Lidls Vorstoß mit Eco-Score wirft viele Fragen auf

Lidls Vorstoß mit Eco-Score wirft viele Fragen auf

Neue Runde im Öko-Wettlauf des Lebensmittelhandels eingeleitet.

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

"Lidls verwirrendes neues Ökolabel", so übertitelte die renommierte Welt vom 22. Juni einen Bericht über Eco-Score, das fünfstufige System zur Öko-Bewertung von Lebensmitteln, das seit ein paar Wochen in Berliner Lidl-Filialen getestet wird. Der Nachhaltigkeits-Wettlauf zwischen den beiden deutschen Discount-Giganten Aldi und Lidl erreicht damit einen neuen Höhepunkt. 140 Lidl-Eigenmarken in den Warengruppen Milchprodukte, Kaffee und Tee werden als erste dem Eco-Score-Check unterzogen. Ob und wann das Modell auch in Österreich zur Anwendung kommt, war nicht zu erfahren.

Worum geht es beim Eco-Score? Der Grad der Umweltverträglichkeit eines Artikels wird durch eine fünfstufige Buchstaben-. und Farbskala ausgedrückt. Das A auf einem grünen Blatt steht für die Bestnote, das E auf einem roten Blatt besagt, dass es sich hier um ein besonders umweltunfreundliches Produkt handelt. Wenig überraschend: Die Kundschaft findet in den Testfilialen keinen einzigen Artikel mit der Note E. Interessanterweise ist der Eco-Score nicht auf den einzelnen Packungen angebracht, sondern wird über das Regalschild  kommuniziert. Das erschwert den Kunden zwar die Zuordnung von Score zu Artikel, erleichtert aber dem Lidl-Filialteam die rasche Umsetzung des Programms sowie eine flexible Anpassung der Kennzeichnung bei Sortiments-Änderungen. Und die Eigenmarken-Produzenten müssen sich nicht mit Mehrkosten bei der Etikettierung herumschlagen.

Vorbild ist der umstrittene Nutri-Score

Optisch orientiert sich Lidls Eco-Score stark am Nutri-Score, ebenfalls ein fünfstufiges Deklarations-System, das seit Spätherbst 2020 in Deutschland als Ampel für  Nährwertkennzeichnung gesetzlich zugelassen ist und von einzelnen Anbietern auch genutzt wird. Innerhalb der EU, aber auch innerhalb der Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandels gibt es seit Jahren heftige Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern des Nutri-Score. 

Bezieht sich der Nutri-Score auf einige wenige gesundheits-relevante Ernährungskriterien (wie Brennwerte, Gehalt an Zucker, Salz und ungesunden Fetten), so werden für die Eco-Score-Beurteilung eine Vielzahl von Nachhaltigkeits-Aspekten herangezogen. Die Palette reicht von CO2-Footprint über Bio-Zertifizierung bis zu Kriterien der Bio-Diversität und der Rezyklierbarkeit der Verpackung, schließt aber auch gesundheitliche Aspekte wie Fettgehalt  mit ein. Aus österreichischer Sicht besonders bemerkenswert: Die regionale Herkunft hat keinen Einfluss darauf, ob die Eco-Ampel grün aufleuchtet, kurze Transportwege fallen also als Klimaschutz-Argument unter den Tisch.

Voilá, der Eco-Score ist kompliziert und verwirrend

In der Praxis kommt es solcherart zu Bewertungen, die das Attribut "verwirrend" durchaus rechtfertigen. "So bekommt der fettige griechische Joghurt im stabilen Plastikeimer die Note A, während der Bio-Joghurt mit 3,5% Fett und auch die fettarme Variante nur ein B beim Eco-Score aufweisen", empört sich der Welt-Reporter. Er empfindet es auch als ungerecht, dass die Sojamilch ebenso gut abschneidet wie die Hafermilch, obwohl der (südamerikanische) Sojaanbau in der Regel einen viel schwereren CO2-Rucksack mitschleppt als ein (europäisches) Haferfeld. Die LZ erfuhr beim Lokalaugenschein  im Lidl-Markt "Schöneberg 2",dass beim Eco-Score ein Demeter-Zertifikat doppelt soviel Bonuspunkte bringt wie ein Fairtrade-Siegel.

Lidls Öko-Ampel versteht  sich nicht als relatives Nachhaltigkeitsranking - Note A für das umweltfreundlichste  Produkt in der betreffenden Kategorie - sondern als absoluter Öko-Indikator für das Gesamtsortiment. So gibt es keinen einzigen Kaffee mit Bestnote, die Branche findet sich in den Klassen C und D versammelt.

Eco-Score als Vorlage für EU-Regelung?

