Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband

"Wir brauchen Fair Commerce"

Gegen Ende des Jahres lässt retailreport.at die Vertreter des Handels zu Wort kommen. Rainer Will ist Geschäftsführer des Handelsverbandes Österreich.

retailreport.at: Das Jahr 2019 war für den Handel wie eine Achterbahnfahrt: Mit einem moderaten Wachstum und einer immer geringer werdenden Spanne musste man sich mit Themen wie Online-Handel, Plastikverordnung, Fair-Play, Übernahmen und bis zuletzt Kollektivvertragsverhandlungen beschäftigen. Welche Meilensteine 2019 waren besonders wichtig für den Handel?

Rainer Will: 2019 hat für den heimischen Handel holprig begonnen, aber dank eines überdurchschnittlich guten Weihnachtsgeschäftes doch noch versöhnlich geendet. Wir rechnen heuer mit einem stationären Bruttoumsatz von 72,8 Mrd. Euro und einem Online-Umsatz in Österreich von rund 4 Mrd. Euro. Die Gesamtjahresprognose 2019 für den österreichischen Einzelhandel liegt damit bei insgesamt 76,8 Mrd. Euro brutto – ein nominelles Wachstum von +1,7 %. Aber: Wenn wir von einer Inflationsrate von ebenfalls 1,7 % ausgehen, werden wir heuer im Einzelhandel real keine Umsatzsteigerung erzielen.

Problematisch ist, dass die Kostenseite stärker ansteigt, weshalb die Schere weiter aufgeht. Der heurige KV-Abschluss, der Gehaltserhöhungen von 2,2 bis 2,5 % vorsieht, liegt für unsere Händler, die 600.000 Mitarbeiter beschäftigen, an der Grenze des Stemmbaren. Die rahmenrechtlichen Vereinbarungen erhöhen wiederum die Komplexität in der Administration. Daher muss ab jetzt der volle Fokus auf der Vereinfachung der Zuschläge liegen.

Der wichtigste Meilenstein des Jahres war aus meiner Sicht die erfolgreiche Beschwerde des Handelsverbandes gegen Amazon und für einen fairen Marktplatz. Wir konnten uns tatsächlich gegen den größten Konzern der Welt durchsetzen. Amazon musste außergerichtlich einlenken und acht Geschäftsbedingungen zu Gunsten aller Händler am Marktplatz ändern – übrigens weltweit. Dieser Erfolg ist für uns richtungsweisend. Er zeigt, dass der digitale Raum nicht rechtsfrei ist und sich auch digitale Giganten an die Gesetze halten müssen. Davon profitiert nicht nur der heimische Handel, sondern unsere gesamte Volkswirtschaft.

Ein Meilenstein war auch der Beschluss des Oberlandesgerichts Wien über die Schutzverweigerung der Wortmarke "Black Friday". Wir hatten uns jahrelang dafür eingesetzt, dass der Begriff "Black Friday" von jedem Händler in Österreich frei verwendet werden darf, ohne Abmahnungen befürchten zu müssen. Um heimische KMU bei ihren Marketing-Aktivitäten zu unterstützen, haben wir ein eigenes Black Friday Sujet entwickelt und allen Handelsverband-Mitgliedern kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Für die rund 12.000 österreichischen Webshops war auch die Verlängerung der PSD2-Umseztungsfrist bis 31. Dezember 2020 essenziell. Ursprünglich hätten bereits bis 14. September 2019 alle Onlineshops die sogenannte 2-Faktor-Authentifizierung laut EU-Zahlungsdiensterichtlinie (PSD2) implementieren müssen. Wir haben auf politischer Ebene immer wieder auf die zu kurze Umsetzungsfrist hingewiesen. Erfreulicherweise haben sich unsere Gespräche mit den Stakeholdern auf EU-Ebene gelohnt. Der Aufschub erlaubt es unseren Händlern, ihre Shops ohne Zeitdruck an die neuen Regeln anzupassen.

Aus Sicht des Lebensmittelhandels war unter anderem das Nein des österreichischen Parlaments zum Freihandelsabkommen Mercosur wichtig – ein entscheidender Schritt für das Klima, für unsere kleinteilige Landwirtschaft und für den qualitätsbewussten heimischen Handel. Wir hatten für Mercosur effektive Sanktionsmechanismen sowie eine Implementierung des europäischen Vorsorgeprinzips als Basisbedingungen gefordert, um die heimischen Konsumenten sowie die Landwirtschaft zu schützen. Das war hier klar nicht erfüllt.

