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MondayMemo

Inflation: von guten und schlechten Modellen

Teuerungen im Bereich Rohstoffe, Energie und Transport sind weltweit zu spüren. Wie gehen Länder mit Inflation und Krisen um? Wie mit Nachhaltigkeit?

Es mag Sie jetzt vielleicht überraschen, aber es gibt tatsächlich „tailor-made Teuerung“. Das ist mir in verschiedenen Gesprächen in der Vergangenheit, aber auch bei einer jüngst unternommenen Reise in die USA aufgefallen. Und es wird sie auch nicht überraschen, dass Österreich bei Teuerungen nicht die besten Ergebnisse vorweisen kann. Anhand eines Beispiels kann man die Teuerung schnell und einfach aufzeigen, wie es am Markant Informationstag Marc Knuff, Global Director Retail Gfk, tat. Er nahm den „Brotpreisindex“ gemessen nach Eurostat her und verglich die Teuerung in einigen Ländern in der EU: Der Durchschnitt liegt bei 18%, Österreich liegt mit 11% darunter, allerdings steigen Belgien und Luxemburg mit 10%, sowie Frankreich mit 8% besser aus. In einigen Ländern des ehemaligen Ostens fiel der Index besonders schlimm aus: Ungarn 66%, Estland und Slowakei 32%, Litauen 33%.

Ausgeschlossen von diesem Vergleich, weil nicht EU, ist die Schweiz, hier gibt es einen andere Kennzahl: während Österreich im Oktober eine Inflationsrate von 11% als Einsatz auf den Spieltisch legt, ist in der Schweiz der Inflationsmittelwert im heurigen Jahr bei etwas mehr als 3%.

Und bei einem Blick über den großen Teich sieht man in den USA eine Inflationsrate von etwas mehr als 8%. Das spürt man auch deutlich in den Supermärkten: waren Nahrungsmittel und Getränke in den USA schon immer teuer, so weht einem nun bei einem klassischen Wocheneinkauf der kalte Wind entgegen. Die US-Amerikaner geben rund 30% ihres Einkommens für Lebensmittel aus – wohlgemerkt in einer durchschnittlich schlechteren Qualität als bei uns in Österreich. Will man unsere Supermarkt-Qualitäten im Einkaufswagen haben, so legt man schlichtweg nocheinmal 20% auf die Gesamtrechnung drauf.

Warum der Unterschied zur Schweiz?

Topografisch sind wir unserem westlichen Nachbarland sehr ähnlich, aber das war es dann auch in vielen Belangen auch schon. Laut Experten kommt die niedrige Inflation durch einen niedrigeren Ölpreis, einen starken Franken und eine geringere Abhängigkeit vom Weltmarkt bei Lebensmittelpreisen. Der starke Schweizer Franken, den auch viele Kreditnehmer in der EU zu spüren bekommen, macht die Importpreise für Schweizer Unternehmen und somit auch für den Konsumenten billiger. Wenn es um Lebensmittel geht, so erklärt der Ökonom der ETH Zürich, Yngve Abrahamsen in einem Gespräch mit der Tageszeitung DerStandard: „Dass etwa die Lebensmittelpreise in der Schweiz bisher kaum gestiegen sind, liegt auch an Einfuhrbestimmungen. Um Bauern vor billigerer Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen, hat der Staat hohe Zölle festgesetzt. Die Schweiz hat diese Möglichkeit, weil sie nicht Teil des EU-Binnenmarkts ist. In diesem Fall ist es einmal ein Vorteil, dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist.“

Wie auch ORF-Journalist Hanno Settele am Markant Informationstag sagte: „Die Inflation trifft die EU gesamtheitlich“. Eine hohe Importabhängigkeit macht den Kontinent schwach, labil und abhängig. „Mit der Frage um die verfügbare Energie schlittern wir von einer Abhängigkeit in die nächste, wenn wir in Europa nicht grundlegend umdenken“, so Settele.

Wir kommen von einer Abhängigkeit in die nächste. Es stehen einige Herausforderungen bevor – Wind und Solar müssen für Europa wichtiger werden, denn auch Wasserkraft ist nicht unendlich verfügbar.

„Kurzfristig erleben wir in Europa in der Energiefrage – beziehungsweise mit der Energiekrise einen Rückschlag. Aber langfristige werden die Innovationen im Bereich Wind und Sonne gut sein. Man muss die Präferenzen neu ordnen“, so Settele, „Denn: Möge uns die Krise den Weg weisen, die Wende ist nicht zu ende, sie nimmt gerade Fahrt auf.

Umso dringender ist es an der Zeit Lösungsansätze zu finden. Angstmache – wie sie derzeit von Regierung und vielen Medien betrieben wird – ist der schlechteste Begleiter. Eine Phase lang hält die Angst vor Hunger, Armut, Käte und eingeschränkter Mobilität die Bevölkerung in einem gelähmten Ruhezustand, doch der Europäer will nicht ewig in einem Szenario von Angst und Schrecken leben. Dazu liebt er seine Freiheit viel zu sehr.

Nachhaltigkeit in Zeiten von Krisen

Marc Knuff verknüpft genau jetzt in Krisenzeiten die Frage nach der Nachhaltigkeit mit den aktuellen Ereignissen. „Laut unseren Untersuchungen planen nur 12% der Europäer keine nachhaltigen Produkte zu kaufen“.  Das bedeutet, dass die Nachhaltigkeit in Krisenzeiten nicht zurückgedrängt wird, der Konsument erwartet sich viel mehr, dass nachhaltige Produkte genau jetzt erschwinglicher werden. „Weder die nachhaltigen Produkte entwickeln sich schlechter als zuvor, noch ist Bio auf Wertebasis gefallen“, so Knuff. „Nur die Käufer werden bei Nachhaltigkeitsthemen preissensibler“.

Ich würde mehr tun, wenn ich wüsste wie? Das fragt sich Marc Knuff für die europäischen Händler im Namen der Konsumenten: „Man muss den Konsumenten leiten

Da tut der Handel viel, aber alles? Man muss Konsumenten leiten. Sie wollen nachhaltig leben, aber auf ihre Bequemlichkeit nicht verzichten. Handel und Industrie müssen es sich zur Aufgabe machen, Funktionalität, Emotionalisierung, Verantwortlichkeit der einzelnen Produkte zu durchleuchten und die Ergebnisse zu kommunizieren. Greenwashing wird nicht goutiert“.

Um mit einem positiven Aspekt zu schließen: Im Bereich Nachhaltigkeit hat Europa einen weiten und guten Weg hinter sich. Wenn man alleine die Nicht-Recycling-Aktivitäten der USA mit den Aktivitäten Europas vergleicht, so sind hier nicht nur Kontinente, sondern Welten dazwischen. Nachvollziehbar ist der Frust, der entsteht, wenn man bedenkt, wieviel wir in der Old Economy bereits unternehmen, um nachhaltig zu sein und eine Weltmacht wie USA es kaum schaffen Glas, Papier und Plastik im Hausmüll zu trennen. Man kann nur auf Nachahmungseffekte hoffen.

Gabriele Jiresch

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geschrieben am

07.11.2022