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Fairtrade setzt sich sehr für die Unterstützung der Kakao-Bauern in dieser Welt ein

Fairtrade: Taten statt Ankündigung bei Kakao

Die Kakaoernte und die produzierenden Bauern stehen unter Druck, Fairtrade hilft vor Ort und klärt auf.

Am 1.10. 2021 wurde der neue Preis für die Haupt-Kakaoernte in Ghana und Côte d’Ivoire veröffentlicht: er beträgt minus 18 % im Vergleich zu Oktober 2020. Dem Druck der Industrie bzw. den Marktgegebenheiten wurde nachgegeben.
Und das, obwohl aktuelle Studienergebnisse klar ergeben, wie wichtig höhere Kakao-Rohstoffpreise für die Einkommen der Kakao-Bauernfamilien sind. Im Jahr 2019 wurden die Fairtrade-Mindestpreise für Kakao um 20%angehoben, weil frühere Untersuchungen vor Ort ergeben haben, dass die Einkommenssituation der Kleinbauernfamilien immer noch sehr schlecht ist. Fairtrade Österreich Geschäftsführer Hartwig Kirner nimmt Stellung zu dem Thema.

retailreport.at: Agrarische Produkte sind auf der ganzen Welt stark gefragt und einer Teuerung unterzogen. Die Gründe liegen auf der Hand: Klimaveränderung und Verfügbarkeit. Warum ist das bei Kakao nicht so?

Hartwig Kirner: Die Schokoladenindustrie ist hoch konzentriert. Einer Hand voll großer Rohstoffhändler und -verarbeiter stehen eine große Zahl kleinstrukturierter Kakaobauernfamilien gegenüber. Gleichzeitig werden Anbauflächen durch Entwaldung ausgeweitet und produktivitätssteigernde Programme der Industrie investieren große Summen, die sich auf die Steigerung der Erntemengen auswirken. Für die Bauernfamilien ist das daher kein gutes Geschäft. Denn durch größere Erntemengen sanken die Preise und sie verdienen heute weniger als vor einigen Jahren.

Welche Länder sind vom Druck auf die Bauern ganz besonders betroffen, wenn es um Kakao geht?

Ghana und die Elfenbeinküste produzieren gemeinsam mehr als zwei Drittel der jährlichen Kakao-Welternte. Die Abhängigkeit der Kleinbauernfamilien vom Kakaoanbau ist in diesen Ländern besonders groß. Leider ist auch die Zahl der in Armut lebenden Menschen im Kakaosektor hoch, ausbeuterische Kinderarbeit ist in den Anbauregionen zudem weit verbreitet. Die beiden Länder haben in der jüngeren Vergangenheit bereits gemeinsam versucht, durch die Einhebung eines „Living Income Differentials“ die Preise für die Bauern zu verbessern. Derzeit sieht es aber leider so aus, als wenn diese sinnvolle Initiative am Druck der Schokoladehändler und -verarbeiter zu scheitern droht. Zum Vergleich: der Preis für die heurige Haupternte, die gerade läuft, wurde um 18 Prozent unter dem Vergleichswert von 2020 angesetzt.

Ist den Herstellern nicht bewusst, dass es ohne Kakao in Zukunft nicht mehr geht? Warum ist man hier so kurzsichtig? Wie wird man das Thema Rohware Kakao in Zukunft lösen, wenn die Bauern nicht mehr liefern können?

Seit Jahren kündigen große Kakaoverarbeiter vollmundig an, die Probleme des Kakaoanbaus – ausbeuterische Kinderarbeit, Entwaldung und bittere Armut – bekämpfen zu wollen. Als die beiden wichtigsten Anbauländer vor 2 Jahren einen Plan entwickelten, mit dem durch eine zusätzliche Prämie das Einkommen der Kleinbauernfamilien verbessert werden sollte, wollten einige große Player davon aber nichts wissen. Statt diese Initiative zu akzeptieren, die die Preise für alle Verarbeiter gleich und moderat erhöht hätte, wurde scheinbar der kurzfristige Profit wieder einmal über die langfristige Verbesserung für die Menschen in den Anbauländern gestellt. Ankündigung alleine sind aber nichts wert, wenn keine Taten folgen. 

Wie greift Fairtrade hier ein?

Fairtrade definiert Mindestpreise und eine zusätzliche Prämie, die das Einkommen der Bauernfamilien langfristig erhöhen. Wir haben beides vor 2 Jahren um 20% angehoben. Eine Entscheidung, die für unsere Partnerfirmen nicht leicht war. Der Erfolg gibt uns aber Recht. Nach der Erhöhung stiegen die Einkommen der Kakaobauernfamilien um bis zu 85%. Lebten davor nur 42% der Fairtrade-Kakaobauernfamilien in Westafrika über der absoluten Armutsgrenze, sind es heute 61%. Noch immer zu wenige, aber die Studie zeigt, dass unsere Interventionen effektiv sind.

Wie geht es Fairtrade aktuell in Zeiten von Preissteigerungen, Verknappung, etc?

Die Lieferketten wurden durch Corona glücklicherweise nie unterbrochen. Die größten Probleme ergeben sich für die Bauernfamilien durch Preissteigerungen auf Düngemittel und Transport. Marktseitig sehen wir bei Kakao eine positive Entwicklung. 2020 gab es ein Absatzplus von über 50 % in Österreich mit Fairtrade-Kakao und im laufenden Jahr sieht es ebenfalls sehr gut aus.

Welche Themen liegen Fairtrade in Zukunft am Herzen?

Wir wollen uns noch stärker für ganzheitlich faire Lieferketten und Menschenrechte einsetzen. Fairtrade leistet wichtige Arbeit im Ursprung, es zeigt sich aber, dass es ohne gesetzliche Rahmenbedingungen die international gültig sind nicht geht. Das Beispiel der Schokoladeindustrie zeigt, dass Freiwilligkeit manchmal nicht ausreicht. Denn die großen Unternehmen versprechen seit Jahren, sich für Menschenrechte einzusetzen und die Entwaldung zu stoppen, doch aktuell ist das Gegenteil der Fall. Erstmals seit 20 Jahren steigt die ausbeuterische Kinderarbeit weltweit wieder an. Das sind rückläufige Entwicklungen, die man so nicht hinnehmen kann.

Wie können Handel, Hersteller und Konsument unterstützen?

In Österreich gibt es bereits mehr als 2100 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel in über 5000 Verkaufsstellen. An Auswahl und Verfügbarkeit mangelt es also nicht und mit einem neuerlichen Wachstum zertifizierter Umsätze von 11 % im Jahr 2020 ist die Entwicklung hierzulande sehr positiv. Es freut mich besonders, dass die notwendige Erhöhung der Fairtrade-Mindestpreise vor 2 Jahren für Kakao in Österreich zu keinem Rückgang geführt hat. Im Gegenteil.  In diesem Jahr haben die Marken Berglandmilch, Manner Waffelprodukte und Ölz ihren gesamten Kakaoeinkauf neu auf Fairtrade zertifizierte Ware umgestellt.

 

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geschrieben am

22.12.2021