Online-Handel posiert als Klimaschützer. Ein Eklat?

Online-Handel posiert als Klimaschützer. Ein Eklat?

Dr. Hanspeter Madlberger zieht Bilanz über die Selbstdarstellung des Online-Handels als Beschützer unseres Klimas.

Kommentar von Dr. Hanspeter Madlberger

Dass die Pandemie den Online-Handel  stürmisch beflügelt, ist eine empirisch gesicherte Erkenntnis. Dass der Vormarsch des Internet-Fernhandels, wie kürzlich gemeldet, zugleich ein wahrer Segen für den Klimaschutz sei, ist hingegen ein Narrativum, dessen Wahrheitsgehalt dringend hinterfragt werden sollte. Zumal die globale Digitalindustrie im gesellschaftlichen Dialog immer vehementer die Themenführerschaft beansprucht.

Über einen Mangel an Herausforderungen können unsere Händler, vom mittelständischen Kaufmann bis zum Vorstandsdirektor großer Filialunternehmen im zweiten Quartal 2021 wahrlich nicht klagen. Die Corona-Krise durchläuft zur Zeit eine Phase der Trendwende. Ein Schub bei den Impfungen lässt hoffen, dass die Lockdown-Welle abebbt und Gastronomie, Gastro-GH, Tourismus und Nonfood-EH wieder Fahrt aufnehmen. Für die Manager in diesen Branchen beginnt ein langwieriger und mühseliger Wiederaufbau-Prozess. Unternehmerische Initiative und Innovations-Spirits sind da vor allem gefragt, aber es braucht auch ökonomische Energie-Zufuhr durch finanzielle Hilfe, verabreicht vom Staat und der EU.  

Die Corona-Hilfspakete der EU und unserer Bundesregierung sehen gleichermaßen vor, dass vor allem Investitionen in den Klimaschutz und in die Digitalisierung gefördert werden. Geradezu gebetsmühlenartig trichtert der Chor der europäischen Wirtschaftsweisen den Unternehmern aus Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gastronomie ein, dass die Überwindung der Corona-Wirtschaftskrise nur dann gelingt, wenn Digitalisierung und Klimaschutz die Unternehmensstrategien bestimmen. In besonderem Maße gilt dieses Dogma für die Lieferkette der Lebensmittelwirtschaft.

Onlineboom hilft dem Klimaschutz? Aber hallo!

Ein Bericht des angesehenen Handelsblatts vom 13. April verleiht dem Ruf nach diesem Doppelpack von Klimaschutz und Digitalisierung atemberaubende Brisanz. Onlineboom hilft dem Klimaschutz, so lautet die Schlagzeile. Der Einkauf beim stationären Handel belaste die Umwelt 2,3 mal stärker als das Online-Shopping bei Amazon, Zalando oder Otto. Das ist die Key Message dieses Artikels, der sich auf eine Studie beruft, die von der Unternehmensberatung Oliver Wyman und der Logistics Advisory Experts GmbH, einem kommerziellen Ableger der Wirtschaftsuniversität St. Gallen, gemeinsam verfasst wurde.

Vor allem sei es der hohe Energieverbrauch der Einzelhandelsimmobilie, der den Unterschied zwischen den CO2-Footprints von Online und Offline Shopping begründe, argumentieren die beiden Advisers. Sie erweisen damit unserem ACSP (Austrian Council of Shopping Places) sowie dessen europäischer Dachorganisation einen Bären- und den globalen Online-Giganten einen Liebesdienst.

Einen Footprint-Vergleich zwischen den Lieferketten des stationären Handels und jenen seiner Corona-befeuerten Internet-Herausforderer anzustellen, kommt einer wissenschaftlichen Mammutaufgabe gleich. Aus österreichischer Sicht wäre es  äußerst wünschenswert, wenn sich unsere WU Wien dieses Themas annähme. Prädestiniert dazu ist Europas größte Wirtschaftsuniversität allemal. Wird doch auf ihrem architektonisch so eindrucksvoll gestalteten Campus, angesiedelt zwischen Wiener Messe, Trabrennbahn und Wurstelprater ausgiebig über Nachhaltigkeits-Ökonomie geforscht, während der neue Vorstand des Instituts für Handel und Absatz den wissenschaftlichen Fokus auf Data Insights legt, somit in der digitalen Wirtschaftsinformatik zu Hause ist.

