Lockdown = Umsatz-Knockdown

Lockdown = Umsatz-Knockdown

Corona lässt Umsätze im heimischen Gastro-Großhandel heuer um fast ein Drittel schrumpfen.

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

Umsatzeinbußen um ein Drittel beim Gastro-Großhandel: Das besagt eine Prognose, die HO-Consulting (Helmut Obergantschnig), für retailreport.at erstellte. 
Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie, der damit verbundenen Lockdowns im Frühjahr und im Spätherbst sowie der drastischen Rückgänge im Ausländertourismus auf die Umsätze im heimischen Gastro-Großhandel (Abholmärkte und Zustellung) liegen erstmals fundierte Marktforschungsdaten vor. Eine brandaktuelle Prognose der Firma HO Consulting (Eigentümer: Mag. Helmut Obergantschnig) in Altmünster, die retailreport.at exklusiv vorliegt, sagt für das heurige Jahr einen voraussichtlichen Rückgang des Wareneinsatzes in der heimischen Gastronomie von 32,0% gegenüber 2019 voraus. Lag dieser Wareneinsatz, gleichzusetzen dem Marktpotential des Gastro-Großhandels,  im Vorjahr noch bei 5.310 Millionen Euro, so rasselt er, der Hochrechnung von HO-Consulting zufolge, heuer aller Voraussicht nach auf 3.611 Millionen Euro herunter, was ein Minus von 32,0% ergibt. Für den Gastro-Abhol- und Zustell-Großhandel, dessen Verkäufe rund 40% dieses Wareneinkaufs  ausmachen (die übrigen 60% kauft die Gastronomie direkt bei den Produzenten), bedeutet dieses Minus im heurigen Jahr Umsatzeinbußen in Höhe von rund 680 Millionen Euro.

Die Erholung im kommenden Jahr fällt aus heutiger Sicht nicht allzu üppig aus. Obergantschnigs Prognose sieht für 2021 einen Anstieg des Wareneinsatzes in der Gastronomie um 389 Mio. auf  rund 4 Mrd. Euro vor, was gegenüber dem Katastrophenjahr 2020 ein Plus von 10,8% ergibt. Dieser Schätzung liegt die Annahme zugrunde, dass in der Wintersaison 2020/2021 kein weiterer genereller Shutdown über Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe verhängt wird und dass in der zweiten Jahreshälfte 2021 infolge einsetzender Corona-Impfungen der internationale Urlauber- und Kongress-Tourismus wieder an Fahrt gewinnt.

14 Jahre Umsatzwachstum sind futsch

Corona und die vom  Staat ergriffenen Gesundheits-Schutzmaßnahmen ließen das Marktpotential des Gastro-GH heuer auf das Niveau von 2005 bis 2006 (!) absacken. 2006, also vor 14 Jahren, lag das von Gastro Data geschätzte Wareneinkaufsvolumen der Gastronomie bei 3.950 Mio. Euro. 2007 lag der Markt bei 4,1 Mrd. Euro, wenn die Prognose hält, wird dieser Wert im kommenden Jahr  annähernd erreicht.
Der vor wenigen Tagen von der Regierung verhängte, zweite Lockdown trägt wesentlich dazu bei, dass Obergantschnigs Prognosen für die Branche so düster ausfallen: Per Ende Oktober lag die Marktpotential-Vorhersage für 2020 bei 3.905 Mio. Euro, was gegenüber 2019 ein Minus von 26,5%  bedeutet hätte. Allein der November-Lockdown lässt den jährlichen Wareneinsatz im Gastgewerbe um 300 Mio. Euro schrumpfen und beschert demnach Österreichs Gastro-Großhandel Umsatzverluste in Höhe von rund 120 Millionen Euro. Insofern sind die Lockdown-Umsatzeinbußen des Gastro-GH, Folge des heruntergefahrenen Wareneinkaufs der Gastwirtschaften auch für eine gerechte Zuweisung finanzieller Hilfen seitens der Bundesregierung an die einzelnen Glieder der Lieferkette für den out-of-home-Konsum von Relevanz.

