Lekkerland Zentrale Frech

Leckere Details zum Lekkerland-Kauf

Dr. Hanspeter Madlberger blätterte für retailreport.at im Rewe Konzern-Geschäftsbericht 2020.

Das Corona-Jahr 2020 verlief für den Rewe Konzern überwiegend erfolgreich, auf Konzernebene legten die Kölner beim Umsatz, vor allem dank der Lekkerland-Übernahme, ordentlich, nämlich um 23,4% zu. Sie mussten aber auch Rückschläge, insbesondere in der Tourismus-Sparte und im osteuropäischen Supermarkt-Business (Verkauf von Billa Ukraine) hinnehmen. Das Jahresergebnis sank von 506,9 Mio € (2019) auf 415,3 Mio € (2020), was eine eher magere  Umsatzrendite von rund 0,6% ergibt.

Das  geht aus dem kürzlich online veröffentlichten, 190 Seiten starken Geschäftsbericht 2020 des Rewe- Konzerns hervor. Dieser firmiert unter Rewe Zentralfinanz eG (kurz: RZF) und umfasst nicht weniger als 275 deutsche und 171 ausländische Tochtergesellschaften.

Schon im Spätherbst vergangenen Jahres sorgte Lionel  Souque, Vorstandsvorsitzender der RZF in der Branche für Überraschung, als er verlautbarte, die Rewe sei durch die 100%-Übernahme der Lekkerland-Gruppe, die per 1.1. 2020 über die Bühne ging, zum zweitgrößten europäischen Lebensmittelhändler Europas aufgestiegen. Im Ranking der Lebensmittelzeitung, das zum Teil auf Schätzungen beruht, scheint die Rewe nicht auf dem zweiten, sondern auf dem dritten Rang auf, weil das Fachblatt unverständlicherweise den Online-Riesen Amazon trotz seines lächerlich geringen Food-Anteils dem Lebensmittelhandel zuzählt und als Nummer Zwei der Branche ausweist. Unangefochtener Europa-Champion ist die Schwarz Gruppe (mit Lidl und Kaufland), knapp hinter Rewe folgt Tesco, dahinter reihen sich Aldi (Süd und Nord), Carrefour und Edeka.

Turbulente deutsche Handelsszene

Vier deutsche Food Retailer unter Europas Top Sechs! Anders als im Fußball halten die Deutschen im LEH den Europameistertitel fest in Händen. Wobei innerhalb dieses Umsatzstürmer-Quartetts zwei Supermarkt-lastige Genossenschaftskonzerne (Rewe und Edeka) sich mit zwei Discount-Riesen in Familienbesitz (Lidl/Schwarz und Aldi) matchen. 2020, am Höhepunkt  von COVID 19, legten im deutschen LEH, ähnlich wie bei uns, die Supermärkte von Edeka und Rewe stärker zu als die Discounter von Lidl und Aldi. 2021 verstärken die einstigen Hard Discounter ihre Grading up-Aktivitäten, indem sie sich massiv für den Klimaschutz engagieren und bei der Umsetzung von Klimaneutralitäts-Projekten eine Vorreiterrolle einnehmen. Die heftigen Turbulenzen im Top-Management der Schwarz-Gruppe, die mit der Abberufung von Klaus Gehrig ihren Höhepunkt erreichten, sorgen, nach den Erbschaftskonflikten bei Aldi Nord  für zusätzliche Spannung.

Rewe zahlte 700 Millionen für Lekkerland

Wie aber ist die Lekkerland-Akquisition der Rewe in dieses Europa- Szenario des LEH einzuordnen? Die Rewe zahlte für Lekkerland einen  Kaufpreis von 699,8 Mio €. In diesem Betrag ist auch der Erwerb von Lekkerland Wien  inkludiert. Doch muss die Rewe diese Firma aufgrund  einer BWB-Entscheidung weiterverkaufen. Lekkerland Österreich ist auch weiterhin Mitglied der Markant und nimmt deren Zentralregulierungs- und IT-Dienstleistungen in Anspruch.

Der Rewe Konzernumsatz stieg durch den Lekkerland-Kauf um rund 12 Mrd. €. Der Kaufpreis machte somit rund 6% des übernommenen Jahresumsatzes aus. Das Investment schlägt in der Bilanz mit einem steuerlich abzugsfähigen Firmenwert von 568,8 Mio € zu Buche. Vorerst ist die Rendite dieser Akquisition bescheiden. Dem genannten Mehrumsatz 2020 steht ein Mehrertrag in Höhe von lediglich 24,4 Mio € gegenüber.

Lekkerland, bislang noch kein Ertrags- sondern ein Umsatztreiber, wurde in das neu geschaffene Geschäftsfeld Convenience eingebracht. Dessen Umsatz lag 2020 bei rund 13 Mrd. €. Die zusätzliche Milliarde steuerte die bereits bestehende Vertriebslinie Rewe to go  (mit 17 Filialen in D) bei, die jetzt ebenfalls in der Sparte Convenience angesiedelt ist.

