Sauschwere Herausforderungen

Sauschwere Herausforderungen

Die sich weltweit rasant ausbreitende Afrikanische Schweinepest (ASP), hat jetzt über Polen auch Deutschland erreicht. Per 20. 9. wurden in Brandenburg 20 ASP-befallene Wildsauen registriert.

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

Die gute Gesundheits-Botschaft: Bei ASP (Afrikanische Schweinepest) besteht keine Ansteckungsgefahr für den Menschen. Die schlechte Wirtschafts-Nachricht: China und Südkorea haben wegen ASP die Schweinefleisch-Importe aus Deutschland, dem weltweit zweitgrößten Schweinefleisch-Exporteur gestoppt. Und damit kündigt sich auch für Österreichs Schweinebauern und das Fleischgeschäft in unseren Supermärkten ein stürmischer Herbst an.

Dr. Johann Schlederer, Chef der oberösterreichischen Schweinebörse und Top-Experte, wenn es um das Geschäft mit dem Borstenvieh geht, analysiert messerscharf die Kettenreaktion, die ASP in ostdeutschen Wäldern in den Ställen österreichischer Schweinemäster auslöst. Weil der asiatische Absatzmarkt für die deutsche Fleischwirtschaft eingebrochen ist, drängen Tönnies  & Co mit ihrem billig produzierten Schweinernen über etablierte Vertriebskanäle verstärkt auf den österreichischen Markt.  Und heizen damit den Preiskampf und die Aktionitis, vor allem  bei Österreich-Ablegern deutscher Discount-Riesen an.

Schlederer wagt eine Prognose über den Preiswettbewerb bei Schnitzel und Karree in den kommenden Monaten: “Erfahrungsgemäß können die Handelsketten nur kurzfristig auf Aktionitis verzichten“. Zu normalen Zeiten kommt die Gastronomie hierzulande für geschätzte 50% des Fleischabsatzes auf. Bei erneut steigenden Corona-Auflagen aber verschieben sich die Warenströme wieder in  Richtung Lebensmittelhandel  

Vor diesem Szenario könnten die Handelsketten, so befürchtet der aus dem Innviertel stammende Fachmann, ihr lautstark verkündetes Engagement für das Schweinefleisch rotweißroter Herkunft zurückschrauben. Was wiederum unsere Produzenten bewegt, das Heil im verstärkten Export zu suchen. 

Schweinefleisch nach China liefern ist wie Eulen nach Athen tragen

Der chinesische Markt als Ventil für die aus deutschen Landen „importierte“ Absatzkrise des heimischen Schweine­fleisches bietet sich an, solange ASP nicht auf unser Land übergreift. Größte ASP-Gefahr droht an den Grenzen zu Tschechien und Ungarn. Die Nachfrage der Chinesen nach europäischem Schweinefleisch schnellte 2019 in die Höhe, als im Reich der Mitte ASP von den Wild- auf die in engen Ställen gehaltenen Hausschweine übergriff. Nach Expertenschätzung schrumpfte die Produktion um 20%, mittlerweile steigt sie langsam wieder an.  Und man darf nicht vergessen: China ist der weltgrößte Produzent und Verbraucher von Schweinefleisch.

Einem raschen Ausbau des China-Geschäfts steht der Umstand im Weg, dass zurzeit nur fünf heimische Schlachtunternehmen über die von den chinesischen Behörden ausgestellten Importlizenzen verfügen. Es sind dies die Firmen Marcher, Grossfurtner, Steirerfleisch, Jöbstl (Steirerfleisch ist Miteigentümer) und Ratal. Jetzt wird mit Peking über Lizenzen für zwei weitere heimische Lieferanten verhandelt. Außerdem geht es laut Schlederer darum,  die China-Lizenzen auf  Schweine-Kopffleisch, -Haxen und  -Innereien zu erweitern, bislang umfassten die Verträge nur Schweine-Rümpfe mit den begehrten Edelteilen.

EU verhandelt mit China: Steht Österreich abseits?

Generell ist zu beobachten, dass für das kleine Österreich beim Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit dem großen China, vornehm ausgedrückt, noch viel Luft nach oben besteht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil unsere Wirtschaftspolitik äußerst geringen Einfluss auf die Handelsverträge zwischen der EU und dem Reich der Mitte ausüben kann. Das gilt ganz besonders für den Agrarbereich. Als kürzlich  zwischen der EU-Kommission und China ein „Geographical Indications Agreement“ abgeschlossen wurde, das die gegenseitige Anerkennung von jeweils 100 herkunftsgeschützten Produktbezeichnungen (sogenannte G.U.-Produkte) festlegt, wurde als einziges österreichisches Agrarprodukt das steirische Kernöl in die Schutzliste aufgenommen. Bei den großen Warengruppen wie Mopro/Käse  und Fleisch, Wein und Bier, räumten Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien und Griechenland ab. Immerhin ist China der weltweit drittgrößte Agro-Food-Abnehmer der EU, die Lebensmittellieferungen dorthin machten 2019 einen Wert von 14,5 Milliarden Euro aus.

Milchwirtschaft ist besser dran als Fleischwirtschaft

Die internationale Marktlage unserer Schweinebauern ist ungleich schwieriger als jene unserer Milchbauern, die laut jüngster VÖM-Aussendung im ersten Halbjahr 2020 ihre Exporte um 4,3% steigern konnten (die Importe nahmen „nur“ um 4,1%  zu). Dem Importdruck aus Deutschland, aber auch aus Dänemark, den Niederlanden und  dem CEE-Raum stehen überschaubare Exportchancen in Richtung Südeuropa, insbesondere Italien gegenüber. Damit nicht genug, schwebt das Damoklesschwert namens Mercosur über der Branche. Das von Medien verbreitete Gerücht, es drohten Hormonfleisch-Importe aus Amerika, lieferte dazu den jüngsten Aufreger.

