Plastik-Debatte geht weiter

Kein Land in Sicht

Was das Thema Plastikvermeidung, -reduktion und -Pfand betrifft, so kommt die Branche nicht zur Ruhe.

Ministerin Leonore Gewessler macht anscheinend ernst und zieht das Plastik-Pfand durch. Die Wirtschaft wehrt sich mit Vehemenz. Jüngst kam es zum Zusammenschluss der Chefs der drei größten Lebensmittelhandelsketten in Österreich. Unter der „Patronanz“ des Handelsverbandes stellten Dr. Gerhard Drexel, Spar Vorstandsvorsitzender, Marcel Haraszti, Rewe International Vorstand und Horst Leitner, Hofer-Generaldirektor fest: Einwegpfand macht Einkaufen teurer.

In einem gemeinsamen Schreiben mit Handelsverband-Geschäftsführer Mag. Rainer Will entkräften sie die Mythen, die um eine Verbesserung des Verhaltens mit Plastik ranken:

Mythos 1: Eine 90% PET-Getrenntsammelquote kann nur mit Einwegpfand erreicht werden

Die EU schreibt bis 2025 für Kunststoff-Getränkeflaschen eine verpflichtende Getrenntsammelquote von 77% vor, bis 2029 muss sogar eine Getrenntsammelquote von 90% erreicht werden. In Österreich kommen jährlich 1,6 Milliarden Plastikflaschen in Umlauf. Davon sammeln und trennen wir bereits heute mehr als 70%, d.h. 3 von 4 PET-Flaschen landen im gelben Sack oder in der gelben Tonne. Drei Bundesländer – Tirol, Vorarlberg und das Burgenland – liegen schon über 90%. Wir sammeln in Österreich bereits jetzt 3 von 4 PET-Flaschen. Wenn jede Österreicherin und jeder Österreicher nur eine Flasche mehr pro Woche in den richtigen Container wirft, haben wir 2029 alle Ziele erreicht. Daher leistet der Handel gerne Aufklärungsarbeit beim Konsumenten.

Die Herausforderung: In der Bundeshauptstadt Wien wird derzeit nur ein Drittel aller Plastikflaschen getrennt gesammelt, was den nationalen Durchschnitt nach unten drückt. Daher möchte Umweltministerin Gewessler nun in ganz Österreich ein Zwangspfand einführen, welches jedes heimische Unternehmen mit durchschnittlich 10.500 Euro jährlich zusätzlich belasten würde.

Mythos 2: Das Littering-Problem kann nur mit Einwegpfand gelöst werden

Littering, das achtlose Wegwerfen von Abfällen in der Umwelt, ist ein globales Problem. Auch in Österreich werden, trotz gut funktionierender Entsorgungsangebote, Abfälle oft achtlos weggeworfen. BM Gewessler möchte die Vermüllung des öffentlichen Raums u.a. durch die Einführung eines Einwegpfandsystems verhindern. Ein Zwangspfand verringert das Littering jedoch leider kaum. PET-Flaschen machen nämlich lediglich rund 6% der Littering-Menge aus. Langjährige Erfahrungen in Deutschland und Skandinavien haben zudem gezeigt, dass viele Getränkegebinde trotz Pfand nicht zurückgegeben werden, sondern achtlos in der Umwelt "entsorgt" werden.
Gerhard Drexel, Vorstandsvorsitzender von SPAR Österreich: "Sollte das Zwangspfand auf Plastikflaschen von der Bundesregierung tatsächlich beschlossen werden, gäbe es nur Verlierer: Die Konsumenten, die jedes gebrauchte Flascherl in den Supermarkt zurückbringen müssten, um ihr zuvor bezahltes Pfand von 30 Cent zurückzufordern; die Lebensmittelhändler, die sämtliche zurückgebrachten gebrauchten Plastikflaschen pressen müssten und dadurch aufgrund der ausströmenden Flüssigkeit ein Hygieneproblem bekämen; und letztlich die Umwelt, weil das vorbildliche österreichische Sammelsystem, für das uns ganz Europa bewundert, durch den Aufbau eines unnötigen Parallelsystems auf Dauer beschädigt würde." Rainer Will: "Das wirksamste Mittel gegen Littering ist, dem Konsumenten die Mülltrennung und Entsorgung so bequem und einfach wie möglich zu machen. Daher müssen wir endlich eine einheitliche Sammelstruktur für ganz Österreich schaffen und für Haushalte direkt am Wohnort den gelben Sack oder die gelbe Tonne zur Verfügung stellen.“

Mythos 3: Einwegpfand ist die günstigste Möglichkeit, um die EU-Quoten zu erreichen

Die Umweltministerin und einige heimische NGOs meinen, der bundesweite Aufbau eines Einwegpfand-Systems als Parallelsystem zur funktionierenden Getrenntsammlung sei die effizienteste und kostengünstigste Möglichkeit, um die von der EU vorgeschriebene Kunststoff-Recyclingquote von 50% bis 2025 und 55% bis 2030 zu erreichen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Das von der österreichischen Wirtschaft ausgearbeitete umfassende Konzept ermöglicht die Erreichung sämtlicher EU-Quoten und ist dabei um mindestens 60 Millionen Euro jährlich günstiger als das geplante Zwangspfand.