Ein weiterer großer Erfolg war der Zusammenschluss der beiden europäische Handelsverbände Ecommerce Europe und EMOTA, um künftig mit einer Stimme für die digitale Handelsbranche in Europa sprechen zu können. Ich durfte die Verhandlungen leiten und freue mich sehr, dass wir nun endlich eine einheitliche, starke Stimme auf EU-Ebene geschaffen haben, die sich für Europas Händler in Brüssel einsetzen wird.

Auf nationaler Ebene war der Schulterschluss des Handelsverbandes mit der GPA-djp und die gemeinsame Forderung nach "Fair Play auch Online" ein Meilenstein. Barbara Teiber und ich konnten uns auf sinnvolle neue Spielregeln für mehr internationale Wettbewerbsfairness und Beschäftigung einigen und haben diese im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz vorgestellt. 

Wo sehen Sie die wahren Probleme, die dem Handel in der Zukunft zu schaffen machen können? Kann man diese Themen politisch und wirtschaftlich lösen oder sind es gesellschaftspolitische Themen?

Die dramatische Marktkonzentration im eCommerce und der wachsende Abfluss der Online-Umsätze ins Ausland bereiten mir Sorgen. Die Top-250-Onlineshops erwirtschaften mittlerweile 3,2 Milliarden Euro jährlich, allein im letzten Jahr sind die Umsätze um 16 Prozent gestiegen. Diese Dynamik führt zu einer immer stärkeren Marktkonzentration, immer weniger große Webshops teilen sich einen immer größeren Anteil am Online-Kuchen. Amazon allein kommt als Einzelhändler auf 760 Millionen Euro – hinzu kommt ein Umsatzvolumen rund 800 Millionen Euro über den Amazon Marketplace. Das befeuert die Dominanz des wertvollsten Unternehmens der Welt am österreichischen Markt. Hinzu kommt: Mehr als die Hälfte aller Umsätze im Distanzhandel landen nicht bei den heimischen Händlern. Der österreichische Konsument finanziert dadurch rund 25.000 Arbeitsplätze pro Jahr im Ausland. Allein von 2017 auf 2018 ist dieser Auslandsabfluss um fast eine halbe Milliarde Euro gewachsen.

Die Konsequenzen des eCommerce-Booms und unseres geänderten Konsumverhaltens – Stichwort Convenience – sind weitreichend: Einerseits geht die Zahl der Geschäftslokale in den B- und C-Lagen zurück und das Ausmaß der Verkaufsflächen stagniert, andererseits werden innovative Omnichannel-Strategien zügig umgesetzt, Plattformen sind auf dem Vormarsch und der Mobile Commerce Trend setzt sich ungebremst fort. Hier müssen die heimischen Händler ansetzen – sei es durch neuartige Store-Konzepte auf der Fläche oder die gezielte Nutzung globaler Marktplätze für den eigenen Vertrieb. 

Themen wie das veränderte Konsumverhalten oder unsere rückläufige Aufmerksamkeitsspanne, die mittlerweile unter jener des Goldfisches von 9 Sekunden liegt, sind gesellschaftliche Phänomene, die sich nicht einfach durch Gesetze auflösen werden. Aber wir sollten zumindest auf politischer Ebene faire Spielregeln einführen, die für alle Marktteilnehmer gelten. Die derzeitigen legalen Steuervorteile für globale Online-Händler gefährden den heimischen Handel. Wir sollten endlich die Lohn- und Abgabenquote senken sowie eine Bürokratie-Offensive starten, denn Österreich ist auch 2019 noch ein Land der hohen Steuern und Lohnnebenkosten, ein Land mit extremer Regulierungsdichte und zu viel Bürokratie. Die starke Besteuerung des Faktors Arbeit wirkt sich hierzulande massiv negativ auf die Beschäftigung aus.

Wie sehen Sie ein Miteinander in Zukunft zwischen stationärem und digitalem Handel?

Mehr als 90 % der Umsätze im stationären Handel sind bereits digital beeinflusst. Die Digitalisierung hat unsere Bedürfnispyramide völlig auf den Kopf gestellt. In den letzten Jahren haben wir uns mit Begeisterung auf Smartphones, Social Media und Online-Shopping eingelassen. Die Auswirkungen auf den Handel sind beispiellos. Wir Konsumenten unterscheiden nicht mehr zwischen online und offline, wir kaufen ein wann, wo und wie wir wollen. Sei es unterwegs am Handy, im Wohnzimmer per Sprachbefehl über Amazon Alexa oder im Supermarkt ums Eck.

