Jahresrückblick der Bundessparte Handel in der WKO

Der Durchschnitt sagt gar nichts aus

Die Bundessparte Handel präsentierte traditionell den Rückblick auf 2020. Wenige Steine blieben auf den anderen.

Bei der jährlichen Verlautbarung der Umsätze aus dem Handel in Österreich gab es einige Neuerungen: die Pressekonferenz war den Umständen entsprechend digital, es war die erste ihrer Art mit dem neuen Bundessparten-Obmann Dr. Rainer Trefelik in seiner Funktion; an seiner Seite fand sich wieder Mag. Peter Voithofer, der im Namen des Instituts für Wirtschaftsforschung, Economia, die Zahlen darlegte und: die Handelsbranche stellt sich in ihrer generischen Art so unterschiedlich dar, wie noch nie zuvor.
Mag. Iris Thalbauer berichtete gewohnt kompetent über den Online-Handel und internationale Themen.

Kein Stein am anderen

„Der Durchschnitt sagt in unserer Branche nach diesem Krisenjahr gar nichts mehr aus“, fasst Rainer Trefelik zunächst alle Inhalte zusammen. Denn während sich die einen Branchen wie Lebensmittelhandel und Drogeriefachhandel sehr gut entwickelten, schafften es Großhandel – vor allem Gastro-Großhandel – zu einem mächtigen Minus von insgesamt 7,2%. Dieses Minus ist sogar deutlich größer als das gesamte Minus der Branche, das bei 5,6% nominell liegt (Jänner bis November 2020).
Daran konnte auch die teilweise gute Sommersaison nichts ändern.
Ebenfalls stark in die Bredouille kamen Modehandel und Sportfachhandel. Im Modehandel betrug der nominelle Umsatzrückgang minus 23,7 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Auswirkungen der Lockdowns zeigen sich überdeutlich in den Zahlen: So führte der erste Lockdown im März im Modebereich zu einem Umsatzeinbruch von minus 56,8 % und im April waren es sogar minus 76,4 %. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde auch die Kfz-Wirtschaft mit einem Umsatzminus von 11,6 %. Die Neukraftfahrzeugzulassungen gingen im Vergleich zu 2019 um 19 % zurück. Zuwächse gab es hingegen bei der Zulassung von Zweirädern und Wohnmobile erlebten in der Covid-19-Pandemie einen regelrechten Boom.

Und noch eine Spezifikation sei hier erwähnt: auch innerhalb der einzelnen Branchen gab es unüberbrückbare Trennlinien, wie etwa bei Mode: stationär und online – diese beiden Kanäle driften ebenfalls stark auseinander.

Geringes Plus im Einzelhandel

Dank stark steigender Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel ist sich ein knappes Plus beim Einzelhandel ausgegangen. „Gegessen und getrunken wurde vorwiegend zu Hause“, erklärt Trefelik diese Entwicklung. Trotz dreier Lockdowns konnte der Einzelhandel 2020 das Umsatzniveau des Vorjahres mit plus 0,1 % halten. Voithofer betont, dass die Handelsergebnisse je nach Bereich stark divergieren: „Eine weitere Trennlinie verläuft insbesondere zwischen dem Food- und dem Non-Food-Einzelhandel.“ Während das Food-Segment ein Plus von 8,9 % verzeichnete, mussten die Non-Food-Branchen – nicht zuletzt durch die Geschäftsschließungen – ein Umsatzminus in der Höhe von 3,6 % hinnehmen.

Onlinehandel profitiert

Wenig überraschend stellt sich die Entwicklung der Onlineumsätze positiv dar. „Der österreichische Internet- und Versandhandel kann sich lockdown-bedingt über ein Plus von 17,4 % gegenüber dem Vorjahr freuen“, sagt Iris Thalbauer. Der Wermutstropfen dabei: Die Ausgaben der Österreicher und Österreicherinnen bei ausländischen Anbietern nimmt ebenfalls stark zu und liegt bei 54 %. In diesem Bereich ist es dringend notwendig, faire Wettbewerbsbedingungen für den heimischen Handel zu schaffen. „Es geht uns hier um eine faire Besteuerung und gleiche Bedingungen im Abgabenrecht“, so Thalbauer. Mit 1.7. soll die 22-Euro Freigrenze abgeschafft werden, was dem Staat vermutlich 150 Mio. Euro Mehreinnahmen bringen wird. Aber dringend umgesetzt gehören: die Transparenz großer Plattformen, eine Gewinnbesteuerung am Ort des Umsatzes, Digitalabgabe, sowie die vorhin erwähnte Abschaffung der Zollfreigrenze.

Dass online als Geschäftsmodell für den Handel bleiben wird, steht außer Zweifel. Es gab schon in den vergangenen Monaten 20% mehr Gründungszahlen im Bereich online. „Die Zukunft wird allerdings „Multichanneling“ heißen. Ob sich Plattformen wie Zalando nun auch in Österreich für Textil- und Sportfachhändler durchsetzen, wird sich zeigen. „Man erinnert sich an den schwierigen Start von Zalando in Deutschland und hat auch immer die hohe Anzahl an Retouren im Kopf“, so Trefelik.

Arbeitsplätze, Vergleich und Ausblick

Der Handel ist bekannt für seine hohe Zahl an Arbeitsplätzen, die er schafft. 2020 gab es einen Rückgang von 0,9 %. Während des 1. Lockdowns war jeder 2. Angestellte in Kurzarbeit. Das Wifo prognostiziert in ganz Österreich eine Arbeitslosenquote von 9,3 %.

In diesem Zusammenhang sind sich die Vortragenden einig, dass die Corona-Unterstützungsmaßnahmen gut angesetzt waren und gegriffen haben, wenn man den internationalen Vergleich ansieht. In Deutschland warten noch immer sehr viele Unternehmer auf Hilfen.

„Wichtig ist, dass der Handel offenhalten darf und das auch in Zukunft“, so Trefelik. Der Handel war nie ein „Clustertreiber“, die Ware muss aufgrund des Lagerdrucks raus an den Konsumenten und dieser sehnt sich nach dem stationären Handel. „Eines jedoch noch abschließend: Es wird zu beobachten sein, wer die Ausgaben der Krise bezahlen wird. Ich sage: nicht die Unternehmer, die Betriebe brauchen jetzt einmal Luft zum Atmen“, setzt Trefelik ein klares Zeichen.

H

Veröffentlicht am

19.02.2021