Winzer Krems Wein des Vergessens

In vino veritas

Winzer Krems schenkt reinen Wein zur NS-Vergangenheit ein - eine Hintergrundstory von Hanspeter Madlberger.

In vino veritas, im Wein liegt Wahrheit, lautet ein altes Sprichwort. Da steht es einem so renommierten Weinkellerei, wie der Winzer Krems sehr gut an, der historischen Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen und die Hintergründe der NS-Verstrickungen aufzuarbeiten, die sich um die Gründung der Genossenschaft ranken.

Franz Bauer, der Obmann der Winzer Krems und Geschäftsführer Franz Ehrenleitner haben bei der Historikerin  Brigitte Bailer-Gananda die lückenlose, wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse rund um die Gründung ihrer Genossenschaft in Auftrag gegeben und damit einen beispielhaften Akt der Vergangenheitsbewältigung gesetzt. Am  2. Juli wurden die Ergebnisse am Firmensitz der Winzer Krems in der Sandgrube präsentiert. Mit der Enthüllung einer Gedenktafel in Erinnerung an Paul und Johanna Robitschek, die früheren Eigentümer der Kellerei, setzt die WG Krems nach über 80 Jahren ein Zeichen der historischen Aufarbeitung eines unrühmlichen  Kapitels ihrer Firmengeschichte.

Konkret ging es um das Unrecht, das die Gründer der im Jahr 1938 gegründete Winzergenossenschaft dem jüdischen Weinhändler Paul Josef Robitschek zufügte, als sie sich im August 1939 dessen Kellerei in Krems samt einem 2,2 ha großen Grundbesitz, auf dem sich eine Anzahl von Weingärten befand, für einen Spottbetrag von 26.303 Reichsmark “unter den Nagel riss“. Das Geld kam auf ein Sperrkonto und, wie die Recherchen von Frau Bailer-Gananda ergaben, ist Robitschek bei dieser Zwangsenteignung völlig leer ausgegangen. Sie fand im Zuge der damals zahlreichen „Arisierungs“-Verfahren statt, die von den Justizbehörden der braunen Machthaber über das Vermögen von jüdischen Geschäftsleuten verhängt wurden,  die angesichts drohender Verfolgung ins Ausland flüchteten. Weinbauer Franz Aigner, Gründervater der WG Krems und damals NS-Ortsbauernführer, war die treibende Kraft hinter diesem ganz und gar „unfriedly takeover“ der Robitschek -Kellerei in der Sandgrube und der dazu gehörenden Weingärten durch die eben erst ins Leben gerufene Genossenschaft.

Juristische Auseinandersetzungen, die sich über Jahrzehnte hinzogen, machten die Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte  der Winzergenossenschaft Krems so kompliziert. Um seinen Besitz vor dem Zugriff der Nazis zu retten, verkaufte nämlich Paul Robitschek, dessen Hauptbetrieb, eine Weingroßhandlung, sich in Wien 19., Heiligenstädterstraße 67 (heute Standort der Schlumberger Kellerei) befand,  im April 1938 sein gesamtes Immobilienvermögen seinem stillen Teilhaber und Freund August Rieger. Auf Betreiben von Franz Aigner, dem ersten Obmann der Genossenschaft, verweigerte jedoch das Grundbuchsgericht Krems die Eintragung  der Eigentumsübertragung der Kremser Immobilien. Aigner war vom NS-Regime  ebenfalls im April 1938 zur „kommissarischen Aufsichtsperson“ für den Besitz Robitscheks im damaligen „Niederdonau“  bestellt worden. Sein Plan: Vor allem die Kellerei in der Sandgrube sollte das wirtschaftliche Fundament der jungen Genossenschaft bilden. Und dieser Plan ging voll auf.

Paul Robitschek flüchtete 1939 über Italien und  Frankreich nach Venezuela, seine Mutter Johanna konnte er nicht nachholen, sie starb im März 1943 „infolge der Haftbedingungen“ im KZ Theresienstadt. Robitschek kehrte nie mehr nach Österreich zurück und verstarb 1950 in Südamerika. Nach 1945 folgte ein langer Rechtsstreit über die Rückstellung des zu Unrecht an die WG Krems übertragenen Robitschek-Besitzes. Das Verfahren endete im Mai 1949 mit einem Vergleich: Die WG Krems zahlte einen Betrag von 600.000 Schilling an Robitschek, Rieger verzichtete  auf alle Ansprüche.   

Vor zwei Jahren haben die Historiker Bernhard Herman und Robert Streibel  mit der Veröffentlichung ihres historischen Romans „ Wein des Vergessens“  die oben beschriebenen Vorkommnisse rund um der Gründung der WG Krems veröffentlicht. Der „Kurier“ hat darüber ausführlich berichtet. Die Verantwortlichen der Winzer Krems entschlossen sich nach Überwindung einer  ersten Schock- und Trotzphase, die lückenlose historische Aufarbeitung zu veranlassen und dadurch drohenden Imageschaden  vom Unternehmen abzuwenden. Die  Enthüllung der Gedenktafel am „Hiatahüttl“ im Weingarten nahe der Kellerei  in Anwesenheit von Juana-Charlotta Robitschek, der Nichte des früheren Eigentümers, bildete den Abschluss dieser symbolträchtigen Aktes der Vergangenheitsbewältigung.

War die handstreichartige Übernahme der Kellerei und der Weingärten in der Kremser Sandgrube in NS-Zeiten ein Einzelfall? Die Österreich Weinmarketing unter ihrem scheidenden Geschäftsführer Willy Klinger will kommenden Herbst einen Historikerbericht vorlegen, der generell über Vorgänge in der österreichischen Weinwirtschaft von 1938 bis 1945  Auskunft geben soll. So wie in Krems geht es auch in  anderen Fällen um die „Arisierungen“ von Weingärten und Weinkellereien, deren Eigentümer unter der Judenverfolgung litten. Wirtschaftlicher Hintergrund solcher aufklärungsbedürftiger „Weinskandale“ aus brauner Vorzeit ist der Umstand, dass zu allen Zeiten viel Konfliktpotential zwischen Weinbauern und Weinhändlern bestand.

Veröffentlicht am

03.07.2019