Die neuen Technologien ermöglichen uns Konsum in jeder Lebenslage, gleichzeitig ist die Customer Journey so komplex wie nie zuvor. Das Menschliche, die Beratung im Geschäft, wird mit dem Unmenschlichen, dem automatisierten Webshop, verglichen. Letzterer hat nie einen schlechten Tag, außer das WIFI fällt aus. Vor diesem Hintergrund kommt der aktuelle Omnichannel- bzw. Connected Retail-Trend nicht überraschend. Der Verbraucher will seine Produkte schneller, unkomplizierter und stets zum Bestpreis erhalten, das Konkurrenzangebot ist schließlich nur einen Klick entfernt. Jene Händler, die diese Anforderungen am besten abbilden können und gleichzeitig eine erstklassige Service-Palette anbieten, werden langfristig erfolgreich sein.

Der alte Leitspruch „irren ist menschlich“ hat im Handel hingegen keine Gültigkeit mehr. Die Fehlertoleranz der Kunden ist so niedrig wie noch nie. Eine unzufriedenstellende Auskunft des Verkaufspersonals im Geschäft, eine Verzögerung bei der Auslieferung einer Online-Bestellung reicht aus und der einstige Stammkunde ist verloren. 

Welche Maßnahmen sehen sie als die wichtigsten, die man schnell einleiten sollte, um die Arbeit des Handels zu erleichtern?

Wir brauchen Fair Commerce. Warum bezahlen mittelständische Unternehmen in Europa im Schnitt 23 Prozent an Steuern, während milliardenschwere Digitalkonzerne aus Übersee und Fernost nur neun Prozent beim Fiskus abliefern. Warum müssen kleine Händler, die in Österreich eine Fläche anmieten, Mietvertragsgebühren für fünf Jahre im Voraus bezahlen? Damit finanziert sich der Staat auf dem Rücken von Start-ups vor, obwohl nur die Hälfte aller Händler fünf Jahre nach der Gründung noch existieren. 

Die Schaffung von Fair Play zwischen digitaler New Economy und beschäftigungsintensiver Old Economy ist für mich die wichtigste Baustelle – durch ein globales Mindestbesteuerungssystem auf Unternehmensgewinne, um Steuerparadiesen entgegenzuwirken und KMU zu stärken. Darüber hinaus empfehle ich einen ethischen Ansatz für Datenhygiene „Made in Europe“. Wir müssen das Recht auf digitale Datenhoheit zum Menschenrecht machen und Megaplattformen verpflichten, ihren Algorithmen-Einsatz beschreibend offenzulegen. Die Details dazu führe ich in meinem neuen Buch "Wie real bist Du?" aus.

Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, die wir auf nationalstaatlicher Ebene zeitnah umsetzen könnten, möchte ich sechs Beispiele herausgreifen:

  • Verpackungsentpflichtung von Drittstaatenhändlern einfordern
    Online-Händler, die aus Drittstaaten (v.a. aus dem asiatischen Raum) in die EU bzw. Österreich importieren und ihre Waren direkt an die Endkonsumenten liefern, nehmen oft an keinem Sammel- und Verwertungssystem teil, sie entpflichten ihre Verpackungen nicht oder melden nicht korrekte Mengen. Sie zahlen somit kein oder nur ein vermindertes Entpflichtungsentgelt. Die Folge ist eine Umverteilung, wodurch fast ausschließlich österreichische Händler belastet werden. Um dem ein Ende zu bereiten, könnte man beispielsweise Marktplätze wie Amazon oder Alibaba verstärkt in die Pflicht nehmen – mittels einer Plattformhaftung: Die Plattformen sollen für die nicht entrichteten Entpflichtungsentgelte ihrer Marktplatzhändler haften, sofern ein Marktplatzhändler an keinem nationalen Sammel- und Verwertungssystem teilnimmt oder nachweislich seiner Entpflichtung nicht nachkommt. 
     