Mit Kanonen auf Spatzen

"Einwegpfand in Österreich einzuführen, heißt ökologisch mit Kanonen auf Spatzen zu schießen: fühlt sich vermeintlich gut an, löst aber nur einen kleinen Teil des großen Plastik-Problems. Und ist ein K.O. Schlag für Mehrweg", sagt auch Marcel Haraszti. Das Beispiel Deutschlands zeigt, dass nach Einführung des Einweg-Pfands der Mehrweg-Anteil binnen 7 Jahren von knapp über 70 auf rd. 43 % runtergerasselt ist. Da wurde die Rechnung ohne die Konsumenten gemacht: Wenn man sich durch ein Einweg-Pfand quasi "ökologisch freikaufen" kann, warum dann noch zu Mehrweg greifen?

Kleine Kaufleute

Dazu kommt, dass die großen Lebensmittelhändler mit Ächzen und Stöhnen den Umbau in den Filialen noch stemmen könnten. ABER: Die selbstständigen Kaufleute würden total auf der Strecke bleiben. Eine Investition in diesem Ausmaß geht über viele Kapazitäten.

"Die Einführung eines Einwegpfandsystems wäre für selbstständige Kaufleute mit einem sehr hohen Investitionsaufwand verbunden, der kaum finanzierbar wäre. Es würden Mehrkosten für die Einführung und Installation des neuen Systems sowie auch für den erhöhten Personalaufwand entstehen. Auch würde die erforderliche Bereitstellung von zusätzlichen Flächen für Automaten ein Platzproblem im Lager darstellen. Zusätzlich kommt es dadurch auch zu einem logistischen Mehraufwand. Diese zusätzlichen Belastungen machen es Nahversorgern im ländlichen Bereich noch schwerer, was bedeutet, dass in diesen Regionen die Anzahl der selbstständigen Kaufleute weiter zurückgehen würde. Wir sind daher klar gegen die Einführung des Einwegpfandsystems und setzen uns für eine freiwillige Ausweitung von Mehrweg ein", bestätigt Unimarkt-Geschäftsführer Andreas Haider.

Hinzu kommt: Die angekündigte Beausnahmung von Händlern mit Geschäftsflächen unter 200 m2 bzw. unter 400 m2 würde nur eine Diskriminierung hin zum Verbraucher bewirken. Denn auch wenn der Gesetzgeber für kleine Händler keine verpflichtenden Pfandautomaten vorschreibt und nur eine manuelle Rücknahme jene Gebinde zu erfolgen hat, die vom betreffenden Händler selbst auch verkauft werden, würden die Konsumenten trotzdem die Annahme aller Gebinde erwarten. "Wer glaubt, dass die Menschen dennoch beim Greissler ums Eck einkaufen gehen und beim Supermarkt nur vorbeischauen, um die Pfandflaschen abzugeben, der täuscht sich gewaltig. Vielmehr bringt das Pfandsystem die Kleinsten in größte Bedrängnis. Frequenzrückgänge sind die Konsequenz – mit allen negativen Folgen für die Ortskerne. Auch die Littering-Problematik wird aufgrund fehlender Rücknahmestellen nicht gelöst", erklärt Rainer Will.

Konter kommt sofort

Christian Abl, Geschäftsführer der ÖPG Pfandsystemgesellschaft, kontert sofort. "Ein untauglicher Versuch, mit Schreckensszenarien eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Maßnahme in Verruf zu bringen“. „Die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen: Ein Einwegpfand auf PET-Flaschen ist der einzige Weg, um die EU-Sammel- und Recyclingquoten rechtzeitig zu erreichen und somit auch die Strafzahlungen in Millionenhöhe abzuwenden“, sagt Abl. Die Fakten würden laut Abl eine klare Sprache sprechen: Ein modernes Einweg-Pfandsystem kann sich selbst finanzieren – etwa durch das nicht eingelöste Pfandgeld, einen sehr geringen Herstellerbeitrag sowie durch den Verkauf von gesammelten Wertstoffen. 
„Die Konsumentinnen und Konsumenten werden bereits jetzt für die Entsorgung ihrer Verpackungen zur Kasse gebeten – ein modernes Einweg-Pfandsystem würde für sie keinesfalls eine Mehrbelastung bedeuten“, so Abl.

Wer ist ÖPG? Die ÖPG Pfandsystemgesellschaft m.b.H. (ÖPG) ist eine Gesellschaft zur Errichtung und zum Betrieb von Pfandsystemen für alle Produkte, die über Ein- oder Mehrweg-Systeme ordentlich und sicher gesammelt, verwertet oder wiederverwendet werden sollen.

Veröffentlicht am

19.10.2020