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Rewe und Handelsverband diskutieren mit Agrariern auf der Wintertagung: Tauwetter zwischen Bauern und LEH

Tauwetter zwischen Bauern und LEH

Rewe und Handelsverband diskutieren mit Agrariern auf der Wintertagung, ein Bericht von Dr. Hanspeter Madlberger.

Unser Lebensmittelhandel zeigt gesellschaftliche Verantwortung in Corona-Zeiten und setzt den Green Deal der EU mit seinen Marketing-Initiativen für regionale Lebensmittel, Bio-Kreislaufwirtschaft, Tierwohl, CO2-Neutralität, Gesunde Ernährung und Abfallvermeidung ambitioniert um.

Die Wintertagung des Ökosozialen Forums, die seit dem 21. Jänner über die diesmal digitale Bühne geht, ist traditionell ein Indikator für das Beziehungsklima zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelhandel. Erfreuliche Zwischenbilanz: Bei der großen Auftakt-Stammtischrunde durfte Marcel Haraszti (Vorstand der Rewe International) von heimischen Bauernfunktionären viele Signale der Kooperationsbereitschaft entgegennehmen. Ministerin Elisabeth Köstinger und Stephan Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums, sparten mit Kritik, was möglicherweise auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Rewe sich, wie in früheren Jahren, als Hauptsponsor der Tagung einbrachte.

Zum positives Gesprächsklima zwischen Bauern- und Händlerschaft trug auch der Handelsverband bei, der im Vorfeld der Wintertagung einen bunten Maßnahmen-Strauß zum Ausbau der Austrian Food Supply & Value Chain präsentierte. Geschäftsführer Rainer Will verwies auf die Handelsverband-Initiative Lebensmittel wertschätzen, einen überparteilichen Österreich-Pakt zwischen dem heimischen Lebensmittelhandel und dem Landwirtschaftsministerium. Der Pakt soll den Verbrauchern mehr Wertschätzung für regionale, saisonale, nachhaltige und qualitativ hochwertige Lebensmittel aus heimischer Produktion einimpfen. Höhere Wertschätzung durch die Konsumentenschaft ist die Grundlage einer höheren Wertschöpfung auf der Stufe der bäuerlichen Urproduktion, so lautet die ökonomische Formel. Eine Argumentation, der sich bemerkenswerterweise nicht nur die Agrarpolitiker, sondern auch Maria Burgstaller, zuständige Referentin der Arbeiterkammer anschloss.

Weiters unterstützt der Handelsverband Programme wie Land schafft Leben (liefert Transparenz über die Herkunft und Rückverfolgbarkeit agrarischer Produkte), Lebensmittel sind kostbar (Aktion gegen Verschwendung) und Supply Chain Initiative (Unterstützung für die 165.000 Bauernhöfe im Land).

Auch beim heißen Eisen UTP Richtlinien ist in Österreich, anders als Deutschland, Entspannung im Beziehungsdreieck Landwirtschaft- Bundeswettbewerbsbehörde-Lebensmittelhandel angesagt. Im ersten Halbjahr 2021 soll im Landwirtschaftsministerium die Ombudsstelle für Bauern und andere Lebensmittellieferanten eingerichtet werden, bei der etwaige Verstöße gegen die UTP (Unfair Trade Practices)-Richtlinien der EU gemeldet  werden können. Der Handelsverband begrüßt diese Maßnahme, auf die sich bereits im Spätherbst 2018 (!)die großen LH-Ketten und das Köstinger-Ministerium verständigt hatten. Will betont, dass sich schon damals der Lebensmittelhandel als erste Branche gegenüber der BWB freiwillig verpflichtet hat, deren UTP-Fairnesskatalog vollinhaltlich einzuhalten.  

Lieferketten-Zusammenarbeit für mehr Versorgungssicherheit

Die COVID-19 Pandemie verstärkt den Druck auf  die Glieder der heimischen Lebensmittel-Lieferkette , die vertikale Zusammenarbeit zu verstärken. Nur so kann in Krisenzeiten wie diesen die Lebensmittel-Versorgungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet werden. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter - oder soll man besser sagen - grüner Faden durch die diesjährige Wintertagung und findet auch seinen Niederschlag im Tagungsmotto: Gemeinsam is(s)t man besser. Die Arbeitsteilung zwischen den beiden systemrelevanten Garanten der Versorgungssicherheit  in disruptiven Zeiten hat sich jedenfalls bewährt: Bauern und Agrarprodukte-Verarbeiter sorgen dafür, dass genügend Lebensmittel vorhanden sind, auch dann, wenn globale Lieferketten zusammenbrechen. Der Lebensmittelhandel erfüllt die soziale Funktion der Lebensmittel-Nahversorgung zu günstigen Preisen. Köstinger gewichtet die Kooperation etwas anders: Der Handel habe die Regale zur Verfügung gestellt, aber unsere Bauern und die Verarbeiter hätten die Regale mit genügend Ware befüllt.

Rewe-Chef zieht Corona-Bilanz

Dass seine Rewe in den Krisenmonaten mehr als nur Verkaufsflächen-Bereitsteller war, konnte Marcel Haraszti beim Podiumsgespräch anschaulich erläutern: "Unsere 45.000 Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter haben Großartiges geleistet. Kein Regal blieb nach Ausbruch der Krise im März leer. Es gab im gesamten LEH keine Versorgungsenpässe". Wesentlich trug dazu im Bereich der Rewe der Ausbau ihrer sechs regionalen -Frischwarenläger zu Zweigniederlassungen  bei.