  • Lebensmittelverschwendung bekämpfen
    Das Konzept der Freiwilligkeit hat sich im Bereich der Lebensmittelspenden in Österreich seit vielen Jahren bewährt und inder Praxis etabliert. Von einer gesetzlichen Regelung zur verpflichtenden Weitergabe raten wir ab, da vor allem die Sozialorganisationen aus logistischen Gründen nicht sämtliche anfallenden Lebensmittel annehmen und umverteilen können. Wir empfehlen aber eine Verbesserung der Rahmenbedingungen nach italienischem VorbildDerzeit sind Tafeln und Sozialmärkte rechtlich als Inverkehrbringer hin zum Endkonsumenten zu sehen – mit allen lebensmittelrechtlichen Pflichten. Viele Sozialorganisationen haben jedoch nicht die Möglichkeiten, diese Pflichten besonders in Hinsicht auf Qualitätskontrollen und Lebensmittelsicherheit einzuhalten. In Italien gibt es daher die gesetzliche Regelung, dass Sozialorganisationen nicht für Mängel von Produkten haftbar gemacht werden können, die sich nach bestem Wissen weitergegeben haben, das sog. Good Samaritan Law. Die Situation ist für die Hilfsorganisationen dadurch erheblich einfacher und würde den Hilfsorganisationen auch in Österreich mehr Rechtssicherheit und Schutz vor Haftungsklagen einräumen.

     
  • Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel
    Der Lebensmittelhandel ist offen für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel, um lokale Produzenten zu stärken – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass diese Pflicht auch für die Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie gelten wird. Der Handel ist bereits bei verpacktem Frischfleisch, frischem Obst und Gemüse, Olivenöl, Honig, Fisch, Eiern und Bio-Produkten zur Angabe der Herkunft verpflichtet. Über die Herkunft und die Produktionsbedingungen der in der Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie verarbeiteten Lebensmittel ist hingegen wenig bekannt. Eine Herkunftskennzeichnung ist in diesem Bereich weder verpflichtend noch üblich, selbiges gilt auch für die öffentliche Beschaffung.

     
  • Nacht- und Anlieferverbote für schadstofffreie LKW abschaffen
    Es gibt derzeit regional sehr viele Beschränkungen für den LKW-Verkehr in den Nachtstunden. Diese haben vorwiegend den Hintergrund, die Lärmbelästigung für Anrainer einzuschränken. Die Folge der Beschränkungen ist, dass die Situation in den Morgenstunden, in denen der Berufsverkehr ohnehin zu Staus, Lärm und Abgaskonzentration führt, durch LKWs, die ihren Versorgungspflichten nachkommen, verschärft wird. Wir empfehlen daher eine generelle Abschaffung der Nachtfahrverbote und der Anlieferverbote für neue schadstofffreie LKW, die im Vergleich zu PKWs nahezu lärmfrei unterwegs sind. Die Abschaffung würde zu einer Reduktion von CO² und dem Verkehr in der Rush Hour führen. 
     
  • Auslieferzeiten für den Großhandel erweitern
    Das Handelsgewerbe wird von vielen Unternehmen sowohl stationär wie auch online betrieben. Die Zustellung von Online- und stationären Bestellungen an Letztverbraucher ist durch eine KV-Änderung ab 1.1.2020 in der Zeit von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr möglich.  Jedoch sind Zustellungen des Großhandels an Gastro-Kunden an Samstagnachmittagen weiterhin nicht möglich, da ausschließlich eine Regelung für Lieferungen an Letztverbraucher getroffen wurde. Die Auslieferungsmöglichkeit an Samstagen nur bis 13.00 Uhr bringt eine ungerechtfertigte Einschränkung der Geschäftstätigkeit mit sich. Um eine Gleichstellung von Einzel- und Großhandel zu erreichen, ist es notwendig, die Beförderung bestellter Waren auch für den Großhandel an Samstagen bis 18:00 Uhr zuzulassen.

 

  • Sonntagsöffnung an mindestens 6 Sonntagen pro Jahr ermöglichen
    Der Einzelhandel steht aktuell unter großem Druck und dieser wird sich auch in absehbarer Zukunft nicht reduzieren. Die Kundenfrequenzen gehen vielerorts zurück, insbesondere in den Stadt- und Ortskernen. In einer solchen disruptiven Phase muss umgehend und mit einem großen Maß an Flexibilität reagiert werden. Wir fordern daher die Sonntagsöffnung an mindestens 6 Sonntagen pro Jahr für alle Handelsbetriebe, landesweit und ohne Sonderregelungen. Eine Erweiterung der Öffnungszeiten im stationären Handel würde auch einen kleinen Wettbewerbsausgleich mit dem eCommerce schaffen, da – wie Studien belegen – der Sonntag der präferierte Einkaufstag im Internet ist. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die Schaffung von Tourismuszonen auch in Wien Mehr als 700.000 Menschen gehen in Österreich am Sonntag laut Statistik Austria zumindest gelegentlich, mehr als 450.000 Menschen regelmäßig ihrem Beruf nach. Warum dürfen das keine Beschäftigten im Handel sein? Was unterscheidet einen Kellner von einer Verkäuferin?