Wissenschaft oder Greenwashing?

Auch als blutiger Laie in dieser Materie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass besagte Wyman-Studie  recht einseitig an das komplexe Thema herangeht. So erfährt man darin wenig über den exorbitanten Energieverbrauch, den die Blockchain-Technologie und ihre Anwendung in der Bitcoin-Währung nach sich zieht. Fair wäre es gewesen, darauf hinzuweisen, dass sich der Laden-Handel genau so des energiesparenden Cloud Computing bedient wie der Online-Handel. Und dass die hohen Retourquoten im Online-Handel, speziell bei Kleidung und Schuhen dem Klima schaden. Der gute, alte Nancy Sinatra-Song "This boots are made for walking" erfährt da eine völlig neue Deutung.

Dass das dichte Nahversorger-Netzwerk unseres LEH über  ideale Klimaschutz-Voraussetzungen verfügt und laufend Klima-Preise einheimst, soll nicht unterwähnt bleiben. Das EHI/Microsoft Whitepaper über Sustainable Smart Stores zeigt auf, dass im Offline-Handel Klimaschutz und Digitalisierung durchaus kompatibel sind. Außer Streit steht, dass bei der landesweiten Lebensmittel-Distribution die bessere Abstimmung zwischen Bahn- und Straßentransport noch Klimaschutz-Potential aufweist. Und ob Mutter Erde aufatmen darf, wenn E-Bike-Kohorten, überschattet von Drohnen-Schwärmen die Wohnreviere durchfluten, bleibt dahingestellt.

Onlineboom hilft dem Klimaschutz, diese Message trägt ganz deutlich den Fingerprint der Meinungsmache, made in Seattle und Silicon Valley, in der Zalando-Stadt Berlin und der Otto-Stadt Hamburg. Im Standard Interview vom 14. April ließ Unito-Geschäftsführer Harald Gutschi seinen Schwärmereien von einer  schönen, neuen, klimaschonenden Online-Handelswelt freien Lauf. Die letzte Meile der Pakete wolle sein Unternehmen künftig klimafreundlicher gestalten, ließ er die rosa-Blatt-Leser wissen. Dass Unito in den letzen drei (!) Jahren Steuern und Abgaben in Höhe von 40,6 Millionen € an den Finanzminister abgeliefert hat, wäre nur dann aussagekräftig, wenn man erführe, wie hoch der Unito-Gesamtumsatz in diesen drei Jahren war und um welche Steuer-Arten  (Mehrwertsteuer, Körperschaftssteuer, Kapitalertragssteuer,  Kommunalabgabe, Lohnsteuer... ? ) es sich dabei handelt.

Dass das GAFAM (Acronym für  Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) Quintett und ihre deutschen Marktbegleiter über die Medien ein breit angelegtes Green Campaigning betreiben, ist offenkundig. Amazons TV-Spot zum Thema, auch im ORF  gelegentlich zu sehen, nimmt sich aus, wie von Greta Thunberg entworfen. Zu erkunden, wo Green Campaigning zu Green Washing mutiert, bleibt ein dankbarer Dauerauftrag an öko-bewegte Recherche-Plattformen.

Die Probleme liegen tiefer

In seinem jüngst erschienen, äußerst lesenswerten Band Kapital  und Ressentiment analysiert der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschafter Joseph Vogl, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, wie im Zusammenwirken von Digital-Industrie, Finanzkapitalismus und einer Medienszene, in der Social Media eine überragende Rolle spielen, neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtstrukturen entstehen. Die Parallelen zwischen Plattform-Kapitalismus und Plattform-E-Commerce sind auch an den himmelstürmenden Börsenkursen der Netzgiganten abzulesen. Die Finanzwelt habe die Bewirtschaftung von Informationen als attraktive Quelle der Wertschöpfung erkannt, diagnostiziert Vogl. Seine Conclusio: "Auf der Strecke bleiben dabei Demokratie, Freiheit und soziale Verantwortung".

Veröffentlicht am

16.04.2021