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Wahlkampf, Handel, Klimawandel

Rewe und Metro beim Polit-Diskurs in Alpbach. Ein Bericht von Dr. Hanspeter Madlberger

Handelsketten wie Rewe, Spar oder Hofer im Wettbewerbsmodus und Parteien wie ÖVP, SPÖ oder FPÖ im Wahlkampfmodus haben in diesen Wochen eines gemeinsam: Maßnahmen gegen den Klimawandel stehen in ihren Programmen jeweils ganz weit oben. Das Buhlen um klimabesorgte Wähler und Käuferhaushalte weist, solcherart viele Parallelen auf.  

Was läge also näher, als dass Parteien wie Händler sich mit unserer  Landwirtschaft und unseren Lebensmittel-Produzenten  auf eine gemeinsame, klimaschonende  Nachhaltigkeits-Strategie verständigen? Speziell  bei der Vieh- und Fleischwirtschaft, die wie keine  andere Branche zurzeit von engagierten Klimaschützern unter Beschuss genommen wird. Aber der sachliche Dialog als Voraussetzung für einen Schulterschluss muss erst Fahrt aufnehmen.

Die Wirtschaftsgespräche des diesjährigen Europäischen Forums Alpbach (Präsident: Franz Fischler) hätten den idealen Rahmen für eine von Politik und Lebensmittelwirtschaft gemeinsam formulierte rotweißrote Klimaschutz-Charta abgeben können. Vor allem am Mittwoch, den 28. September, als der Handel gleich zweimal prominent mitdiskutierte. Zuerst war die Rewe an der Reihe, ein paar Stunden später die MetroElisabeth Köstinger, bis vor kurzem und vermutlich schon bald wieder  türkise Landwirtschaftsministerin, nützte beide Veranstaltungen, um sich mit Vertretern von zwei Handelsgruppen, die vergangenes Jahr den Fairnesspakt mit unterschrieben, darüber auszutauschen, was jetzt in Sachen Klimaschutz zu tun sei. 

Köstinger für Herkunfts-Transparenz, Chance für GS1 

Angriffe auf den Handel unterblieben, ihre Rufe  als wirtschaftsfreundliche Partei will die Kurz-ÖVP  knapp vor den Wahlen nicht aufs Spiel setzen. Und so betonte die Kärntner Bauerntochter, erprobt in der EU-Agrarpolitik, bei beiden Alpbacher Events das Gemeinsame. War es gegenüber der Rewe das Lob für deren Bio-Aktivitäten, so war beim abendlichen Alm-Talk der Metro der Aufruf an die Konsumenten angesagt: “Der beste Klimaschutz ist der, regional und saisonal einzukaufen“. Ein Appell, den sich vor allem die Hauptkundschaft der Metro, nämlich die (für Billig-Importware durchaus empfängliche) Gastronomie hinter die Ohren schreiben sollte. Exakt diese Botschaft ist längst Fixbestandteil  der Öko-Werbung im LEH,  von Spar und Rewe, über Nah & Frisch und MPreis, bis zu Hofer und Lidl.

Köstinger lobte die Herkunftskennzeichnung als „Schlüssel der Zukunft“. “Die Menschen wollen wissen, wo die Lebensmittel herkommen“, Transparenz sei daher gefragt und ein essentieller Beitrag zum Klimaschutz. Der Hinweis auf das Fleisch von Rindern, die auf gerodeten Amazonas-Waldböden grasen, unterstreicht die Forderung von Sebastian Kurz nach Bio-Zöllen auf EU-Ebene. Mit dem Ruf nach  transparenter, digitalisierter Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln rennen Kurz und Köstinger bei  der Metro und allen anderen ECR-bewegten Handelsketten offene Türen ein,  GS1 Austria, die „ECR-Mutter“ hat dafür längst die erforderlichen Tracking & Tracing-Tools im Angebot, die Landwirtschaft braucht nur zuzugreifen. Was bei Meeresfischen (Stichwort: Metro Trace App) klappt, müsste auch beim Fleisch, egal ob aus Österreich oder aus einem Mercosur-Staat  stammend, möglich sein.   

Metro Österreich Chef Xavier Plotitza und Arno Wohlfahrter, sein Vorgänger, jetzt Strategieberater der Düsseldorfer und Trenkwalder-Chef, nahmen die Gelegenheit wahr, das Unternehmen als Innovationstreiber in Sachen Ökologie ins rechte (Bergabend-)Licht zu rücken. Zwei von vielen Beispielen:  Die Elektro-LKW, die Metro in der City Logistik einsetzt. Und die Zusammenarbeit mit dem Startup Rebel Meat,  ein Projekt, bei dem Rindfleisch- und Pilz-Burger eine nachhaltig-kulinarische Allianz eingehen. 

