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Böses Soja, gutes Soja

Böses Soja, gutes Soja

Soja-Schweinefutter zerstört den Regenwald, pflanzlicher Fleischersatz hingegen boomt.

Bericht: Hanspeter Madlberger

NGOs und ihre Experten warnen: Exzessive Schweinemast in Europa beschleunigt globale Hunger- und Klima-Katastrophen. Auch Österreichs Vieh- & Fleischwirtschaft muss umdenken. Eine brandaktuelle KPMG-Studie, die dem retailreport.at vorliegt, besagt: Eine wachsende Öko-sensible Konsumentenschaft in Europa kauft verstärkt pflanzliche Fleischalternativen, auch solche auf Soja-Basis. Die Inflation könnte dazu beitragen, der Billigfleisch-Produktion den Garaus zu machen und Produzenten und Fleischtiger zur Umkehr zu motivieren.

Die Grillsaison ist heuer sehr verhalten angelaufen. Nicht nur wegen der seit Ostern stark angestiegenen Fleischpreise in den Supermärkten. Bei immer mehr Konsumenten brutzelt auch das schlechte Gewissen mit, wenn sie, alten Lagerfeuer-Ritualen folgend, marinierte Schweinskoteletts auf den Rost legen. Denn: Zur Welt-Klimakrise hat sich, nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, eine Welt-Hungerkrise gesellt. Futtermittel-Produktion und Schweinemast stehen am Greenpeace-Pranger. Bauern und Fleisch-Produzenten sind gleichermaßen zu radikalem Umdenken aufgerufen.

"Den Regenwald verfüttert"

So  übertitelte Die Zeit vom 19. Mai 2022  einen Bericht, der aufzeigt, wie die Soja-Importe für die europäische Schweine- und Hühnermast  - rund 60 Millionen Tonnen im Jahr - dazu führten, dass zwecks Ausbau der  Produktion von (überwiegend Gen-verändertem)  Soja in Brasilien riesige Waldrodungen im Amazonasgebiet stattfanden. Zwar wird von staatlicher Seite die direkte Umwidmung von gerodetem Regenwald in Anbauflächen für Soja verboten. Aber die Nutzung als Weidefläche ist erlaubt. Mit dem Ergebnis, dass ein paar Jahre nach der Rodung  die Weide zum Sojafeld umgewandelt wird.

Heute umfasst die Soja-Anbaufläche im ehemaligen brasilianischen Urwald 4,6 Millionen Hektar. Von der Jahresernte im Ausmaß von 120 Mio to wandern jährlich große Mengen in die EU, die bei Soja einen Selbstversorgungsgrad von nur 5% aufweist. Deutschland mästet und schlachtet jährlich 55 Millionen Schweine,  bezieht dafür allein aus Brasilien 2,6 Mio to Sojafutter jährlich. "Kein Land in der EU produziert soviel Fleisch wie Deutschland, kein Land auf der Welt produziert soviel Soja wie Brasilien", schreibt Die Zeit. Zum Vergleich: Österreich importiert jährlich 215.000 to Sojabohnen und Sojaschrot, in heimischen Ställen werden pro Jahr  5,5 Millionen Schweine gemästet. (Quelle: Land schafft Leben).

Billigfleisch setzt Soja-Schnellmast voraus

Der proteinreiche Sojaschrot ist bei den Schweine- und Geflügelmästern und ihren Abnehmern aus der Fleischindustrie deshalb so beliebt, weil dieses Futter dazu beträgt, dass die Schweine schneller ihr Mastgewicht erreichen. Zwischen Billigfleisch, Schnellmast, Soja-Importen und Regenwald-Zerstörung besteht somit ein enger  Zusammenhang. Eine ökologische Todesspirale entlang einer globalen Lieferkette. Eine Studie der FAO aus dem Jahr 2018 kommt zum Ergebnis, dass die weltweite Erzeugung tierischer Proteine, also die Futtermittel- und  Fleischproduktion auf diesem Globus für 26% aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist, 77% (!)  der landwirtschaftlich genutzten Fläche beansprucht und 23% des verfügbaren sauberen Süßwassers verbraucht. Zur Bekämpfung der aufkommenden Hungersnot bedarf es weltweit groß angelegter Umwidmung von Futtermittel- zu Lebensmittel-Anbauflächen.

Abmagerungskur für Schweinemast, der Umwelt zuliebe

"Wenn es 20 Prozent weniger Schweine in den deutschen Ställen gäbe, würde eine Million Tonne Soja  weniger gebraucht", rechnet Harald Grethe, Leiter der neuen Denkfabrik Agora Agrar in der Zeit vom 19.5. vor. Entsprechend niedriger wären die Importe aus Südamerika, der Regenwald-Abholzung könnte Einhalt geboten werden. Wenn jetzt infolge des Kriegs in der Ukraine und der Lieferketten-Unterbrechungen die Preise für Futter-Getreide und damit auch für Fleisch  in die Höhe schießen, sollte diese Entwicklung dazu beitragen, den Umstieg der Konsumenten-Einkäufe auf  pflanzliche Fleischalternativen zu beschleunigen. Und auf Österreichs Bauernhöfen einer öko-verantwortlichen Strategie nach dem Motto  "Weniger  Massentierhaltung, dafür mehr Tierwohl-Fleisch-Produktion" zum Durchbruch verhelfen. Vor wenigen Tagen fordert die Rewe die Abschaffung der Vollspaltenböden. 170 Schweinebauern erfüllen bereits die betreffende Auflagen des "Fair zum Tier"-Programms der Rewe.

