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Faire Produkte schaffen im Lebensmittelhandel eine starke Resilienz

Neue Studie: Fairtrade stärkt Resilienz

Die Forscherinnen Tatjana Mauthofer und Millie Santos von Mainlevel Consulting sprechen über die Rolle des fairen Handels in Krisenzeiten wie diesen.

In Zeiten globaler Krisen profitieren Fairtrade-zertifizierte Kleinbäuerinnen und -bauern von stärkeren Kooperativen-Strukturen, besserer wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit, höherem sozialen Wohlergehen, ökologischer Nachhaltigkeit und gute Organisationsführung. Dies geht aus einer neuen Studie hervor, die von Fairtrade Deutschland und Fairtrade Österreich beauftragt und von Mainlevel Consulting durchgeführt wurde.

 

retailreport.at: Die Studie hat Fairtrade-zertifizierte Kooperativen mit konventionellen Kooperativen verglichen – welche Unterschiede wurden gefunden?

Mauthofer: Im Laufe der Jahre gab es erhebliche Herausforderungen für Bauernfamilien: Naturkatastrophen, das Auftreten von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten, Schwankungen auf dem Weltmarkt und erst kürzlich die COVID-19-Pandemie. Die Studie zeigt, dass die beiden Fairtrade-Mechanismen – der Mindestpreis und die Prämie – ein entscheidendes Sicherheitsnetz darstellen. In Krisenzeiten wird deutlich, dass Fairtrade die wirtschaftliche Resilienz der Bäuerinnen und Bauern stärkt.

Was sind Beispiele dafür, wie die Kooperativen in der Studie durch COVID-19, den Klimawandel und steigende Kosten beeinträchtigt wurden?

Santos: Die COVID-19-Krise hat sich weltweit negativ auf Wertschöpfungsketten ausgewirkt. Die Instabilität des Marktes, geringere Verkaufszahlen aufgrund von Einfuhrbeschränkungen sowie steigende Produktionskosten und vor allem knappe und teurere Arbeitskosten führten zu negativen Einkommenseffekten.
Auch der Klimawandel wurde als große Bedrohung identifiziert. Durch den Klimawandel verursachte Krisen wie Pilzerkrankungen und unvorhersehbare heiße und feuchte Perioden wirken sich negativ auf die Produktqualität und das Produktivitätsniveau aus. Aus diesem Grund wurden Produkt- und Einkommensdiversifizierung als Mechanismen identifiziert, um die Abhängigkeit vom Anbau von Bananen, Kaffee und Kakao zu verringern.

Wie steht es also um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Kleinbauernfamilien und Farmen?

Mauthofer: Die Bäuerinnen und Bauern sind sehr preissensibel. Während die Kaffee- und Kakao-Organisationen in den letzten Jahren steigende Preise verzeichnen konnten, stagnieren die Preise für Bananen aufgrund des Wettbewerbsdrucks durch Großabnehmer und Einzelhändler. Zum Zeitpunkt der Studie deckten die für Bananen erzielten Preise bei vielen der befragten Erzeugern in Nord-Peru kaum oder gar nicht die Produktionskosten.

Um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu verbessern, sind Marktpositionierung und Verkaufsbeziehungen von entscheidender Bedeutung, und in der Tat erhielt die stärkste untersuchte Bananen-Organisationen einen wesentlich höheren Durchschnittspreis als jene ohne Zertifizierung oder solche, die erst kürzlich zertifiziert worden waren.

Bäuerinnen und Bauern, die über vergleichsweise bessere finanzielle Mittel verfügen, haben ein höheres soziales Wohlergehen und werten sich und ihre Gemeinden auf. Gleichzeitig führen solide Governance-Strukturen zu professionelleren Geschäftsabläufen, verbesserter Stabilität in Bezug auf die Mitgliederzahl und tragen somit zur wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit bei.

Diversifizierung wird in der Studie immer wieder als wichtiger Aspekt wirtschaftlicher Resilienz genannt. Warum und wie lässt sich das erreichen?

Santos: Im Fall von Kakao zeigen Schätzungen, dass etwa 20 bis 25 % der Bäuerinnen und Bauern zusätzliche Einkommensquellen erschließen, beispielsweise für Yams- oder Reisanbau. Im Idealfall kann so gleichzeitig Einkommen, Nahrungssicherheit und Ernährung verbessert werden. Nach einer ähnlichen Strategie unterstützt die in Peru untersuchte Fairtrade-Kaffeeorganisation ein Forschungsprojekt zur Fischvermehrung, um das Potenzial der Fischzucht als neue Einkommensquelle mit zusätzlichen positiven Nebeneffekten für eine bessere Ernährung zu verstehen.

Ihr Bericht enthält einige Empfehlungen, wie Genossenschaften - und auch die Unternehmen, die von dort beziehen, sowie Fairtrade-Produzentennetzwerke - den jüngsten Problementwicklungen entgegenwirken können. Können Sie dafür ein paar Beispiele nennen?

Mauthofer: Alle Akteure entlang der Lieferkette, die ein dauerhaftes Geschäftsinteresse an der Beschaffung von Agrarprodukten haben, sollten dringend ihre Verantwortung ausweiten und Kooperativen und Produzenten bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel unterstützen.

Die Untersuchung zeigt, dass Fairtrade eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung von Akteuren und Finanzmitteln sowie bei der Sensibilisierung für die Auswirkungen des Klimawandels am Anfang der Wertschöpfungskette spielt. Es wird daher empfohlen, dass Fairtrade weiterhin die Umsetzung von Projekten zur Anpassung an den Klimawandel unterstützt und das Bewusstsein sowohl auf der Ebene der Einzelhändler als auch der Verbraucher stärkt. Die Studie empfiehlt, proaktiv die Produkt- und Einkommensdiversifizierung ihrer Mitglieder zu unterstützen, um deren Anfälligkeit zu verringern, ihre Resilienz zu stärken und sicherzustellen, dass sie ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten auch in Krisenzeiten fortsetzen.

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Veröffentlicht am

22.07.2022