Meinungen zum Thema Plastikpfand

Kein Chor im Dreiklang

Ein großes Thema – viele verschiedene Stimmen. retailreport.at unternimmt den Versuch, so viele wie möglich hier zusammenzufassen.

Das Thema Plastik und Recycling erhitzt die Gemüter. Verständlich für die einen, wenn es um die wirtschaftliche Zukunft geht, verständlich für die anderen, wenn es nur um Umwelt geht. Wir fassen zusammen, bewerten nicht, sondern dokumentieren. Ministerin Gewessler hält an ihrem 3-Punkte-Plan fest: "Ich werde der Plastikflut in Österreich sicher nicht länger zusehen". Ihrem Ziel nach wird Ende des Jahres ein Ergebnis vorliegen.

Die Verunsicherung der Industrie ist deutlich zu spüren, sind es doch die Hersteller, die seit vielen Jahren erfolgreich an Alternativen und plastikfreien Lösungen und Recyclingquoten arbeiten. Einige Beispiele wollen wir hier nennen:

Alfred Berger, Vorstand der NÖM AG: „Mit dem Thema Kunststoff liegt die Frau Minister wirtschaftlich sicher richtig (und auch politisch im Trend). Für eine echte Kreislaufwirtschaft gehören meiner Meinung nach aber nicht nur schnelle, unfertige Maßnahmen wie Pfand, etc. Sondern dies braucht ein nachhaltiges und langfristiges Gesamtkonzept. Dieses vermisse ich! Das Abfallwirtschaftsgesetz ist sicher die richtige Basis dies aufzusetzen. 
Wir haben in Österreich bereits sehr hohe Sammlungsquoten und diese gilt es sinnhaft und kosteneffizient auszubauen. Und wir müssen auch ein Konsumentenverhalten dramatisch und kurzfristig ändern.
Ich denke, dies wird von den meisten der handelnden Personen, da sie weder im Handel noch in der Industrie tätig sind, dramatisch unterschätzt.“

Mag. Monika Fiala, Geschäftsführerin Waldquelle sieht den Konsumenten im Mittelpunkt: „Aus Sicht von Waldquelle Mineralwasser ist die Umsetzung einer Mehrwegquote als auch eines Einwegpfandes mit enormem Aufwand und Kosten verbunden und eine Doppelgleisigkeit die nicht notwendig ist. Die beiden Aspekte betrachtend sehen wir das Einwegpfand als die konsumententauglichere Lösung, die „massentauglich“ für alle Lebensräume und -bedingungen umgesetzt werden kann. Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine Lösung, die vom Konsumenten angenommen wird und ihm seinen Einkauf nicht erschwert. Denn sonst stehen wir vor dem Problem, dass wir ihn aus der Kategorie „vertreiben“, da Gewicht und Umfang seines Getränkebedarfs nicht mehr zu handhaben sind.“

Frank van der Heijden, Geschäftsführer Verkauf und Marketing Egger Getränke setzt auf Mehrweg: „Wir von Egger Getränke finden alle Vorstöße gut, die dazu beitragen, den Mehrweganteil signifikant zu steigern“. Glas-Mehrweg trägt maßgeblich zur Lösung der „Plastik-Thematik“ bei: „Sammeln ist gut – vermeiden aber noch viel besser. Alles, was in Glas-Mehrwegflaschen auf den Markt kommt, braucht nicht als PET recycelt werden,“ weiß der Egger Getränke Geschäftsführer. Eine verpflichtende Mehrweg-Quote würde van der Heijden begrüßen, weil damit „die Ursache und nicht die Auswirkung angegangen wird.“

Mag. Birgit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser GmbH: „Wie diese Diskussion weiter geht und am Ende des Tages entschieden wird, können wir nicht sagen, dafür gibt es Experten, die sich damit im Detail beschäftigen. Aber wie Sie wissen, setzen wir uns seit über zehn Jahren mit ressourcenschonenden und umweltverträglichen Verpackungstechnologien auseinander. Es war und ist uns immer wichtig, neben einem hervorragenden Produkt auch eine nachhaltige Verpackung anzubieten“, so Aichinger. „Wir sind gerne Teil der Lösung: Wir sind auch nach wie vor der Meinung, dass wir als Unternehmen Teil der Lösung sein müssen, deshalb ist es für uns eine Frage der Haltung, unser hervorragendes, natürlich reines Mineralwasser auch in der nachhaltigsten Verpackung anzubieten – entweder in der alltagstauglichen 100 % rePET- oder der Glas-Mehrwegflasche. Bei allen Gebinden wird zudem schon beim Design das spätere Recycling mitgedacht und geplant. Und damit sind wir auch dafür, dass umweltfreundliches Verhalten gegenüber wenig nachhaltigem Verhalten belohnt wird. Das heißt auch, dass eben Anstrengungen Material zu reduzieren und Reyclingmaterial zu verwenden, einen Vorteil bringen sollen. In diesem Sinne haben wir auch die EU-Verordnung und die derzeitige Diskussion verstanden.“