KPMG-Studie über  Entwicklungsstand der Fleischalternativen

Einen wissenschaftlich fundierten Blick auf die Zukunft der pflanzlichen Fleischalternativen liefert die von KPMG zum Jahresbeginn 2022 vorgelegte Studie "Diskussion am Esstisch, Fleischalternativen sind in aller Munde. Sie legt dar, unter welchen Voraussetzungen diese  tief greifende Veränderung unserer Essgewohnheiten  stattfinden kann. Kernaussage des Papiers: Das tatsächliche Konsumentenverhalten ändert sich erst, wenn Geschmack und Textur der pflanzlichen Fleischalternativen - auch  Beyond Meat genannt -  überzeugen und eine Preisparität zu konventionellem Fleisch erreicht wird. "Der Preis der Proteinalternative ist dabei die wichtigste Stellschraube", befinden die Studienautoren.

Gegenargument der Fleischbranche: Tierisches Eiweiß könne, was den Nährwert betrifft, keineswegs zur Gänze durch pflanzliche Proteine ersetzt werden. Eine bewährte Taktik: Jede Interessensvertretung sucht und findet Fachgutachter, die ihr Narrativum erhärten. Der Laie, auf der  Suche nach Objektivität, verzweifelt.

Fleischalternativen boomen

Die  Entwicklung von Fleischalternativen nimmt weltweit Fahrt auf. Zur Wahl stehen zwei Technologien. Pflanzlicher Fleischersatz wird, so vermeldet die Studie, bereits zwischen 2023 und 2025 die Preisparität zu konventionellem Fleisch erreichen. Zumal große Lebensmittelproduzenten wie Nestlé ( mit der Marke Garden Gourmet) und Unilever (The Vegetarian Butcher) in großem Stil in diesen Businesszweig eingestiegen sind. Auch namhafte Fleischproduzenten wie Tyson Foods in den USA und die Wesjohann-Gruppe (Marke Wiesenglück)  in Deutschland reihten sich längst unter die Anbieter von Beyond Meat. Sehr ambitioniert ist in diesem Wachstumsmarkt auch der deutsche Wursterzeuger Rügenwalder unterwegs.

Ab wann durch Stammzellen-Vermehrung in der Petrischale zellbasiertes Kunstfleisch preislich mit dem klassischen Schweinskotelett Schritt halten kann, ist zur Zeit noch ungewiss. KPMG nennt dafür einen Zeithorizont, der bis ins Jahr 2032 reicht.

Heimat der Fleischtiger: USA, Australien, Europa

Gerade die Bevölkerung in den Industrieländern ist aufgerufen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren, um Mutter Erde vor dem Klima-Kollaps zu retten. Denn während in den Entwicklungsländern der jährliche pro-Kopf-Konsum von Fleisch (Stand: 2020) nur 26,5 Kilo beträgt, liegt dieser Wert im reichen Westen bei 69,6 Kilo. Spitzenreiter sind die USA, Australien, Argentinien und Neuseeland mit über 100 Kilo, knapp dahinter folgen, mit über 80 Kilo,  die europäischen Länder. China und Japan liegen im Mittelfeld, Inderinnen und Inder konsumieren weniger als 20 Kilo Fleisch p.a.

Deutschland hat mehr Veganer, Österreich mehr Flexitarier

In letzter Konsequenz geben die Konsumenten mit ihrem Einkaufsverhalten vor, mit welchem Tempo die Ernährungswirtschaft den Umstieg von tierischer auf pflanzliche Protein-Produktion vollzieht. Um diesen Trend zu quantifizieren,  ist die Unterteilung der auf Beyond Meat abfahrenden Zielgruppen  in

  • Veganer
  • Vegetarier
  • Pescetarier (essen Eier, Mopro, Fische und Meeresfrüchte, aber kein Fleisch) und
  • Flexitarier

sehr hilfreich.

Die gute Nachricht: In Deutschland und Österreich ist innerhalb Europas der Gesamtanteil aller vier potentieller Fleischersatz-Shopper am höchsten. Er liegt in D bei 41,3% des Verbraucher-Universums, bei uns sind es 38,9%, in der Schweiz 29,3%.

Österreich hat mit 31,8% den höchsten Flexitarierer-Anteil - das sind die Extensiv-Käufer - und hinkt bei den Intensivkäufern (Veganer, Vegetarier, Pescetarier) hinter Deutschland  hinterher. Beim nördlichen Nachbarn  kommen die Flexitarier nur auf einen Anteil von 29,1%, hingegen weisen Veganer (3,2%) , Vegetarier ( 4,4%) und Pescetarier ( 4,6%) die höchsten Quoten auf.

Man kann den hohen Flexitarier-Anteil auch positiv interpretieren, wie es beispielsweise die Spar mit ihrer Werbung für die Eigenmarke Veggie tut. Flexitarier-Haushalte, die ein bis zweimal pro Woche auf Fleisch verzichten, sollten auf Dauer Geschmack an pflanzlichem Fleischersatz finden, wenn dieser, was Geschmack, Textur und Preis betrifft, ihren Ansprüchen genügt. Auch die Kampagne für verstärkten Anbau von GMO-freiem Soja in  Europa, von Österreich mit dem Projekt Donau Soja initiiert, unterstützt nachhaltig den Trend in der Ernährung weg vom tierischen hin zum pflanzlichen Protein.  Und setzt solcherart einen wichtigen Impuls im Kampf gegen Klimaerwärmung und Hungersnot.

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Veröffentlicht am

02.06.2022