 

Warum ist Ihrer Meinung nach der Handel oftmals in Österreichs Wirtschaftsleben ein „Stiefkind“, während die Industrie eine starke Lobby vorweisen kann?

Die Industrie hat sehr früh erkannt, dass es auch außerhalb der Wirtschaftskammerstruktur eine starke, freie Interessenvertretung braucht. Nur so können Partikularinteressen ohne Streuverluste in den politischen Prozess eingespeist werden sowie gemeinsame Positionen – unter Wahrung der kartellrechtlichen Voraussetzungen – abgestimmt und nachhaltig vertreten werden. Die Wirtschaftsprogramme vergangener Regierungen waren daher oftmals Industrieprogramme. Wenn dann für den Handel etwas übrig geblieben ist, war es schön. Was aber gefehlt hat, war ein starker Sprecher für den Handel, der die Spezifika der Branche kennt und Anliegen kompromisslos einfordert.

Mittlerweile füllt der Handelsverband diese Lücke mehr denn je, das hat sich in den letzten Jahren definitiv verändert. Wir haben uns in unserer Substanz in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht – weil unsere Mitglieder den Mehrwert erkennen. Wir können Anliegen überparteilich einbringen, egal welche politische Großwetterlage besteht. Angesichts der volkswirtschaftlichen Bedeutung unserer Branche ist dies auch absolut notwendig, immerhin ist der Handel in Österreich nach Anzahl der Unternehmen und nach Umsatz der größte Wirtschaftssektor sowie mit aktuell 600.000 unselbstständig Beschäftigten zweitgrößter Arbeitgeber. Unsere Branche ist eine tragende Säule der Wirtschaft, zentraler Versorger für die Konsumenten und vertrauenswürdiger Partner für Landwirte, Produktions- und Verarbeitungsbetriebe entlang der Wertschöpfungskette. Umso wichtiger sind daher unsere Schulterschlüsse mit der Landwirtschaft und der Industrie, um die Branche gemeinsam voranzubringen und unserer Rolle als Gatekeeper zum Konsumenten bestmöglich nachzukommen.

Welche signifikanten Marktveränderungen werden Ihrer Meinung nach kommen? Kommen große Marken nach Österreich und werden sich Segmente anders aufteilen?

Eines kann ich versprechen, den klassischen stationären Handel wird es auch in Zukunft geben. Ohne die Fläche geht es nicht, das zeigt der sogenannte Halo-Effekt: Eine stationäre Präsenz kann zu einer Verdopplung des Online-Umsatzes führen, da bis zu 90 % aller Onlinekäufe durch Ladengeschäfte beeinflusst werden. Dennoch stehen wir vor einer Zeitenwende. Im stationären Einzelhandel haben wir in den vergangenen zehn Jahren jedes fünfte Geschäft verloren. Die vielfrequentierten Top-Einkaufsstraßen bleiben stark, aber in manchen B- und C-Lagen liegen die Leerstände mittlerweile bei 25 Prozent. Dadurch geraten auch die Mieten unter Druck. Eine gegenteilige Entwicklung sehen wir zurzeit nur bei den Fachmarktzentren an der Peripherie. Deren Anzahl und Fläche hat sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt.

Welche Konzepte sind zukunftsfähig? Jene, die ein besonderes Einkaufserlebnis bieten – sei es durch erstklassige Beratung, große Auswahl, Wohlfühlatmosphäre im Geschäft, hochpersonalisierte Angebote oder eine spektakuläre Architektur. Das alles reicht aber noch nicht, den ein Top-Geschäft allein macht noch keine erfolgreiche Einkaufsstraße. Hierfür braucht es auch engagierte City-Manager, abgestimmte Öffnungszeiten, einen durchdachten Branchenmix und gezielte Investitionen, um die Frequenz zu steigern. Städte wie Leoben haben es mit ganzheitlichen Initiativen geschafft, wieder eine attraktive Innenstadt zu schaffen. Selbstverständlich können auch innerstädtische Warenhäuser wie das angekündigte KaDeWe Wien in derartigen Konzepten eine zentrale Rolle spielen. Ob ein derartiges Luxuskaufhaus hierzulande funktionieren wird, lässt sich kaum vorhersagen. Die Signa betritt hier in der Bundeshauptstadt absolutes Neuland, derartige Kaufhäuser sind in Österreich schon lange nicht mehr gebaut worden. Klar ist für mich nur eines: Wenn es wo funktioniert, dann in der Mariahilfer Straße.

