Aufreger Fleisch

Aufreger Fleisch

Da schau her: Der Klimawandel lässt unsere Fleischbranche kalt.

Ein Bericht von Dr. Hanspeter Madlberger

Der  IPCC Sonderbericht des UNO-Weltklimarates, der die globale Fleischwirtschaft als Klimasünder anprangert und einen Paradigmenwechsel in der Produktion und im Konsum  nach dem Motto  „weniger Fleisch, mehr Gemüse“ fordert, stellt Österreichs Vieh- und Fleischwirtschaft vor Herausforderungen in einer Dimension, wie es sie bislang noch nie gab. 

Der UNO-Bericht, am 8. August in  Genf veröffentlicht, schafft eine klare Faktenbasis: Der weltweite Fleischkonsum hat sich in den letzten 50 Jahren nahezu verdoppelt. Die Landnutzung, bestehend aus Land- und Forstwirtschaft, ist mittlerweile  für  23% der anthropogenen (vom  Menschen verursachten) Treibhausgas-Emissionen (gemessen in CO2 Äquivalenten) verantwortlich. Hauptauslöser sind wachsende Rinderherden, die immer mehr Methan ausstoßen, das von dezimierten Regenwäldern in immer geringerem Maße absorbiert wird. Wenn dann auf den gerodeten Flächen die Sojabohne heranwächst, die, in Unmengen nach Europa verschifft, an Schweine- und Geflügel verfüttert wird und so die Fleischproduktion weiter in die Höhe treibt, ist der Teufelskreis  perfekt. Ein Teufelskreis, der die CO2-Neutralität der globalen Landwirtschaft ins Wanken bringt und eine massive Klimaverschlechterung nach sich zieht. 

„Der Klimawandel erfordert auch in unseren Breiten weniger Fleischkonsum und damit auch weniger Tierhaltung“. Das ist die schlichte Schlussfolgerung, die deutsche Klimaforscher aus dem IPCC-Bericht  ziehen. Und die Gesellschaft für Ernährung in Bonn empfiehlt ihren Landsleuten, den Fleischkonsum um mindestens die Hälfte zu reduzieren. Entsprechend müssten die Bauern die Tiermast herunterfahren. 

Thema Fleisch eskaliert zum Medien-Tsunami

Wenn wundert es daher, dass das Thema Fleisch seit Wochen europaweit für Schlagzeilen in den Medien und für Aufregung in der Politik sorgt. „Kann man heute noch mit gutem Gewissen Fleisch essen?“ fragte Sandra Meischberger in ihrer jüngsten ARD-Diskussionsrunde. Von Tierfabriken, Missständen in Schlachthöfen  und Verbrauchertäuschung war da zum xten Mal die Rede. „Greta Thunbergs „Friday for Future“-Kampagne hat gute Chancen, das fast schon in Vergessenheit geratene Freitagsfasten der katholischen Kirche zu einer Renaissance zu verhelfen. Fleischverzicht for Future, das schmeckt offenbar den einstigen Couch Potatoes. 

Dabei geht es nicht nur um die Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft, die in Deutschland den Ruf nach einer Fleischsteuer (als Sonderform einer CO2-Abgabe) laut werden ließen. Gleichzeitig lodern die Kritik an der Massentierhaltung, der Ruf nach Ausbau der Bio-Landwirtschaft, die Proteste gegen ein Handelsabkommen zwischen der EU und den  Mercosur-Staaten Südamerikas auf. Alle reden vom Fleisch, es steht zu befürchten, dass vielen Konsumenten, alten wie jungen, allmählich der Appetit auf das Schnitzel und das Steak vergeht. 

Und wie reagiert die heimische Fleischbranche?

Alarmstufe Rot ist angesichts dieser Mega-Erregung auch für die heimische Fleischbranche gegeben. Eine Branche, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie besonders viele Wertschöpfungsstufen umfasst. Die Meat Value & Supply Chain spannt sich von  der Futtermittelindustrie über die bäuerlichen Tierhalter  und –mäster, die Schlachthöfe, die Zerlegebetriebe, den Fleischhandel und die Wurstproduzenten bis zur Gastronomie und zu den Supermarktketten.