Die Sprecher der Handels-Branche in alphabetischer Reihenfolge

Fachverband der Lebensmittelindustrie, Mag. Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, zeigt sich verwundert:  „Bisher verlief der Austausch unter Einbindung aller Stakeholder sehr wertschätzend und konstruktiv auf Augenhöhe. Resultate liegen noch nicht vor. Dass man nun aber vorprescht und mitten in den Gesprächen – dem Anschein nach – beschlossene Ergebnisse präsentiert, hat uns doch einigermaßen überrascht. Ein solches Vorgehen ist wenig konstruktiv. „Allein zu genannter Mehrweg-Forderung, einem rigiden Markteingriff, fanden bisher keinerlei Konsultationen statt.“ „Gerade die österreichische Getränkewirtschaft agiert bei diesem Thema mit ihrem großen Engagement seit vielen Jahren als ökologischer Innovationstreiber. Gebraucht wird jedenfalls ein System, das umfassend die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt und sowohl ökologisch wirksam wie auch wirtschaftlich umsetzbar ist. Denn gerade in Zeiten schwieriger konjunktureller Entwicklung nach der Corona-Krise darf es nicht zu weiteren Belastungen für unsere Betriebe kommen. Darüber hinaus muss eine Lösung ebenso für Konsumenten attraktiv sein, da ohne die Mitwirkung der Bevölkerung kein System Erfolg haben wird. Es braucht ein Maximum an Convenience“, so Koßdorff abschließend und ergänzt: „Österreichs Lebensmittelindustrie steht für Ausarbeitung und Umsetzung einer tragfähigen Lösung weiterhin mit ihrer Expertise zur Verfügung.“

Handelsverband, Mag. Rainer Will, Geschäftsführer: Bundesministerin Gewessler plant just während der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, jedes österreichische Unternehmen mit durchschnittlich 10.500 Euro pro Jahr zusätzlich zu belasten. So viel würde laut einer Studie des Economica Instituts die Einführung eines Einwegpfand-Systems die heimischen Betriebe kosten (u.a. für die Schaffung von Rücknahmesystemen, den erforderlichen Ausbau der Logistik, das zusätzliche Personal, etc).
Dieses Geld ist jedoch nicht gut angelegt: 2Die österreichische Wirtschaft hat nämlich ein ganzheitliches Kreislaufwirtschaftsmodell entwickelt, welches die EU-Recyclingziele wesentlich effektiver und auch weit kostengünstiger erreichen könnte als der 3-Punkte-Plan der Klimaschutzministerin – ohne den Konsumenten via Flaschenpfand zur Kasse zu bitten.
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Unser 10-Punkte-Plan ist um mindestens 60 Millionen Euro kostengünstiger als das Modell der Ministerin, vermeidet die Belastung von Konsumenten und Unternehmen und erfüllt darüber hinaus alle abfallpolitischen Zielvorgaben – nicht nur die Sammelquote für Kunststoffflaschen", ist Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will überzeugt: "Österreich sammelt ja bereits sehr erfolgreich in 8 Bundesländern Plastikflaschen. Ein Pfand würde, außer in Wien, keine Verbesserung bringen. Wien braucht nur jene Potenziale heben, welche die anderen Bundesländer und Ballungszentren bereits im funktionierenden System leben. Einwegpfand ist daher ein Weg, aber aus kreislaufwirtschaftlicher Perspektive der Holzweg!" Hinzu kommt: Plastikflaschen machen nur ca. 15% der Kunststoff-Verpackungen aus. 

Das ganzheitliche Modell der heimischen Wirtschaft bezieht sowohl Betriebe als auch Haushalte und den Außer-Haus-Konsum mit ein und setzt an jenen drei Hebeln an, auf die es laut Experten ankommt: eine verbesserte Erfassung von Wertstoffen, die Optimierung der Sortierung sowie mehr Bewusstseinsbildung gegen Littering (Wegwerfen von Abfall im öffentlichen Raum).

"Der 10-Punkte-Plan soll in ganz Österreich ermöglichen, was schon jetzt in zahlreichen Bundesländern wunderbar funktioniert. Tirol, Vorarlberg und das Burgenland erfüllen beispielsweise längst die 90%-Sammelquote, die laut EU-Vorgabe bis 2029 bei Kunststoffflaschen erreicht werden muss. Das Modell würde aber auch bei vielen anderen Wertstoffen die Abfallsammlung und -verwertung massiv verbessern. So geht Klimaschutz!“, sagt Will.

