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Wie der Marktmacht-Poker Aldi-Lidl auf unseren LEH ausstrahlt

Marktmacht-Poker Aldi-Lidl wirkt sich aus

Eine EHI Studie liefert Hinweise zu dieser brandaktuellen Frage, wie der Marktmacht-Poker Aldi-Lidl in Deutschland auf unseren Lebensmittelhandel ausstrahlt.

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

Lidl, Aldi und Rewe geben im europäischen Lebensmittelhandel den Takt vor und liefern in D dem Marktführer Edeka und in A dem Platzhirschen und Marktführer Spar einen harten Wettbewerb. Wer über die "Marktmacht" im heimischen LEH diskutiert, sollte die länderübergreifenden Strategien der deutschen Discountriesen im Einkauf, in der Preis- und der Eigenmarken-Politik mitdenken.

Die  kürzlich publizierte EHI-Studie Stationärer Einzelhandel Deutschland 2021, Marktstudie der 1.000 größten Vertriebslinien, ein rund 50 Seiten umfassendes Werk, vom renommierte Kölner Handelsinstitut retailreport.at dankenswerterweise zur Verfügung gestellt, liefert tiefe Einblicke in den hohen Grad der Abhängigkeit des heimischen Einzelhandels von der Dynamik, die deutsche Handelsriesen, allen voran die großen Vier des Lebensmittelhandels (Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi) in ihren Märkten entwickeln.                              

Hohe LEH-Konzentration, aber hoher Kaufleute-Marktanteil in D

Das vom EHI befragte Sample der 1000 umsatzstärksten EH-Vertriebslinien steht für einen Netto-Jahresumsatz 2020 von über 300 Milliarden €, das sind rund 52% vom Umsatz des gesamten Einzelhandels in Höhe von 577 Mrd. €. Bemerkenswert: 60,5% des Umsatzes der Top 1000 entfallen auf den Lebensmitteleinzelhandel. Zum LEH zählen die Betriebsformen Nachbarschaftsmarkt, Supermarkt, Verbrauchermarkt und Discounter. Nicht jedoch der Impulshandel (Convenience Shops) und die Lebensmittel- und Getränke-Fachgeschäfte. Im Vergleich dazu schaffen die größeren Fashion-Händler (Mode, Accessoires), angeführt von H&M und C&A mit einem  Umsatzanteil von 6,4% nur etwas mehr als ein Zehntel der größeren Lebensmittelhändler.

Die großen LEH-Ketten nehmen also im gesamten deutschen Einzelhandel eine überragende Position ein. Zumal sie auch im Nearfood- (Körperpflege, Wasch- und Reinigungsmittel, Haushaltswaren) und im Nonfood-Bereich mit ihren Verbraucher- und Discountmärkten hohe Umsätze generieren. Unter den Top 1000 befinden sich jedoch neben den Großfilialisten des LEH nicht weniger als 160 Edeka- und Rewe-Kaufleute. Viele von ihnen sind Regionalfilialisten, die insbesondere im Supermarkt-Geschäft eine starke lokale Nahversorger-Funktion ausüben.

Mittelständische Eigentümer, wohin man schaut

Was die Eigentümerstruktur im  umsatzstarken deutschen LEH betrifft, so dominieren Unternehmen in Familienbesitz (Aldi, Lidl) und Genossenschaften (Edeka, Rewe). Bürgerlicher Mittelstand, wohin man blickt. Nicht anders verhält es sich in Österreich, wo seit 2020 mit der Spar ein klassisches Familienunternehmen die Marktführerschaft hält.

Flächenproduktivität als Leistungsindikator

Werfen wir einen Blick auf das Ranking der acht umsatzstärksten Vertriebslinien im deutschen LEH im Jahr 2020:

Ranking Vertriebslinien Deutschland

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die großen Vier des deutschen LEH "zweigeleisig" fahren:

Edeka mit Netto Marken-Discount, Lidl mit Kaufland, Rewe mit Penny, Aldi Süd mit Aldi Nord. Das Marktanteils-Ranking dieser vier Unternehmensgruppen im deutschen LEH 2020, errechnet aus der  Top 1.000-Studie des EHI:      

  • Rang 1:  Edeka-Gruppe  mit einem Marktanteil von 27,3%
  • Rang 2: Schwarz-Gruppe mit einem Marktanteil von 18,4%
  • Rang 3: Aldi-Gruppe mit einem Marktanteil von 15,0%
  • Rang 4: Rewe-Gruppe mit einem Marktanteil von 13,9%

Zusammen kommen die großen Vier somit auf einen Marktanteil von 74,6 %, sie beherrschen also rund drei Viertel des deutschen LEH-Marktes, des größten in Europa. Anders als in Österreich liegen der Zweite, Dritte und Vierte relativ nah beisammen.