Stichwort Regionalität: Landwirtschafskammer-Präsident Josef Moosbrugger, seines Zeichens Milchbauer im Ländle, erklärte in einer Medienaussendung: "In laufenden Gesprächen mit dem Lebensmittelhandel wollen wir mehr Regal für Regional erreichen."
Dieser Appell sollte wohl in erster Linie an manche Hard Discounter adressiert werden. Denn die Formate der Vollsortimenter, von Spar bis Billa, von Merkur bis Interspar forcieren massiv das Angebot an regionalen Lebensmitteln. Besonders viel Regal für Regional stellen die Kaufleute von Spar, Nah & Frisch und Adeg sowie Regionalfilialisten wie MPreis, Unimarkt  und Sutterlüty zur Verfügung. Haraszti über das Gesprächsklima mit  dem LK-Präsidenten: Die Gespräche verliefen hart aber fair, Moosbrugger beweise Handschlagqualität.

Der Rewe-Chef beschrieb die aufwändigen Schutzmaßnahmen, die nach Ausbruch der Corona-Krise sehr rasch ergriffen wurden: "Diese Kosten lagen im hohen zweistelligen Millionenbereich" und er verwies auf die massiven Veränderungen im Einkaufsverhalten der Konsumenten, die die Beschaffungslogistik der Händler vor große Herausforderungen stellten: "Die Umsätze mit Grundnahrungsmitteln stiegen um 20%, jene mit Fleisch um 10%. Beim Jausengeschäft mit Brot, Backwaren, Fertigsalaten und Convenience-Artikeln gab es Einbußen." Bei Frischwaren lautete die Shopper-Parole: Herkunft geht vor Preis, andererseits verzeichnete man eine steigende Nachfrage nach Preiseinstiegsware. Insgesamt stieg der Lebensmittelumsatz der Rewe im Jahr 2020 gegenüber 2019 um 6%.

Den Finanzminister wird`s freuen. Denn das Umsatzplus im LEH bedeutet gleichzeitig ein Plus beim Umsatzsteuer-Aufkommen aus dieser Absatzschiene, eine Teilkompensation der Steuerausfälle bei der Gastronomie durch Lockdown und Steuerermäßigung.  Aber weiten Kreisen der  Landwirtschaft und vielen Verarbeitern bescherte die Verschiebung vom out-of-home- zum in-home-Konsum per Saldo deutliche Umsatzeinbußen. Köstinger analysierte die Corona- Folgen für das Geschäft der Rinderbauern. Sie meinte, weil moderne Haushalte sich bei der Rindfleischküche nicht so gut auskennen wie die Gastronomie, würden die Absatzuwächse im Einzelhandel bei weitem nicht die Ausfälle in der Gastronomie wettmachen .

Bauernbund ortet "suggerierte Österreich-Treue" im Handel

Wenn über die Beziehungskiste zwischen Bauern und Lebensmittelhändlern diskutiert wird, darf die Stimme des Österreichische Bauernbunds, nicht fehlen. Diese  ÖVP-Teilorganisation zählt, wie FAO-Generaldirektor Ou Dongyu in seiner Grußadresse anmerkte, nicht weniger als 236.000  Mitglieder. Im Vorfeld der Wintertagung nahm sich Bauernbund-Präsident  Georg Strasser die Supermarktketten mit markigen Sagern aufs Korn: Unter Bezugnahme auf UTP und die geplante Lieferanten-Beschwerdestelle sagte er: "Zusätzlich werden wir  auch mit unseren Regionalitätschecks den Supermärkten auf die Finger schauen und die suggerierte Österreich-Treue sichtbar machen."  Strassers rauer Ton ist wohl auch den bevorstehenden Landwirtschaftskammer-Wahlen in fünf Bundesländern geschuldet.

Handel behält mit seinen Eigenmarken die Themenführerschaft im Lebensmittel-Marketing

Weil die Bewältigung der Corona-Herausforderungen 2020 den Verlauf der Wintertagung beherrscht, kommt die Zukunftsperspektive 2021, nämlich die Steigerung der Umsätze durch ein innovatives Agrarmarketing zu kurz. Und ein sachlicher Dialog über faire Wertschöpfungspartnerschaft in der Lebensmittelwirtschaft steht noch aus. Während die großen Handelsgruppen der D-A-CH Region mit ihren Eigenmarken-Programmen die Zukunftsthemen im Food-Marketing wie Klimaschutz, Tierwohl, Ökologie, gesunde Ernährung, Online-Verkauf und gesellschaftliche Verantwortung bereits voll bespielen, besteht  für das Marketing der bäuerlichen und gewerblichen Produzenten noch akuter Aufhol- und Innovationsbedarf. Auch das AMA-Gütesiegel kann den Mangel an agrarischen Herkunftsmarken nicht kompensieren. Und die erfreuliche Präferenz der Konsumenten für regionale Lebensmittel gleicht Versäumnisse der Produzenten beim Aufbau regionaler Herkunftsmarken nicht aus. Kleine Lichtblicke: Die aktuelle Plakatkampagne für Efko-Fertigsalate aus Österreich und die TV-Werbung für den steirischen Premium-Apfel, erhältlich bei Spar.

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Veröffentlicht am

22.01.2021