Kinderarmut und daher -arbeit in Afrika ist nach wie vor nicht eingedämmt.

Fairtrade: Hinsehen statt Wegschauen

Erschreckende Berichte zeigen, dass Kinderarbeit nach wie vor ein großes Thema ist. Eine Verfolgung der Lieferkette würde die Unternehmen in die Pflicht nehmen.

Vor knapp 20 Jahren hat die Schokoladeindustrie  mit dem “Harkin-Engel-Protokoll” das Versprechen abgegeben, die ausbeuterische Kinderarbeit bis 2020 um 70 % zu reduzieren. Eine vom US-amerikanischen Arbeitsministerium (in Zusammenarbeit mit Fairtrade  durchgeführte Studie veranschaulicht nun, wie weit dieses Ziel verfehlt wurde. Demnach arbeiten nach wie vor ca. 1,5 Millionen Kinder im westafrikanischen Kakaoanbau.

Diese Zahl ist schockierend, sie überrascht aber leider nicht. Armut ist eine der Hauptursachen für ausbeuterische Kinderarbeit.
„Die Familien, die Kinder mit einer Machete in der Hand in den Kakaowald anstatt auf die Schulbank schicken, tun das in der Regel nicht, weil sie böse Menschen sind, sondern auf bitterer Not heraus, um überleben zu können“, sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Ghana und die Elfenbeinküste produzieren gemeinsam etwa 60 %der jährlichen Kakao-Welternte, die Anbaugebiete zählen dennoch zu den ärmsten Regionen weltweit. Kinder- und Menschenrechte gibt es aber nicht zum Nulltarif. Darum hat Fairtrade International bereits 2019 den Fairtrade-Mindestpreis und die -Prämie für Kakao um jeweils 20 % erhöht. Die Einnahmen pro geerntetem kg Rohkakao stiegen, das hatte aber gleichzeitig den Effekt, dass beispielsweise in der Elfenbeinküste die Nachfrage nach Fairtrade-Kakao um 11 % zurückgegangen ist.
Insgesamt beträgt der Marktanteil von Fairtrade-Kakao in diesem Land etwa 8%. Das ist deutlich zu wenig. „Gerade die Fairtrade-Prämie ist wichtig, damit Kleinbauernorganisationen sich dafür entscheiden können, jene Projekte zu finanzieren, die ihre Gemeinschaft benötigen: beispielsweise der Bau von Schulen, um Kindern einen leichteren und sicheren Weg zu einer qualitativen Ausbildung zu ermöglichen“, sagt Dario Soto Abril, CEO von Fairtrade International.

Unternehmen in der Pflicht

Die Situation in Westafrika zeigt die dringende Notwenigkeit, mit einem verbindlichen Lieferkettengesetz ernst zu machen, und so die Nachfrage nach fairem Kakao weltweit deutlich zu erhöhen Darüber wird auf europäischer Ebene bereits länger diskutiert, gesetzlich konkretisiert wurde aber bislang nichts. Zahlreiche freiwillige Initiativen und das Engagement einzelner Unternehmen haben in der Vergangenheit veranschaulicht, dass die gesetzten Maßnahmen alleine zu kurz greifen. Nach wie vor stellen ausbeuterische Produktionsmethoden einen Wettbewerbsvorteil dar. Denn derzeit müssen Unternehmen für Schäden, die bei der Produktion der Rohstoffe im Globalen Süden entstehen, kaum Konsequenzen fürchten. Verstöße von Unternehmen gegen Kinder- und Menschenrechte müssen weltweit haftbar gemacht werden. Eine solche gesetzliche Regelung würde auch zu einem faireren Wettbewerb führen.

„Fairtrade kann Wirtschaftsprobleme der Globalisierung nicht alleine lösen. Wir können aber auch nicht darauf warten, dass sich Kakao- und Schokoladehersteller freiwillig darauf einigen, einen fairen Preis zu zahlen“, sagt Kirner. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz von Fairtrade-Kakao in Österreich mehr als verdoppelt. International positiv auswirken könnte sich auch der neue staatliche Referenzpreis für Kakao in Ghana und der Elfenbeinküste. Doch es benötigt dringend weiterer Schritte, um die Kinderarbeit im Kakaohandel nachhaltig zu mindern.

Veröffentlicht am

23.10.2020