Die strukturellen Auswirkungen der Corona-Krise auf Österreichs Gastro-Großhandels- Branche lassen sich schwer vorhersagen. Wie gut und sparsam haben die Firmen in den vergangenen Jahren gewirtschaftet? Über wieviel Eigenkapital verfügen sie? In welchem Ausmaß können sie auf andere Vertriebssysteme wie den Ketten-Einzelhandel oder Großhandels-Lieferungen an Betriebe der Gemeinschaftsverpflegung ausweichen? Handelt es sich um „gestandene“ Familienunternehmen, bei denen die Generationen eng zusammenarbeiten? Oder sorgt die Zugehörigkeit zu einem international aufgestellten Konzern für finanziellen Rückhalt? Das sind nur einige, für die Resilienz der Unternehmen relevante Fragen in einer Branche, die, anders als der Lebensmittel-Einzelhandel, eine große Vielfalt an Marktteilnehmern, aber auch einen hohen Anteil an mittelständischen Familienunternehmen aufweist.

Vorsichtige Schätzung: 1800 Gastwirtschaften werden zusperren

Weil Corona-Umsatzeinbrüche der Gastronomie in hohem Maße auf das Geschäft des Gastro-Großhandels durchschlagen, schmälern Betriebsschließungen im Gast- und Beherbergungsgewerbe zwangsläufig auch den Absatzmarkt der Lieferanten: HO Consulting wagt eine vorsichtige Schätzung: 1800 Gastwirtschaften, das sind 4,6% aller Gastro-Betriebe, drohe in den kommenden Monaten das endgültige Aus. Umsatzeinbußen des Gastro-Großhandels in Höhe von 135 Mio. Euro  sind als unmittelbare Folge dieser Schließungswelle für 2021 zu veranschlagen. 

Detaillierte Aufschlüsse über die bisherigen Corona-Folgen für den Gastro-GH liefern die von Gastro Data (2006 vom  langjährigen Adeg/AGM Marketingmanager Helmut Obergantschnig gegründet) monatlich erhobenen Panel-Daten. Die Entwicklung der Marktvolumina und damit der Gastro-GH-Umsätze im Zeitverlauf, unterteilt nach Gastronomie-Kundentypen und Bundesländern zeichnet das Bild einer heftig durchgerüttelten Branche.

Große Unterschiede nach Bundesländern

So brachte der April, Lockdown - bedingt, mit  einem Umsatzminus von 71,0% den größten Einbruch. Die Erholung setzte im Juni ein (-23,4% im Vergleich zum Juni 2019) und erreichte im Juli (-3,4%), ein, wie sich jetzt herausstellt, kurzes „Zwischenhoch“.

Im Hochsommer war die Bundeshauptstadt Wien  mit einer Minusrate von 17,4% (Juli) bzw. 24,0% (August) am stärksten vom Fernbleiben ausländischer Touristen betroffen. Im Bundesland Salzburg lag das Minus im Juli  bei 8,1%. Die Salzburger Festspiele mögen dazu beigetragen haben, dass das Geschäft im August (mit minus 7,3%) schon etwas günstiger verlief. Kärnten, Steiermark und Burgenland wiesen, speziell im Juli Plusraten von 4,7% (Burgenland) bis 8,1% (Kärnten) auf.

Aufteilung nach Bundesländern

Gegliedert nach Sortimentsgruppen, zeigt das Einkaufsvolumen bei Frischfleisch beim Lockdown 1 die größten Ausschläge nach unten. Gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres gingen die Lieferungen im März um 59,8%, im April um 85,1% zurück. Ein Logistik-Horror für die Lieferketten dieser sensiblen Frischware. 

Verändert hat sich im schrecklichen Corona-Jahr 2020 auch das Einkaufsverhalten der Gastro-GH-Kunden. Erstmals nach Jahren des Rückgangs stieg 2020 der Umsatzanteil der Abholmärkte, der langfristige Trend zur Zustellung legt eine Pause ein. In der Periode  Jänner bis Juli erhöhte sich der Anteil der Abholmärkte um 3%-Punkte, nämlich, von 31,67% (2019) auf  34,54%, analog ging der Anteil des Zustellgeschäfts von  68,33%  auf  65,46 % zurück.

Veröffentlicht am

06.11.2020