Metro-Projekt: DHD statt MHD

Hätte das Treffen nicht in Tirol, sondern in irgendwo in Deutschland stattgefunden, die Metro Leute hätten gewiss auf ihr Pionierprojekt im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung hingewiesen: Das „Dynamische Haltbarkeitsdatum (DHD)“, das die digitalen Auswertung der tatsächlichen Kühltemperaturen bei der Frischwarenlogistik  im Cloud-Computer vornimmt und per Saldo längere Haltbarkeitsdaten als das starre MHD-System erlaubt. In einem zweiten Schritt wird das DHD, das Metro gemeinsam mit GS1 Germany  in einem Pilotversuch testet, mit Künstlicher Intelligenz (KI) aufgemotzt.  Bleibt zu hoffen, dass der neue Metro Großaktionär Daniel Kretinsky (die „Wirtschaftswoche“ nannte ihn den „tschechischen Braunkohle-Baron) die Metro weiterhin auf  Öko-Kurs steuert.

Rewe forciert Tierwohl-Fleisch  

Am Nachmittag hob Marcel Haraszti, Vorstand der Rewe International AG  bei der Break-out-Session, veranstaltet vom des Ökosozialen Forum (Vorsitz: NÖ Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf)  die Vorreiterrolle seines Unternehmens in  Fragen der Bio-Sortimente hervor - „mit Ja!Natürlich sind wir in  Vorleistung gegangen“ . Und warnte vor ausufernder Kennzeichnung. Das klang ganz nach Billa Hausverstand: „Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Man kann nicht alles auf die Verpackung schreiben.“ Nächster markiger Merksatz: „EU als Herkunftsangabe wollen wir nicht.“ Die Lieferanten werden als wichtiges Glied der ökologischen Wertschöpfungskette in die Pflicht genommen. Es sei Mode geworden, dem Handel die Schuld in die Schuhe zu schieben, wenn nachhaltige Lebensmittel zu teuer sind. Haraszti: “Die Industrie  kommt auf eine Marge von 15 bis 20%, beim Handel sind es rund 2%. “Speck-Kaiser Karl Handl, aufmerksamer Zuhörer, nahm es gelassen.  Er fühlte sich offenbar, was die 20% Umsatzrendite betrifft, nicht angesprochen. 

Und weil gerade vom Öko-Zankapfel Fleisch die Rede ist: Nach Hofer und Spar macht die Rewe jetzt auch beim Tierwohl-Fleisch Dampf. Merkur propagiert Almo Tierwohl  Rindfleisch, kontrolliert von der NGO Vier Pfoten. Geliefert wird die Ware von der Marcher-Tochter Landhof.  Bei Billa gibt es aktionsweise faschiertes Tierwohl-Rindfleisch, geliefert von Schirnhofer. Hütthaler, heimischer Pionier bei Tierwohl-Fleisch (und Hauptlieferant der Hofer Eigenmarke Fairhofist mit seinen Produkten bei Rewe ebenfalls gelistet. 

Zurück zum Ursprung von Werner Lamperts  Öko-Zertifikaten

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau  (FIBL) mit Hauptsitz in der Schweiz, war bemüht, Systematik in diese, im Öko-Themenlabyrinth herumirrende Diskussion zu bringen. Er wies darauf hin, dass es gelte, in Europa einheitliche und klare Nachhaltigkeitsstandards zu entwickeln, dass die FAO mit ihren „Good Governance“ Regeln  dafür einen passenden globalen Rahmen vorgelegt hat und dass es nun darauf ankäme, die einzelnen Problemfelder dynamisch abzuarbeiten. Niggli, um Differenzierung bemüht: „Der Bio-Landbau ist nicht der einzige Weg im Kampf gegen den Klimawandel, aber  er ist der Sockel für ein ganzheitliches ökologisches  Denken  in der Landwirtschaft.“ 

Im Öko-Marketing des österreichischen Lebensmittelhandels spielt FIBL eine bedeutende Rolle, berechnet das Öko-Zertifizierungs- Institut doch die Nachhaltigkeits-Foodprints, wie sie auf Hofers Premium Bio-Eigenmarke Zurück zum Ursprung ausgewiesen werden. Wichtiges Zwischenglied in der Kooperation zwischen der Aldi Süd-Tochter und dem FIBL-Institut ist Bio-Guru Werner Lampert mit seiner  Firma Prüf nach. In der Branche nicht unumstritten sind FIBL-Erkenntnisse wie „49% Mehrwert  für die Region im Vergleich zu herkömmlicher Landwirtschaft“, zu lesen auf der Packung  des  z.z.U. Schafcamembert  Pfeffer.