Aber Österreichs Fleischwirtschaft  ist weit davon entfernt, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, welche Lösungen sie anstrebt, um das Fleisch vom Makel der Klimasünde, der Tierquälerei und des Gesundheitsrisikos zu befreien. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Branche sich dieser, für sie existenziellen Diskussion deshalb nicht stellt, weil unter den  Gliedern der Lieferkette kein gemeinsames Branchenbewusstsein existiert. Agrarhandel, Bauernschaft, Fleischindustrie, Fleischergewerbe, Lebensmittelhandel und Gastronomie, jede Stufe kämpft im Alleingang. Von einem koordinierten Krisenmanagement kann da keine Rede sein. Vielmehr sind Schuldzuweisungen, speziell in Richtung Handel auf der Tagesordnung. „Die Supermarktketten sollten endlich mit ihren Fleisch-Schleuderaktionen aufhören“ rufen die einen, während aus der anderen Ecke der Vorwurf laut wird, der Handel würde am Fleisch zuviel verdienen und seine Lieferanten auspressen. Viele aus der Fleischindustrie aber verfolgen eine Vogel-Strauß-Politik. Sie schweigen und freuen sich, wenn sie Schweinsfüße und –ohren nach China liefern dürfen, wo die aus Afrika importierte Schweinepest wütet. 

Fleisch-Marketing, gibt’s das bei uns?

In dieser für die Fleischbranche so kritischen Situation werden Versäumnisse der Vergangenheit überdeutlich erkennbar: Die Fleischproduzenten dieses Landes, allen voran die genossenschaftlich organisierten, haben es nie verstanden, ein professionelles Fleischmarketing zu entwickeln. Das betrifft vor allem den Markenaufbau.  Zwar gibt es einige hervorragenden Erzeugermarken im Wurst- und Schinkenbereich (Handl, Wiesbauer, Berger etc.), aber auf dem Frischfleisch- und Geflügel-Sektor sind namhafte Herstellermarken kaum vorhanden. Namen wie  Gustino, Almo oder Wech rangieren im Markenbeliebtheits-Ranking der Lebensmittel-Branche weit unten. Dass „amtliche“ Gütezeichen nicht dieselbe Vertrauensbasis schaffen, wie Marken, zeigt sich deutlich im Bio-Bereich: Rewes Ja!Natürlich hat entschieden mehr für das Wachstum der Bio-Landwirtschaft geleistet, als das  EU- oder das AMA Bio-Siegel. Gerade  für den Fleischsektor gilt: Die Themenführerschaft bei der  Bewerbung nachhaltiger Fleisch-Strategien liegt eindeutig  beim Handel.  Das belegen Programme wie Fairhof von Hofer oder Tann schaut drauf von Spar. Besonders cool: Das jüngst vorgestellte  Metro-Projekt der Kategorie Hybrid Meat. Dahinter verbirgt sich  die vom Startup Unternehmen Rebel Meat entwickelte Rezeptur für Burger, die zu 50% aus Rindfleisch und zu 50% aus Pilzen und Hirse bestehen. 50% Fleischersparnis, im Handumdrehen geschafft! Hermann Neuburger lässt grüßen.

Wie hält es die AMA mit dem Fleisch-Marketing?

Hingegen ist der Beitrag der AMA Marketing zur aktuellen Grundsatzdiskussion über eine klimaschädliche Fleischüberproduktion und einen gesundheitsschädlichen Fleisch-zuviel-Konsum recht überschaubar. Die Homepage der AMA wartet aktuell mit einer Story “Veganismus, eine Zivilisationskrankheit?“ auf. Nettes Ablenkungsmanöver. Das diesjährige AMA Fleischforum kommt zum Ergebnis, dass sich, laut AMA Marktforschung, „die Zahl der Menschen; die sich vegetarisch oder vegan ernähren, in den letzten fünf Jahren um lediglich je einen Prozentpunkt zugenommen hat.“ So kann man Probleme klein reden. 