Hervorzuheben ist der europäische Ansatz, den die Schwarz-Gruppe, der Welt viertgrößter und Europas größter Lebensmittelhändler, für die Lancierung des Eco-Score gewählt hat. Systementwickler ist das französische Umweltinstitut ECO2 Initiative. Französische Handelsgruppen signalisierten bislang keine Zustimmung zum ECO2-Modell, neben Lidl zeigte sich nur der belgische Filialist Colryt davon angetan. Der Eco-Score soll, wie deutsche Medien vermuten, der EU-Kommission als bereits praxiserprobte Vorlage für den Gesetzentwurf präsentiert werden, mit dem die Union ab 2024 die Öko-Deklarationsvorschriften für Lebensmittel einheitlich regeln will.

Proprietäres Lidl-Modell oder Vorlage für Branchenlösung?

Die Komplexität des Eco-Score-Systems lässt erwarten, dass die Qualitäts- und  Öko-Zertifizierungs-Auflagen, die Lidl seinen Lieferanten vorschreibt, künftig noch umfangreicher und damit stressiger werden. Golden Plating bei den Öko-Standards in Verbindung mit dem Verlangen nach Niedrigstpreisen, da braucht man als Geschäftspartner für die Jahresgespräche ein reißfestes Nervenkostüm. Ob die Ankündigung von Matthias Oppitz, dem Geschäftsführer von Lidl Deutschland, der Eco-Score sei nicht als proprietäres System seines  Unternehmens, sondern als Vorschlag für einen allgemein gültigen Branchenstandard gedacht, den Praxis-Härtetest bestehen wird, darf  angezweifelt werden. Allzu heftig tobt seit Jahren speziell zwischen Europas Handelsriesen der Wettbewerb um das Öko-Championat, speziell in der Königsdisziplin, dem Klimaschutz.

Dass auf der politischen Bühne in der Frage der Nachhaltigkeits-Kennzeichnung von Lebensmitteln nicht, wie bisher üblich, die Landwirtschaft oder allenfalls die Lebensmittelindustrie, sondern ein umsatzstarker Lebensmittel-Discounter konzeptionelle Vorarbeit leistet, erscheint freilich ziemlich unwahrscheinlich. Es wird sich zeigen, ob die Lidl-Initiative sich tatsächlich als Puzzlestein in den Green Deal der Kommissionspräsidentin einfügen lässt.

Die Erfolgsaussichten  der Lid-Initiative sind auch deshalb überschaubar, weil der Öko-Wettlauf, den einander deutsche Lebensmittelhändler liefern, bei großen Medien auf viel Häme stößt. "Die Klima-Discounter" übertitelte der Spiegel einen Bericht in der Ausgabe vom 12. Juni, der im Vorwurf gipfelt, bei den vielen  Projekten, die unter der Flagge "Klimaneutralität" segeln, handle es sich in Wahrheit um plumpes Greenwashing. Die deutsche Wettbewerbszentrale mit Sitz in Bad Homburg mahnte kürzlich  Aldi Süd ab, weil die Mühlheimer damit geprahlt hatten, "der erste  klimaneutrale Lebensmittelhändler Deutschlands" zu sein. Gestritten wird vor allem darüber, ob es zulässig sei, 100% CO2-Neutralität nicht ausschließlich im eigenen Unternehmen herbeizuführen, sondern sich diesen Status durch den Kauf von Kompensations-Zertifikaten zu verschaffen. Lidl Österreich hat, wie retailreport.at berichtete, vor einigen Monaten einen diesbezüglich Testballon aufsteigen lassen. "Ein gutes Stück Heimat"-Eigenmarken  aus österreichischer Produktion beanspruchen 100% Klimaneutralität, können diesem Claim aber nur deshalb gerecht werden, weil Lidl bei Öko-Projekten  z.B. in Übersee ein gutes Stück an CO2Reduktion mitfinanziert. 

Ehrliches Green Marketing unter Vermeidung von cleverem Green Washing bleibt somit eine Gratwanderung.  Und es sind wahrlich nicht nur die Händler, die in dieser heiklen Frage Charakter zeigen müssen. Sondern  alle Produzenten, die mit Öko-Verantwortung im Wettbewerb um  Öko-sensible Konsumenten punkten wollen. Ein drolliges Beispiel, wie auch in deutschen  Molkereien getrickst wird, ist dem Spiegel-Artikel zu entnehmen. Die Molkerei Hochland wurde abgemahnt, weil in ihrer Werbung  von "Freilaufkühen" die Rede war. Nur wer das Kleingedruckte las, erfuhr, dass die Kühe nicht auf der Weide, sondern  nur im Stall frei herumlaufen dürfen.....

Veröffentlicht am

05.07.2021