Hinweis auf  Verbrauchermeinungsbefragung mehr Patriotismus  bei der Sortimentsgestaltung einfordern, dann ist immer eine gehörige Portion an Bauernschläue  und Lobbyisten-Dialektik mit im Spiel.

Also gilt es auch in der Geflügel-Marketingdebatte p.r.-Dichtung und Fakten-Wahrheit feinsäuberlich auseinander zu dröseln. Wahr ist, dass manche Händler bei der Herkunftskennzeichnung von ausländischer Billigware tricksen. Herkunftsirreführer ist Discounter Lidl, der sein rotweißrotes Herzerl auch auf Packungen anbringt, deren Inhalt nicht aus Österreich stammt und somit auch nicht den Anforderungen des AMA Gütesiegels entspricht. 

Putenmast in der Dauerkrise

Faktum ist auch, dass der Handel besonders bei Putenfleisch nolens volens zu ausländischer Ware greift, weil die Inlandsproduktion bei weitem nicht den Inlandsbedarf deckt. Viel Puten-Geflügel in heimischen Discounter- und Supermarkt-Regalen stammt aus Italien vom Großproduzenten AIA. Die Agricola Italiana Alimentare ist ein Riesenunternehmen, hat ihren Sitz in Verona, produziert IFS-zertifiziertes Qualitätsgeflügel und präsentiert sich daheim in Italien als Markenartikler, der viel (TV-)Werbung betreibt. In Österreich wird  AIA unter anderem von der Geflügelgroßhandlung Kornfeind in Wien angeboten, die hauptsächlich die Gastronomie  mit inländischer Ware und  solcher aus anderen  EU-Ländern beliefert. Unser Lebensmittelhandel bezieht AIA-Produkte häufig als Postenware direkt vom Produzenten  um  damit frequenzsteigernde Preisaktionen zu machen.  Zählt doch das Putenschnitzel zu den umsatzstärksten Einzelartikeln im gesamten  Supermarktsortiment.   

AMA: Besatzdichte -Unterschiede bewirken Inländerdiskriminierung

Die Mäster nennen als Hauptauslöser von Putenfleisch-Importen die hierzulande gesetzlich vorgeschrieben Besatzdichte von maximal 40 kg/ pro m2. In anderen EU-Länder, wie beispielsweise Italien  liegt die Grenze bei 70 bis 80 Kilo. Blass spricht in diesem Zusammenhang sogar von „Inländerdiskriminierung“. Weniger dramatisch sind die  Unterschiede zwischen den gesetzlich vorgeschriebenen Besatzdichten bei den Hühnern. Hierzulande dürfen sich auf einem m2 Bodenfläche Hühner mit einem Gesamtgewicht von 30 Kilo tummeln, die EU erlaubt einen Maximalbesatz von 42 Kilo. Hand in Hand mit dem Tierwohl geht das Menschenwohl, denn die geringere Besatzdichte erlaubt eine massive Einsparung beim Antibiotika-Einsatz. 

Die Unterschiede bei der Besatzdichte sind zweifellos Mitverursacher der Preisdifferenzen zwischen in- und ausländischer Ware. Aber während sich beim Frischhuhn,  das für rund 70% des Geflügelabsatzes im Lebensmitteleinzelhandel aufkommt) der „Tierwohl-Aufpreis“ der heimischen Ware sich in einem erträglichen Rahmen  bewegt, kommt es bei der Pute zu Preisspreizungen im Ausmaß von 70% und mehr. Ein Kilo heimische Pute wird durchschnittlich um 12 Euro  angeboten, bei der Importware liegt der Kilopreis in der Regel bei 7,99, Euro, Aktionen sind  noch einmal um einen Euro billiger.

Marktmacht-Balance zwischen Herstellern und Händlern 

Gerne werden von Agrarierseite die „Marktmacht“ der großen Handelsketten, und ihr Druck auf die Erzeugerpreise ins Spiel gebracht. Dabei erfreut sich  ein Zahlentrick großer Beliebtheit. Man setzt den Absatzmarkt mit dem LEH-Markt laut Nielsen gleich. Der Gastro-Großhandel mit den Schwergewichten Transgourmet, Metro und  Rewe/AGM bleibt dabei  unberücksichtigt, entsprechend überhöht werden auf diese Weise die Marktanteile von Rewe, Spar und Hofer ausgewiesen. Im Geflügelgeschäft, wo der  Anteil des Außer-Haus-Konsums  rund 50% beträgt, ist dieser Tunnelblick auf den LEH-Markt besonders unangebracht.

