Fairtrade als Siegel hat wenig Krise in der Krise, aber die Produzenten leiden sehr.

Die richtigen Lehren aus der Krise ziehen

Fairtrade Österreich und International sieht sich ebenfalls vor völlig neuen Aufgaben. Erfreulicherweise war 2019 ein sehr gutes Jahr für Lizenzen.

 

Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, sieht die Krise mir einem lachenden und einem weinenden Auge. Er ist erfreut, dass in Krisenzeiten die Konsumenten nach hochwertigen Produkten greifen und dazu zählen auch jene, die das Fairtrade-Siegel tragen: Kaffee, Kakao, Schokolade, Bananen oder Fruchtsaft. Insgesamt waren es im Jahr 2019 etwa 2100 Produkte an rund 5000 Verkaufsstellen, die das Fairtrade-Siegel trugen.

Große Sorgen bereiten Hartwig Kirner und allen Fairtrade Mitarbeitern vor allem vor Ort in den Ländern von Afrika, Asien oder Lateinamerika die schlechten Zustände aufgrund des Virus: wenig Schutz durch Kleidung, wenig Aufklärung der Bevölkerung und vor allem der Bauern und vor allem keine finanzielle Unterstützung der betroffenen Bauern und Unternehmer, wie wir sie aus Europa oder im speziellen aus Österreich kennen.

„Derzeit machen wir die Erfahrung, dass die Fairtrade-Prämie für Maßnahmen gegen das Virus verwendet wird“, so Kirner. Sie ist aber für einen anderen Zweck gedacht, wie Bildung etwa. Deshalb gibt es einen ganz speziellen Fairtrade-Fördertopf, der gerade gefüllt wird und mit 3,5 Mio. Euro dotiert ist. Er ist ein internationaler Topf, den die Mitarbeiter aller Fairtrade-Organisationen mit Hilfe von stattlichen Hilfsgeldern, Regierungen, Stiftungen und Fördergebern aufstellen. „Wir müssen mithelfen, dass die Menschen in den Ländern gesund bleiben“, ist Kirner überzeugt.

Alle Warengruppen sind auch wirtschaftlich von der Corona-Krise betroffen. Manche mehr, manche weniger. Kaffee zum Beispiel ist zum großen Teil bereits geerntet und in den Lagerhäusern. Das ist gut so, denn Erntehelfer aus Nachbarländern dürfen nun nicht mehr in die Anbaugebiete, um das Virus nicht zu verbreiten. „Costa Rica hat viele Erntehelfer aus Nicaragua, die nun nicht mehr über die Grenze kommen“, so Kirner. 

Kakao wird erst im Oktober geerntet, die aktuelle Ernte ist „eine kleine“, die die Bauern selbst erledigen können.

Bananen werden laufend gepflückt und das funktioniert auch gut, man muss nur gut beobachten, ob die Häfen, in denen die Banane auf der Welt ankommt, auch offen sind. Derzeit ist das so, aber so etwas kann sich täglich ändern. 

Am schwierigsten ist die Situation für die Rosen-Produzenten. Ihre Situation ist sehr dramatisch, denn sie haben Ware, die sie nicht aus dem Land bringen. In Vor-Corona-Zeiten kamen die Rosen regelmäßig mit Passagier-Maschinen aus Afrika nach Europa, seitdem diese nicht mehr fliegen, verdirbt die Ware vor Ort. Vor Muttertag hat man sich dazu entschlossen Sondermaschinen mit den Blumen zu organisieren.

Immer in Alarmbereitschaft

Doch auch in den letzten Jahren hat man erkannt, dass nicht alles immer rosig ist in den Anbauländern der einzelnen genannten Warengruppen. Immer wieder tauchen Probleme auf. Am schlimmsten ist es für die Kakao-Bauern in Ghana und Elfenbeinküste. Sie Kakaopreise sanken ins Unermessliche und deshalb mussten Maßnahmen gesetzt werden. Zum einen hat Fairtrade den Mindestpreis für Kakao um 20% erhöht und alle Partnerfirmen in Österreich sind mitgegangen. Und die viel wichtigere Maßnahme haben die Regierungen dieser beiden Länder selbst gesetzt: Auf dem Meeting der „World Cocoa Foundation“ am 23. Oktober 2019 kündigten die Regierungen der Elfenbeinküste und Ghanas an, einen Preisaufschlag für Kakao ab Oktober 2020 festzulegen, um existenzsichernde Einkommen für die dortigen Kakaobäuerinnen und -bauern zu erreichen.  Das Ziel: bessere Einkommen für alle Kakaobäuerinnen und -bauern

