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Kommentarfoto Gabi Jiresch

Wiener Blut

Gedanken zu Attentat und Lockdown

Als könnte es nicht noch schlimmer kommen: Lockdown #2 steht vor der Tür und just in diesem Moment schafft es ein Terrorist Österreich und im speziellen die Bundeshauptstadt Wien in völligen Schock zu versetzen. Im ersten Moment rechnet jede und jeder, der wie die meisten von uns die Nacht zum 3. November 2020 vor den Fernsehgeräten oder sogar vor Ort im 1. Wiener Gemeindebezirk verbracht hatte, mit einem kompletten Stillstand. Wie soll das alles weitergehen? Der Frust sitzt so tief.

Doch es wäre nicht Wien, es wären nicht die Wiener und auch nicht Österreich, wenn man nicht – umhüllt mit dem weltweit bekannten Wiener grantigen „Schmäh“ – nach kurzer Zeit seine Sinne fasst und eine Antwort auf alle, die uns weh tun wollen parat hat: Schleich, die Du Oaschloch! Danke an die Puls4-Anchorwoman Corinna Milborn, die das aufs Tapet brachte, was viele dachten: „Der Ausruf eines Terror-Beobachters ist die schönste Beschreibung der Wiener Seele zu diesem Vorgang“. Dieser Ausruf hat nichts Verharmlosendes, sondern kommt aus dem tiefsten Inneren. Jeder, der das schon einmal ausgerufen hat, weiß die Emotion dahinter. Denn Wiener Blut ist geflossen, egal welcher Nationalität und Religion die Opfer waren.

All diese Nachrichten haben mich schließlich zum Schluss gebracht: Wir haben in Wahrheit einen unheimlichen Zusammenhalt in Österreich und Wien – speziell in der Branche, die sich um Nahrungs- und Genussmittel in Österreich kümmert. Diesen Zusammenhalt muss man heute noch mehr betonen und hervorheben.

Denken Sie an den ersten Lockdown, als der „offene“ Handel die Mitarbeiter des „geschlossenen“ Handels übernahm, an die Versorgung der Bevölkerung durch Handel und natürlich auch Industrie. Es wurde kein Aufsehen darum gemacht, dass die Waren aller Art verfügbar sind: sie waren einfach da.
Denken Sie an die schnelle Reaktion bei der Unterstützung der heimischen Produzenten, denen ein Teil ihres Geschäftsmodells wegbrach, als die Gastronomie geschlossen wurde. Denken Sie an all die Plattformen, die entstanden, um für ältere Personen einkaufen zu gehen oder den Hund „Gassi“ zu führen. Unzählige Varianten an Hilfe fallen mir ein.

Und beachtlich: diese Aktionen beschränkten sich nie auf nur „Österreicher“, sondern breiteten sich auf alle in der Bevölkerung aus. Wir sind es nämlich seit dem 14. Jahrhundert gewohnt, dass wir „belagert“ werden. Wir können also in Wahrheit gut mit anderen Religionen und Nationalitäten umgehen – das macht es so spannend und Wien zur internationalen Stadt. Am besten ist das erkennbar, wenn man durch die Straßen geht und neben eines Billa, Spar, Hofer und Lidl auch Etsan und eigenständige Lebensmittelgeschäfte sieht. Was der Attentäter offensichtlich erreicht hat und was er sicher nicht erreichen wollte ist, dass wir mehr denn je zusammenrücken! Das ist schier eine Sensation und macht hoffnungsvoll in diesen traurigen Stunden.

Denn: In Wien ist jeder willkommen, außer er ist ein „Arschloch“!

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Veröffentlicht am

04.11.2020