Kastner Gruppe: KR Christof Kastner: Pfand ist nicht die alleinig machende Glückseligkeit, man muss Plastik gesamthaft angehen, aber das Einwegpfand wird abgelehnt.
„Wichtig wäre eine Optimierung des Sammelsystems, um die Sammelquote zu erreichen. Durch das Pfand in Deutschland wurde „littering“ nicht behoben“. Man braucht für eine gute Lösung vor allem im Pfandbereich ein Jahr Vorlaufzeit. 
Der Handel sollte laut derzeitigen Lösungen die Manipulation zum Teil gratis machen – das geht aber nicht. 
„Wir haben ausgerechnet, dass die Manipulation einer Getränke-Verkaufseinheit im Mehrwegsystem 46 cent kostet“, so Kastner. Das muss die Industrie übernehmen. 

Wirtschaftskammer Sparte Handel: Dem Spartenobmann des Handels in der WKÖ, Dr. Rainer Trefelik, liegen nebst allen Händlern vor allem die kleinen Händler am Herzen, die man nicht über Gebühr belasten solle und dürfe. Die Pläne der Ministerin halte man für wenig „praxistauglich“. „Das würde das Aus für viele kleine und mittlere Händler bedeuten. Denn der technische Aufwand sowie die Personalkosten wären enorm“, warnt Trefelik. Daran würde auch nichts ändern, wenn kleinere Händler von der Pflicht, Rücknahmeautomaten anzubieten, ausgenommen werden sollten: „Dann werden die Kunden vor allem jene Handelsbetriebe aufsuchen, wo sie die Rückgabeautomaten vorfinden. Das heißt, die Kleinen kommen bei Einführung eines Einwegpfandes so oder so unter die Räder. Dabei sollte man gerade derzeit alles daran tun, kleine Betriebe nicht über Gebühr zu belasten“, sagt Trefelik. „Dazu kommt, dass Einwegpfand-Befürworter leider mit unsauberen Argumenten und praxisfernen Vorschlägen nicht gerade zu einer konstruktiven Lösung beitragen“.

So kann Trefelik zufolge dem Handel nur schwer eine bestimmte Quote für Mehrwegflaschen vorgeschrieben werden. „Die Entscheidung, ob Mehrweg gekauft wird, liegt ja nicht bei uns, sondern beim Konsumenten“, so der Handesobmann, der gleichzeitig aber betont: „Was der Handel tun kann, ist, Mehrweg als Alternative zum Einweg anzubieten. Das machen wir bisher schon und werden wir in Zukunft noch verstärkt tun.“
Aber auch einer Abgabe auf Plastikverpackungen, wie sie Gewessler heute als dritte Maßnahme vorgeschlagen hat, kann der Handelsobmann wenig abgewinnen: „Das widerspricht dem Geist der Verpackungsverordnung. Denn schon jetzt müssen sämtliche Abfüller und Abpacker sowie auch die Importeure verpackter Waren einen Obolus an ein Sammel- und Verwertungssystem zahlen. Mit diesen Geldern wird die Sammlung und umweltgerechte Verwertung der Verpackungen finanziert. Hier nochmals zu kassieren, würde die Betriebe abermals belasten“, so Trefelik abschließend.
Unpraktikabel sind auch Vorstellungen, wie schmutziger Plastikmüll in kleinen Läden manuell aufgenommen werden soll, sagt Trefelik unter Verweis auf strenge Hygieneauflagen und –vorschriften, die der Handel in Österreich einzuhalten hat.

Der Bundesinnungsmeister des Lebensmittelgewerbes, Willibald Mandl, warnt: „Im Burgenland, in Tirol oder in Vorarlberg werden die verbindlichen EU-Sammelquoten für Kunststoff-Getränkeflaschen ganz ohne Pfand erfüllt. Daran sollten wir uns österreichweit ein Vorbild nehmen“, so Mandl.

Und auch Generalsekretär der WKÖ, Karlheinz Kopf, sieht wenig Positives in den Maßnahmen: „Der Vorschlag einer Verpackungssteuer für nicht verwertete Kunststoffe ist populistisch, weil die Wirtschaft für die Verwertung gemäß den Auflagen des Klimaschutzministeriums bereits bezahlt. Ob tatsächlich verwertet wird, hängt von den lokalen Sammelsystemen ab. In manchen Bundesländern ist der Verwertungsanteil doppelt so hoch wie in anderen. „Warum sollen zum Beispiel die Konsumentinnen und Konsumenten der westlichen Bundesländer oder der Steiermark, die jetzt schon sehr gut sind, die Steuer für nichtverwertete Kunststoffe zahlen, die in anderen Bundesländern anfallen? Wenn Bundesministerin Gewessler will, dass mehr gesammelt wird, weiß sie, wo sie ansetzen muss, nämlich bei den Nachzüglern“, sagt Kopf.

Veröffentlicht am

17.09.2020