Fairtrade hat die Einführung des Living income differential (LID) durch die Regierungen voll unterstützt und war auch Mitglied der Beratungsgremien. Der Betrag soll zusätzlich pro Tonne Kakao zu zahlen sein und gewährleisten, dass ein höherer Preis bei den Bauern ankommt. Ab Oktober 2020 ist das LID in Höhe von 400 USD pro Tonne (FOB) für Kakao aus Ghana und der Elfenbeinküste zusätzlich zum staatlich festgelegten Marktreferenzpreis zu zahlen. Die Wichtigkeit des LID ist klar: mehr als die Hälfte der Bauern leben unter der Armutsgrenze. Und die Situation wird nicht besser, denn Westafrika produziert pro Hektar nur ein Drittel an Kakao von Lateinamerika. Deshalb muss man die Produktivität steigern und die Preise anpassen, um am Weltmarkt mitsprechen zu können.

Gute Basis

Fairtrade geht von einer sehr guten Basis 2019 aus. Der Umsatz mit Lizenzprodukten lag bei 351 Mio. Euro (geschätzt). Das war eine Steigerung von 5,4%, das sind 19 Mio. Euro. Bananen sind stark gewachsen, da Spar noch stärker auf die Fairtrade Bio-Schiene setzte und Lidl die konventionellen Bananen auf Fairtrade umstellte. Kakao war ebenso erfolgreich mit einem dicken Plus, obwohl Zotter die Partnerschaft gekündigt hat. Rosen erlebten deshalb ein Minus, weil die Anzahl der Sträuße im Handel zwar gleichblieb, aber die Anzahl der Blumen im Strauß bei manchen Händlern geringer wurde (Kostenfrage). Kaffee und Heißgetränke erlebten im Außer-Haus-Konsum einen echten Boom. 

Für Herbst sind Schwerpunkte bei Reis (auch in der Gastro) und bei Fruchtsaft geplant.

„Es freut mich jedenfalls, dass die Konsumenten den Wert der Lebensmittel wieder mehr schätzen, wenn man sich die Trends im Lebensmittelhandel ansieht“, so Kirner. Man will einfach jetzt, wo man mehr kocht, gute Produkte mit Herkunft verwenden. „Ich hoffe, das ist die richtige Lehre, die man aus der Krise lernen kann“.

Deutsche Verbraucher geben 2 Mrd. Euro  für Fairtrade-Produkte aus

Die Corona-Pandemie überschattet das Erfolgsjahr 2019. Erstmalig knackten Fairtrade-Umsätze die 2 Milliarden Euro Marke. Und auch während der Corona-Krise bleibt die Nachfrage nach fairen Lebensmitteln wie Kaffee, Bananen oder Kakao stabil.

2,04 Milliarden Euro gaben Verbraucher in D  im letzten Jahr für faire Produkte aus, das entspricht 25 Euro pro Kopf und einem Wachstum von 26 %. Die Verkaufsmengen legten entsprechend kräftig zu: beispielsweise bei Bananen, um 41 % auf 130.000 Tonnen. Hier gab ebenfalls die zusätzliche Einlistung von Fairtrade-Bananen ohne Bio-Siegel bei Lidl den Ausschlag. Der Marktanteil liegt bei 20 %. Auch Kaffee kam häufiger fair in die Tasse: Mit einem Wachstum von 12 % auf 23.000 Tonnen klettert der Marktanteil auf rund 5 %.

In immer mehr Schokoladenwaren steckt fairer Kakao: 79.000 Tonnen wurden 2019 eingesetzt, 45 % mehr als im Vorjahr. Damit hat fairer Kakao einen Marktanteil von 17 %. Gut eine halbe Milliarde faire Rosen wurde verkauft, ein Plus von 19 %. Der Marktanteil liegt bei 30 %.

Durch den heißen Sommer wurde etwas weniger Tee getrunken (-6%, 359 Tonnen). Positiv dagegen entwickelten sich Honig (+12 % auf 1500 Tonnen) und Reis (+40 %, 1170 Tonnen); letzterer vor allem durch die Einlistung von Reisprodukten von Davert bei der Drogeriekette dm. Steigende Nachfrage nach Berufsbekleidung und Baumwolltaschen, begünstigt durch das Plastiktütenverbot, führten zu einem Absatzplus von Textilien mit Fairtrade-Baumwolle von 59 % auf 22,2 Mio. Stück.

Fairtrade Österreich Geschäftsführer Hartwig Kirner

Veröffentlicht am

15.05.2020