Vor kurzem hat mit Zalando auch einer der führenden europäischen Onlinehändler angekündigt, auf der Mariahilfer Straße einen eigenen Flagship Store zu eröffnen. In Deutschland betreibt die Mode-Plattform bereits acht Outlet-Stores, in denen Restposten und Waren mit kleineren Mängeln verkauft werden. Wir sind gespannt, welches Konzept sich der zweitgrößte Onlinehändler am österreichischen Markt für Wien überlegen wird.

Was wird 2020 für den Handel bringen? 

Im Onlinehandel sind natürlich die erwähnten Monopolisierungstendenzen eine Herausforderung, die uns auch 2020 beschäftigen wird. Mittlerweile besitzt allein Amazon die Kundendaten von 93 % aller österreichischen Online-Shopper. Der Konzern von Jeff Bezos bündelt die Profite, die früher vielen kleineren Unternehmen vorbehalten waren, denn im eCommerce gibt es nur wenige Gewinner, der Wettbewerb ist hart und die Margen sind gering. Unsere Beschwerde gegen Amazon haben wir ganz bewusst als letztes Mittel gewählt, da wir lange kein Gehör gefunden haben, um faire Wettbewerbsverhältnisse für die Marktplatz-Händler sicherzustellen. Wir sind ja nicht gegen Amazon, sondern für einen fairen Marktplatz. Wir wünschen uns einen Marktplatz, der es unseren Händlern ermöglicht, auf diesem Vertriebskanal langfristig erfolgreich zu sein.

Was wird 2020 für den Handel bringen? Hier lohnt sich der Blick nach China, wo The Future of Retail bereits Realität ist. Der größte chinesische Marktplatz Alibaba hat heuer beim Global Shopping Festival 2019 (Singles Day) in 24 Stunden einen Umsatz von unglaublichen 38 Milliarden Dollar gemacht – und neun von zehn Bestellungen wurden via Smartphone getätigt. Vor allem die Digital Natives sind täglich im Netz aktiv, insbesondere auf Social Media Plattformen wie Instagram, wo sie den Influencern folgen. Das Wachstum der Foto-Sharing-App ist beeindruckend. 2,3 Millionen Österreicher nutzen sie mittlerweile – mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Gleichzeitig hat bereits die Hälfte der jungen Verbraucher Produkte gekauft, weil sie von einem Online-Promi beworben wurden. Die logische Konsequenz? Instagram verwandelt sich schrittweise in einen eCommerce-Kanal. Das wird den Onlinehandel ordentlich umkrempeln.

Gleichzeitig sehen wir aber noch immer 9 von 10 Euro im Handel über den klassischen Ladentisch wandern. Daher versuchen wir mit unserer Plattform KMU Retail, ein Set an Services für stationäre Händler zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre Geschäfte auch digital auffindbar machen. Das allein reicht nicht, ist aber besser als nichts. Zusätzlich zeigen wir Wege auf, die eigene Verkaufsfläche besser zu nutzen, wir bieten abmahnsichere Rechtstexte für Onlineshops oder ein 24h-Telefonservice an, damit die Händler selbst auf der Fläche aktiv sein können. Im Kleinen braucht es eine klare Strategie, welche Kunden mit dem eigenen Produkt über welchen Kanal erreicht werden sollen. Im Großen braucht es einen „New Digital Deal“ und eine Entdiskriminierung des stationären Handels.

Apropos Deal: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vor wenigen Tagen ihren European Green Deal mit rund 50 Maßnahmen für ein klimaneutrales Europa bis 2050 vorgestellt. Die Initiative soll Europa grundlegend verändern und sich wie ein grüner Faden durch unterschiedlichste Wirtschaftsbereiche ziehen – von der Landwirtschaft bis zur Industrie, vom Verkehr bis zum Handel. Meiner Meinung nach ist der Klimawandel die größte Herausforderung unserer Zeit. Daher begrüßen wir die ganzheitliche und langfristige Nachhaltigkeitsstrategie der Europäischen Union. Es darf allerdings nicht bei reinen Lippenbekenntnissen bleiben. Greta Thunberg hat absolut Recht, wir brauchen sofort Lösungen, um die ambitionierten Ziele zu erreichen – sowohl auf globaler und europäischer, als auch auf nationalstaatlicher Ebene.

Veröffentlicht am

18.12.2019