Lekkerland: Viele Lieferstellen, hoher Logistikaufwand

Worüber man in Köln offenbar nicht so gern spricht: Der Lekkerland -Vertriebszweig hat mit dem herkömmlichen Supermarkt-Geschäft wenig gemeinsam. Die beiden neuen Großhandelsfirmen im Rewe-Reich, nämlich Convenience Deutschland und Convenience  International (präsent in den Niederlanden und in Belgien, Luxemburg und Spanien, wo man unter Conway firmiert) beliefern insgesamt mehr als 85.700 (!) Outlets. Das Spektrum reicht von Tankstellenshops und Kiosken, über Kaufhäuser, Lebensmittel- und Getränkemärkte, bis zu Fast-Food-Ketten, Kantinen, Bäckereien und anderen Shoptypen für den to-Go-Verzehr. Convenience Deutschland erzielt mit der Belieferung der 63.200 Kunden einen Jahresumsatz von 8.032 Mio €. Macht pro Kunde ein Liefervolumen von knapp 130.000 €.

Das ist kein Groß- sondern ein Klein-Kleinhandel und erfordert einen extrem hohen Logistik- und Personal-Aufwand. Der Anstieg der Personalaufwendungen um 8,4% sei  nicht nur auf die Corona-bedingten Zusatzkosten in den Supermärkten, sondern vor allem auf das neue Geschäftsfeld Convenience zurückzuführen, vermerkt der Geschäftsbericht.  Da überrascht es nicht, dass der Rohertrag des Rewe Konzerns von 25,0% im Jahr 2019 auf 22,5% im Jahr 2020 absackte. Bereinigt um die Convenience-Sparte, ergibt sich für die restlichen Geschäftsfelder des Konzerns eine Rohertragsquote von 26,7%.

Heißes Eisen Rohertragsabschmelzung

Doch auch im klassischen Supermarktgeschäft brachte das Jahr 2020 eine Rohertragsabschmelzung. "Durch die verstärkten Markenartikellistungen bei den Discountern sowie im Nonfood-Bereich durch den weiterhin aggressiven Onlinehandel erhöht sich der Druck auf die Preisentwicklung in den Märkten. Da es sich im wesentlichen um umsatzstarke Artikel handelt, wirken sich diese nachhaltigen Preissenkungen wesentlich auf die Rohertragsentwicklung aus", heißt es auf Seite 38 des Geschäftsberichts.

Rewe Convenience tritt das Erbe von Tobaccoland und Austria Tabak an

Im Lebensmittel-Business beschert die Lekkerland-Akquise den Kölnern ein erhöhtes Einkaufsvolumen vor allem bei Getränken, Süßwaren, Snacks und anderen Convenience-Food-Waren. Wesentliche Bereiche des von Lekkerland übernommenen Umsatzvolumens tragen jedoch nicht zur Stärkung der Rewe-Einkaufsmacht bei der Food-Markenartikelindustrie bei. Mit anderen Worten, der Nonfood-Anteil ist sehr hoch, was vor allem auf zwei Warengruppen zurückzuführen ist. Großes Umsatzgewicht haben einerseits die Lieferungen von Tabakwaren (einschließlich E-Zigaretten), ein Sortiment von rund 4000 Artikeln und andererseits die Provisionserlöse aus dem Verkauf elektronischer Pre Paid-Gutscheinkarten als Aufladeguthaben für Handys. Der Einstieg von Lekkerland in den Tabakwarengroßhandel erfolgte schon 1999 durch den Zusammenschluss mit Tobaccoland. Einige Jahre später beteiligte sich die damalige Austria Tabak an Lekkerland-Tobaccoland und brachte ihr in Deutschland breit ausgerolltes Zigarettenautomaten-Geschäft in die Firma ein. Bis zum Zeitpunkt des Eigentümerwechsels war die Japan Tobacco International (JTI)  größter Einzelaktionär von Lekkerland  mit einem Anteil von 20,1%. JTI erwarb nämlich 2007 die britische Gallaher-Gruppe, die ihrerseits 2001 die Austria Tabak nach deren Privatisierung übernahm.

Smart Convenience Läden:  Hoffnungsträger im Digitalhandel

Mit Lekkerland hat sich Souque einen Umsatzbringer angelacht, die nicht nur hohe Kosten, ein extrem breites Sortiment an Waren aller Art sondern auch erhebliches Wachstumspotential im Digital-Handel, genauer gesagt im Connected Retail-Business von Online- und automatisiertem Offline-Handel bereithält. Bei E-Food hat sich die Rewe in den letzten Jahren als stärkster Amazon-Widerpart  positioniert. Jetzt starten die Kölner eine fulminante Smart Store-Offensive gegen Amazon Fresh, bei der die eigenen Convenience-Läden, wie Rewe to go eine tragende Rolle übernehmen. Wie die LZ vom 9. Juli berichtete, ging die Rewe eine Kooperation mit dem  US-Startup-Unternehmen Aifi mit dem Ziel ein, Testbetriebe von  automative (kassenlosen) SB-Kiosken und Convenience Stores ins Rennen zu schicken.. Damit nicht genug, testet die Rewe laut Handelsblatt-Bericht vom 14. Juli das Supermarkt Modell Pick & Go eines automatisierten Ladens in Zusammenarbeit mit dem israelischen Startup Trigo. In Europa formiert sich die anti-Amazon-Front des klassischen LEH: Beim Smart Convenience Store von Aifi machen neben der Rewe auch Carrefour und Ahold mit, beim Trigo-Modell haben , schon vor der Rewe, bereits Tesco und die größte  israelische Supermarkt-Kette Shufersal zugelangt. 

Bericht: Dr. Hanspeter Madlberger

Veröffentlicht am

17.07.2021