Der Käse wird von der Käserei Stift Schlierbach hergestellt,  die übrigens längst nicht mehr den Mönchen des Stiftes, sondern mehrheitlich der Firma Concept Fresh des Friedrich Wilhelm Mitterhumer gehört. Besonders kompliziert dürfte der wissenschaftliche Nachweis für die FIBL-Ansage: „48% Mehrwert für die Region, 28% besser bei Wasserqualität, 55% besser bei Artenvielfalt, 47% besser bei verantwortungsvollem Handeln““ bei Hofers Produkt z.z.U Bergbauern Buttermilch (z.B. der Sorte Himbeer-Preiselbeer) sein.  Stammt doch die Bio-Milch laut Packungsangabe „zum Teil aus der Region Mühlviertel, zum Teil aus der Region Waldviertler Bergland.“ Die Molkerei, die die Milch von den Granit- und Gneisalmen der Bergbauern aus dem Mühl- und dem Waldviertel zu Mopro der Bunten Palette verarbeitet , sitzt im Aschbach (Mostviertel) und gehört der Berglandmilch. Auch die Frucht-Bestandteile (Himbeerpüree, Preiselbeerpüree, Roinasaftkonzentrat) sind Bio, allerdings stammt von den Zutaten nur der Bio-Zucker aus Österreich.  Mit seiner Warnung vor einem Kennzeichnungs-Overkill hat Haraszti somit nicht ganz unrecht. Wer sich beim Hofer einige Packungen Zurück zum Ursprung  ins Einkaufswagerl legt, verfügt jedenfalls über Öko-Literatur für einen langen Herbstabend. 

Chinesisch-ex-schweizerische Syngenta über Grüne Gentechnik

Dem Thema Gentechnik misst der heimische Nachhaltigkeitsdisput seit jeher große Bedeutung bei. Die Alpbacher Talkrunde des Ökosozialen Forums lieferte dazu einen brisanten Aspekt:  Ein Plädoyer für „grüne“ Gentechnik hielt Alexandra Brand, ihres Zeichens Chief Sustainability Officer der Firma Syngenta Global. Das Unternehmen entstand im Jahr 2000 durch den Zusammenschluss der Agrarsparten der beiden Pharmakonzerne Novartis und Astra Zenica. Seit 2017 gehört Syngenta zu fast 100% dem  chinesischen Staatskonzerns ChemChina. Das Unternehmen mit Headquarter in Basel ist weltweit die Nummer Eins bei chemischen Pflanzenschutzmitteln und die Nummer Drei bei der Saatgut-Erzeugung.

Charakteristisch für die von Syngenta speziell in Europa propagierte „grüne“ Gentechnik ist, dass sie aus dem  Erbgut einer Pflanze lediglich einzelne Gene „herausschneidet“ (weshalb man auch von der „Gen-Schere“ spricht), während die in den USA bevorzugt angewandte, „rote“ Gentechnik Gene anderer Lebewesen in die DNA einer Pflanze implantiert. Sehr zum Leidwesen der europäischen und speziell der österreichischen Landwirtschaft warf der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr  „grüne“ und „rote“ Gentechnik in einen Topf. Saatgut für Lebensmittel, die als gentechnikfrei deklariert werden, darf somit nicht unter Verwendung der Gen-Schere entwickelt werden. 

Die Lebensmittelhändler der EU hingegen begrüßten, auf den Rat von NGOs hörend, diese Entscheidung. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, dass vor 22 Jahren die ARGE Gentechnikfrei auf eine gemeinsame Initiative großer Handelsketten hin entstand (Rewe und Spar waren  federführend). NGOs wie Global 2000, die zuvor das anti-Gentechnik-Volksbegehren, das erste dieser Art in Europa, initiiert hatten, zeigten sich entzückt. Unseren Agrarpolitkern blieb damals  nicht anderes übrig, als sich dem Konvoi der Gentechnik-Gegner anzuschließen. Dass sich dadurch in Europa und auf dem Weltmarkt der Wettbewerb der europäischen Landwirtschaft mit den Amerikanern schwieriger gestalten würde, war abzusehen. Entspannung hätte hier die „Gen-Schere“ bringen können.

Klimaschutz und Lebensmittel: Der Dialog steht erst am Anfang 

Alpbach hat gezeigt: Klimaschutz als gemeinsames Anliegen von Österreichs Lebensmittelwirtschaft und  Österreichs Wirtschaftspolitik beschränkt sich in den Wochen vor der Wahl auf Absichtserklärungen. Von fachlicher Substanz, einer  akkordierten nationalen Strategie ist noch wenig zu spüren. Anders als in Deutschland wo die Politik und die  einschlägigen Verbände in Sachen Tierwohl, Ökologisierung der Landwirtschaft und gesündere Ernährung bereits klare Signale setzen. Wenn hierzulande Peter Pilz 20% Umsatzsteuer für konventionelles Fleisch fordert, wenn der niederösterreichische SP-Abgeordnete Robert Laimer verlangt, dass unsere Landwirtschaft  bis 2040 zu 100% auf Bio umzustellen sei, dann zeigt das nur, wie lückenhaft  das Wissen vieler unserer Politiker zum Thema  Lebensmittelwirtschaft ist.         

Veröffentlicht am

12.09.2019