Verständlich, dass unsere Agrarpolitik angesichts dieser außenwirtschaftlichen Schieflage im Kampf um die Sicherung beziehungsweise Steigerung des Inlandsabsatzes schwere Geschütze auffährt. Das Gebot höchstmöglicher Selbstversorgung bei agrarischen Lebensmitteln solle in den Verfassungsrang erhoben werden, fordert beharrlich der Bauernbund. Es ist klar, dass Brüssel diese Politik, die auf Importrestriktion hinausläuft, äußerst kritisch sieht, weil sie den Prinzipien des freien Warenverkehrs im gemeinsamen Markt widerspricht.

Starkes Engagement unseres LEH für Schweinefleisch aus Österreich

Viel zielführender als ein gesetzlich festgeschriebener „Gebietsschutz“ ist die  Marketingkooperation zwischen unseren Bauern und ihren Absatzpartnern. Gerade beim Frischfleisch, und das gilt gleichermaßen für Schweine- und Rindfleisch, engagieren sich die allermeisten Gruppen des LEH in vorbildlicher Weise für  die AMA Gütesiegel-Ware. In diesem Bereich den Absatz zu steigern ist kaum mehr möglich, zumal der Fleischkonsum in den Haushalten aus bekannten Gründen (Gesundheit, Klimaschutz) tendenziell rückläufig ist. Einzige Option ist die forcierte Produktion von nachhaltigem Qualitätsfleisch. Bei Tierwohl-Fleisch gibt es ambitionierte Programme von Hofer, Spar und Rewe. Mehr Bio-Schweine aufzuziehen, ist schon schwieriger, denn Bio erfordert, weil mit Auslauf im Freien verbunden, besonders aufwändige Schutzzäune zur Fernhaltung etwaiger ASP-befallener Wildschweine.

Baustelle: Fleischverarbeitung

Größte Baustelle der um bessere Preise und höhere Absatzmengen ringenden heimischen Schweinebauern aber ist die Zusammenarbeit mit den fleischverarbeitenden Industrie- und Gewerbebetrieben, den Wurst- und Schinkenerzeugern. Beim Frischfleisch ist die regionale Herkunft ein starkes, vom Konsumenten akzeptiertes Kaufargument. Bei Schinken, Speck, Salami und Dauerwurst bestimmt die Handwerkskunst – von der Rezeptur bis zum Räuchern - die Qualität des konsumreifen Produktes in höherem Maße, als die Herkunft des Rohstoffes Fleisch. Händler wie Lidl ziehen bei Fleischwaren in SB-Packungen alle Register des Europa-Einkaufs. Bei einem Lidl-Storecheck entdeckt: Landrohschinken italienischer Art der Eigenmarke Dulano, hergestellt von Bell Deutschland (Tochter der Coop Schweiz), daneben Tiroler Speck g.g.A. der Eigenmarke Wiesentaler, gekennzeichnet mit dem AMA Gütesiegel und hergestellt von Handl Tyrol. Marken und Siegel im Doppelpack.

Mehr Wertschöpfung in Bauernhand?

Hier kommt das Thema „Wertschöpfung“ ins Spiel, das sowohl gesamtwirtschaftlich (Stichworte: Arbeitsplätze, Unternehmereinkommen, Mitarbeitereinkommen) als auch im marktwirtschaftlichen Wettbewerb (wer hat die attraktiveren Marken?) von großer Bedeutung ist. Gerade bei den Fleischwaren liefern einander Handelsmarken und Herstellermarken einen spannenden Wettbewerb in Augenhöhe. Für „bäuerliche“ Marken mit regionalem Herkunftsbezug (Stichwort: Genussregionen) bleibt hingegen nur Platz in kleinen regionalen und lokalen Nischen.

Das soll sich nach Ansicht von Josef Moosbrugger, dem Präsidenten der Landwirtschaftskammer grundlegend ändern. Die folgenden Zitate aus dem Forderungskatalog, den er kürzlich im Gespräch mit der Bauernzeitung vorlegte, lassen aufhorchen:

So müssen wir uns noch besser aufstellen, auch um die Wertschöpfung wieder mehr in bäuerliche Hände zu bekommen, und dürfen uns nicht auf die Rolle des Rohstofflieferanten oder des Abfüllers von Eigenmarken beschränken. Sonst sind wir austauschbar und bekommen das, was der internationale Markt zulässt.

Um neue Käuferschichten für uns zu gewinnen, braucht es spezielle Markenstrategien, mehr eigene Veredelung unserer Erzeugnisse und dazu innovative, online-basierte Vermarktungsschienen samt Zustellservices.

Auch eine bessere Abstimmung und Allianzen zwischen Landwirtschaft und Verarbeitung mit Sektorstrategien ist … dringend notwendig. Vereint könnten wir so selbstbewusster gegenüber dem Handel auftreten. Denn eine Tatsache ist auch, dass unser Anteil in der Lebensmittel-Wertschöpfungskette immer weiter zurückfällt.

Gut gebrüllt, Ländle-Löwe! Wenn die Moosbrugger-Agenda umgesetzt werden soll, wartet auf die Marketingprofessoren der Boku, auf das Team der AMA-Marketing und auf die Manager der Raiffeisen- Produktionsfirmen nach Überwindung der Corona- und der ASP-Krise ein Berg an Arbeit.

Veröffentlicht am

27.09.2020