Match Lidl-Aldi in D überlagert Match Spar-Rewe in A

Vor diesem Hintergrund ist das vielstrapazierte Mantra vom Konzentrations-Rekord im österreichischen Lebensmittelhandel zu relativieren. Denn: 

1. Die Marktmacht der Discount-Formate, die das Preisniveau in der gesamten Branche entscheidend mitbestimmen, ist in D deutlich höher als bei uns. Beim großen Nachbarn addieren sich die LEH-Marktanteile der Discount-Formate laut EHI auf einen Wert von 42,2%, bei uns kommen Hofer, Lidl, Penny und Norma zusammen auf rund 30%.

2. Hinter Hofer, Lidl und Penny steht nicht nur eine bärenstarke deutsche Konzernmutter, auch bei den Konditionsverhandlungen mit den Europa-Key Account-Managern der Markenartikel-Multis trumpfen die deutschen Händler gewaltig auf. Im LEH-Europa-Umsatzranking belegt die Schwarz-Gruppe Rang Eins, Rewe und Aldi rittern um den zweiten Platz (unter Hinweis auf die Lekkerland-Akquise sieht Rewe-CEO Lionel Souque sein Unternehmen vorne), hinter Tesco und Carrefour belegt die Edeka den sechsten Rang. "Vier Deutsche in den Medaillenrängen", würde Satiriker Dirk Stermann sagen.

Wie stark der Marktmacht-Wettlauf zwischen Lidl, Aldi und Rewe in Deutschland und  Europa  auf den österreichischen Markt ausstrahlt, zeigt folgende Umsatzranking-Übersicht:

Unternehmen         Umsatzrang in A       Umsatzrang in D          Umsatzrang in Europa

Rewe                                         2                                     4                                        3

Aldi                                           3                                      3                                        2 

Lidl                                           4                                      2                                         1

Lidl zieht Aldi davon

In jüngster Zeit verwandelt sich der oben beschriebene Dreikampf immer stärker zu einem Zweikampf zwischen den Discount-Giganten Aldi und Lidl.  "Lidl eilt Aldi davon" übertitelte das Handelsblatt vom 23. 9 seinen Bericht, der sich auf Lidl-Unternehmensdaten stützt, die im Bundesanzeiger veröffentlicht wurden. Daraus geht hervor, dass der Umsatz der Lidl-Stiftung im Geschäftsjahr 2020/2021, das am 28. Februar endete, um 9,7% gestiegen ist, die Umsatzrendite dieses Teil-Konzerns der Schwarz-Gruppe erhöhte sich von 2,8% auf 3,2%. Die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland) ist firmenmäßig sehr verschachtelt, für Außenstehende ist es schier unmöglich, aus den sporadischen Veröffentlichungen zuverlässige Ertragskennzahlen herauszufiltern. Ähnliches gilt für die Aldi-Gruppe mit den beiden Firmen Aldi Süd und Aldi Nord, eine Hinterlassenschaft der Gründer Karl Albrecht (Aldi Süd) und Theo Albrecht (Aldi Nord). Trotz unterschiedlicher Eigentümer arbeiten die beiden Aldis in vielen Bereichen (Einkauf, Digitalisierung) immer enger zusammen Bei der Umsatzrendite und der Flächenproduktivität (siehe Tabelle) schneidet Aldi Süd traditionell besser ab, als Aldi Nord. 

In Deutschland wie in Österreich beherrscht der Wettbewerb zwischen Supermärkten, Discountern und Verbrauchermärkten das Marktgeschehen im durch die Pandemie dynamisierten LEH-Markt. Aldi Süd und Hofer bestechen durch hohe Flächenproduktivität, in D aber holt Lidl in dieser Disziplin stark auf. Laut Retail Real Estate Report der Hahn-Gruppe hat Lidl bei der Quadratmeter-Leistung mit 9.570 .- € Bruttoumsatz  das Vorbild Aldi Süd (8.764.-€ brutto) bereits überholt. Kaufland hat durch die Übernahme von mehr als 110 Real-Märkten, die heuer etappenweise umgerüstet  werden, stark an Marktgewicht zugelegt. In Mittel- und Osteuropa (Polen, Rumänien, Tschechien, Slowakei, Kroatien, Republik Moldau) erzielte Kaufland laut LZ-Recherche im letzten Geschäftsjahr eine fulminante Umsatzrendite von 4,5%.

Öko-Wettlauf der Discounter: Hofer punktet bei uns mit Regionalität

Aldi und Lidl liefern einander in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz einen sehenswertes Wettlauf und nähern sich mit dieser Trading up Strategie immer mehr den Öko-Programmen der Super- und Großmarkt-Ketten. Auch dieses Kräftemessen überträgt sich 1:1 auf die Österreich-Töchter der deutschen Discountriesen. Wobei die Aldi Süd-Tochter in Sattledt mit ihrer Store Brand Hofer gegenüber Lidl nicht nur einen emotionalen Herkunftsbonus vorzuweisen hat, sondern auch, speziell im Bio-Bereich, mit Zurück zum Ursprung, intensiver als der Hauptmitbewerber Lidl mit der heimischen Landwirtschaft zusammenarbeitet.

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Veröffentlicht am

01.10.2021