Immerhin wird, wenn auch nur dezent, angedeutet, dass auch im Land der Schnitzel-Freaks mittlerweile viele Menschen anders ticken: Die aktuelle Motivanalyse der AMA zeige, dass rund die Hälfte der Befragten beim Fleischeinkauf auf besondere Angaben zum Wohl der Tiere achtet, Frauen noch stärker als Männer.“ Logische Folge dieses Befundes wäre, dass die AMA bei ihren Mitglieder aus der Fleisch-Fraktion mit Nachdruck darauf drängt, dass sie im Rahmen des AMA Gütesiegel-Programms vom Tierwohl-Modul intensiven Gebrauch machen. Davon aber kann in der Praxis keine Rede sein. 

GS1-Datensystem bleibt  weitgehend ungenutzt

Weiters muss man als neutraler Beobachter den Eindruck gewinnen, dass das digitale Datennetz, das in Form der GS1 Standards für eine sichere Fleisch-Rückverfolgung zur Verfügung steht, von Produzentenseite in zu geringem Maße genutzt wird. Der Lebensmittelhandel hingegen steht voll dahinter, auch in der Gastronomie gibt es mittlerweile GS1-Musterknaben wie beispielsweise Wiens Schnitzel-Champion, den Figlmüller. Wichtig wäre, dass man sich im kleinen Österreich auf einheitliche Standards und Datenträger einigt. Wenn manche für QR-Codes, andere für Blockchain-Lösungen plädieren, wird die Sache unnötig verkompliziert.  

Agrarpolitik: Beim heimischen Fleisch ist alles paletti

So begegnet man allerorten einer Halbherzigkeit unserer agrarischen und industriellen Fleischproduzenten im Umgang mit den großen Herausforderungen ihrer Branche. Es mangelt ihnen an Mut zur Selbstkritik und zu einer radikalen ökologischen Neuausrichtung ihrer Betriebe.  Wenn aber die Akteure der Branche sich bedeckt halten, dann wird der öffentliche Diskurs über das vieldimensionale  Problemfeld Fleisch von den recht einseitigen Wortmeldungen jener Interessensvertreter dominiert, die nur auf Beruhigung der eigenen Klientel abzielen und  keine Branchenlösung anbieten.  

So packt Bauernbund-Präsident Georg Strasser nach bewährter Agrarpolitiker-Manier den Stier bei den Hörnern. Sein Postulat, erhoben beim niederösterreichischen Almwandertag am 16. August: „Die  österreichische Alm- und Weidewirtschaft schneidet bei CO2-Emissionswerten europaweit am besten ab.“ Daher sollten im künftigen EU-Agrarbudget unseren Bergbauern diese Klimaschutz-Leistung entsprechend abgegolten werden. Elegant die Kurve in Richtung EU-Fördertöpfe genommen.

Zwei Tage später unterlegte die „Sonntagskrone“ diese Argumentation mit einem Zahlenvergleich: Ein Kilo Rindfleisch, in Argentinien produziert, verursache Treibhausgas-Emissionen, ausgedrückt in einem CO2 Äquivalent und Höhe von  24.500 Gramm. Hingegen würde ein Kilo österreichisches Rindfleisch unser Klima nur mit  13.730g belasten. Weil der negative Klima-Effekt beim Rind wegen der Methan-„Abgase“ besonders hoch ist, schneidet heimisches Schweinefleisch mit 3300 g /Kilo  bei diesem Vergleich besonders günstig ab. Die genannten Zahlen beruhen, laut Auskunft des Bauernbundes, auf der Studie „ Evaluation of the livestock sector's contribution to the EU greenhouse gas emissions (GGELS).

Warum also die ganze Aufregung? Wenn man der Argumentation des Bauernbundes und der „Krone“ folgt, kann unsereins den Sonntagsbraten guten Öko-Gewissens genießen, solange er sicher sein kann, dass er von heimischen Bauernhöfen stammt. 

Veröffentlicht am

22.08.2019