Gerne verschwiegen wird von Produzentenseite, dass die Marktanteile der drei  großen Geflügelschlacht- und Verarbeitungsbetriebe, nämlich Wech, Huber und Tietz sich durchaus mit jenen ihrer Großkunden im LH messen können. Da herrschen ideale Voraussetzungen für einen Wettbewerb auf Augenhöhe. Dass der Handel gerade beim Geflügel den Produzenten in Sachen Markenaufbau haushoch überlegen ist, insbesondere was die  Premiumqualität (Bio, Tierwohl) betrifft, ist ebenso ein Faktum, wie das Versagen der Produzentengenossenschaften beim Aufbau von Regionalmarken. Oder ist Ihnen schon ein frisch-saftig-steirisches Markenhendl begegnet?

Landhendl und Landpute

Eine Sonderstellung unter den Produzenten nimmt Hubers Landhendl ein. Als um die Jahrtausendwende mit Fehringer, Stanzel und Mirimi gleich drei Großbetriebe der Branche in die Insolvenz schlitterten, schlug die Stunde des Familienunternehmens Huber in Pfaffstätt (OÖ). Für hunderte Mäster in Ostösterreich sprang Huber als neuer, zuverlässiger Abnehmer ein und schaffte damit in kurzer Zeit den Aufstieg zum führenden Produzenten neben Wech. Seit 2016 Tochter der schweizerischen Bell Foods, die ihrerseits  zu 60% der Coop Schweiz gehört, betreibt Huber einen Hühnerschlachthof daheim in Pfaffstätt, (Hubers Landhendl) und einen Putenschlachthof in Ampfing/Bayern (Hubers Landpute). Die Folge: Hubers Landhendl darf das AMA Gütesiegel tragen, Hubers Landpute, wegen seiner weißblauen Herkunft jedoch nicht. Aushängeschild für rotweißrote  Putenfleisch-Produktion ist somit Pöttelsdorfer aus dem Burgenland, seit Jahren im Eigentum von Wech. Den Putenschlachtbetrieb in Pöttelsdorf hat Wech vor einiger Zeit aufgelassen, jetzt ist der Wech-Stammbetrieb in Glanegg (Kärnten) Österreichs einziger namhafter Putenschlachthof. Groß geworden ist Wech als Hauptlieferant der Rewe. Die Zusammenarbeit mit Spar hat ihren Schwerpunkt im Bereich der Pöttelsdorfer Putenmarke Pöttelsdorfer.

Jedenfalls lässt in Österreich die „Besatzdichte“ an leistungsfähigen Putenmästern  und Putenfleisch-Produzenten sehr zu wünschen übrig und das ist gewiss nicht die Schuld des Handels. Tipp an unsere Leser: Versuchen Sie einmal  im LEH Bio-Putenfleisch mit dem AMA Gütesiegel ausfindig zu machen! Diese Unterversorgung mit heimischer Qualitätsware ist umso bedauerlicher, als viele Konsumenten Putenfleisch aus Gründen der gesunden Ernährung, der hohen Zubereitungs-Convenience und der größeren Nachhaltigkeit dem Schweinernen vorziehen (würden). Laut aktueller RollAMA-Studie gaben 30% der Haushalte an, dass sie heuer mehr Hühnerfleisch als vor fünf Jahren kaufen. Beim Putenfleisch sind es  28%, nur der Anteil der bekennenden Frischfisch-Mehreinkäufer ist mit 38 % noch höher.   

Handel forciert Tierwohl-Eigenmarken

Viel erfreulicher als die Heimniederlage in der Putenproduktion sind die Grading-up Initiativen beim Hendl. Da funktioniert die Marketing-Partnerschaft zwischen Produzenten und Händlern recht ordentlich. So haben die Formate der Rewe seit kurzem unter der Eigenmarke Hofstädter ein Geflügel-Sortiment , ausgestattet mit dem AMA Tierwohl-Gütesiegel  im Angebot, wo die Tiere  nach den konzerneigenen „Pro Planet“-Richtlinien aufgezogen werden. Das Frischgeflügel-Angebot der Handelsmarke Spar ist zu 100% AMA GS-Qualität, AMA-Tierwohl-Huhn wird unter der Marke Spar schaut drauf  angeboten. Nur  Geflügel der Billigeigenmarke S-Budget wird laut  Auskunft von Brancheninsidern von Huber aus Deutschland geliefert. Hofer ist besonders umsatzstark im Geschäft mit  Biohühner  rotweißroter  Herkunft, und legt heimischen Biohuhn-Mästern auch die Rutsche für Exporte an Aldi in Deutschland. Neu ist eine Fairhof-Pute im Hofer-Angebot, die von Wech geliefert wird. Fairhof-Hendln hingegen kommen von Huber. 

2020 werden 20% der Tierplätze in den heimischen Hühnerstallungen  den besonderen Anforderungen des AMA Tierwohl-Moduls entsprechen. Sie gehen weit über die gesetzlichen  Auflagen hinaus und umfassen großteils einen Wintergarten für freien, geschützten Auslauf, Fußbodenheizungen und Wassersprühanlagen. Ob die Weihnachtsgänse aus Ungarn und die Weihnachtstruthennen aus Italien es daheim auch so gemütlich haben?

Veröffentlicht am

05.12.2019