Bundessparten Geschäftsführerin Iris Thalbauer

Handel größter Wirtschaftsbereich in Österreich

Das Interview mit Iris Thalbauer, Bundessparten-Geschäftsführerin des Handels, verstärkt die Bedeutung der Branche. Junge Menschen gehen verstärkt in den Handel.

Weihnachten ist für den Handel die wichtigste Umsatzzeit. Heute präsentierte die WKO die Umsätze der ersten drei Einkaufssamstage. „Der österreichische Einzelhandel geht mit Zuversicht und Schwung in den Endspurt des Weihnachtsgeschäftes 2019“, sagte Peter Buchmüller, Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Die Bundessparte Handel präsentierte ihre traditionelle Zwischenbilanz zur Umsatzentwicklung des Weihnachtsgeschäftes bis inklusive 14. Dezember 2019 (dritter Adventsamstag), auf Basis von Berechnungen der KMU Forschung Austria. „Trotz der sich abschwächenden Konjunkturlage lässt sich das Christkind offensichtlich nicht die Stimmung verderben“, verweist Buchmüller auf eine stabile Konsumnachfrage in Österreich. Inklusive dem dritten Adventsamstag hat der heimische stationäre Einzelhandel ein Umsatzplus von 1 % eingefahren.

„Wir gehen davon aus, dass sich der Weihnachtsumsatz heuer insgesamt auf rund 1,545 Mrd. Euro belaufen wird und damit rund 15 Mio. Euro über dem Vorjahresniveau liegt“, erklärte Iris Thalbauer, Geschäftsführerin der Bundessparte Handel in der WKO.

Im Zuge des Endspurts befragte retailreport.at die Bundesgeschäftsführerin, Mag. Iris Thalbauer, zum Jahr 2019 für den Handel.

retailreport.at: Der größte Brocken an Kosten ist und bliebt das Personal im Handel. Die skurrile Situation – trotzdem ist gutes Personal Mangelware. Was kann man tun, um die jungen Leute wieder in den Handel zu bringen? Welche Maßnahmen werden gesetzt, um die Lehrlinge zu fordern und fördern?

Iris Thalbauer: Um den Handel als attraktiven Arbeitgeber und qualitätsvollen Lehrlingsausbilder noch besser zu positionieren drehen wir an vielen Schrauben gleichzeitig.

Verbesserung der Einkommenssituation:

Die Lehrlingsentschädigungen (LE) wurden in den letzten beiden Jahren um jeweils bis zu 10 % angehoben. Die LE betragen ab 2020 im ersten Lehrjahr (LJ). € 700  im zweiten LJ. € 900 und im dritten LJ. € 1150. Auch mit den Einstiegsgehältern nach der Lehre liegen wir im Handel bereits über € 1700, genau sind es 1714. Das unterstreicht die Wettbewerbsfähigkeit des Handels am Arbeitsmarkt.

Qualitätssicherung in der Ausbildung:

Neben der Implementierung neue Lehrberufe wie den „e-Commerce-Kaufmann“ und neuen Schwerpunkten in der der Ausbildung zum Einzelhandels-Kaufmann, wie den „Digitalen Verkauf“ werden auch alle andern Berufsbilder im Handel laufend evaluiert und modernisiert. Aktuell bietet der Handel 25 verschiedene Lehrberufe an. Der kürzlich verordnete brandneue Lehrberuf „Sportgerätefachkraft“ zeigt, dass der Handel mit seinen Ausbildungsangeboten immer am Puls der Zeit ist.

Junior Sales Champion Wettbewerbe, Austrian Skills und Euro Skills:

Neben den bewährten, seit über 20 Jahren erfolgreich durchgeführten, Lehrlingswettbewerben (Junior Sales Champion National und International) gibt es im kommenden Jahr für den Handel ein ganz besonderes Highlight. Erstmals wird der Handel bei den Euro Skills vertreten sein. Die Europameisterschaft der Berufe wird im Jahr 2020 erstmals in Österreich, in Graz, stattfinden. Der Handel wird mit seinem neuen Wettbewerb „Retail Sales“ vertreten sein. Nach der Kür des ersten Staatsmeisters im Zuge der Austrian Skills im letzten Jahr wird es nun im kommenden Jahr auch den ersten Europameister im Handel geben. 

Diese publikumswirksamen Wettbewerbe holen nicht nur die herausragenden Leistungen der Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe des österreichischen Handels vor den Vorhang, sie sind auch bestes Zeugnis der exzellenten Ausbildungsqualität des österreichischen Handels. 

Kommunikation und Marketing: 

Nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ werden all diese Anbote und Verbesserungen mittels einer neuen, bundesweit einheitlichen Imagekampagne, über klassische und insbesondere über Social Media-Kanäle verbreitet. Die Klickraten unserer Facebook- und Snapchatkampagnen im Herbst letzten und Herbst dieses Jahres waren so vielversprechend, dass bereits die Entscheidung gefallen ist, die Kampagnen im nächsten Jahr weiter zu führen. Besondere Beliebtheit erfreut sich Snapchat. Dieser Kanal ist interaktiv gestaltet, hat Gamification-Charakter und spricht die Zielgruppe der Jugendlichen besonders gut an. Ergänzt wird Snapchat durch klassische Werbekanäle und -maßnahmen wie Messeauftritte, eine neue Lehrlingsbroschüre in neuem Design, neue Folder etc. 

Gibt es Szenarien bei denen man sieht, wie sich eine Abnahme der Lehrlinge auf die Branche auswirkt?

Die angesprochenen Maßnahmen zeigen Wirkung, wir rechnen daher nicht mit einem Rückgang der Lehrlingszahlen. Im Gegenteil, seit Beginn des heurigen Jahres verzeichnen wir einen steigenden Trend bei den Lehrlingszahlen. Mit Ende November konnte die Anzahl der Lehrlinge im Handel im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 % gesteigert werden (von 15.063 im Vorjahr auf 15.387 im heurigen Jahr). Auch ist der prozentuelle Anteil der verfügbaren Jugendlichen, die sich für eine Lehre im Handel entscheiden, seit 20 Jahren stabil und liegt zwischen 14 % und 15 %. Es besteht daher kein Grund zur Sorge. 

WARUM will man nicht mehr in den Handel?

Diese Aussage ist nicht korrekt, der Handel ist vom Fachkräftemangel betroffen, dies aber nicht mehr als andere Branchen. Einerseits verzeichnet der Handel steigende Lehrlingszahlen, andererseits steigt aber auch die Beschäftigung im Gesamten im Handel laufend an. Auch nimmt die Anzahl der Beschäftigten im Handel seit 10 Jahren laufend zu, die jährlichen Zuwachsraten liegen bei im Schnitt 1 %.

Insgesamt beschäftigt der Handel knapp 600.000 Arbeitnehmer und -innen (ca. 420.000 Angestellte, ca. 120.000 Arbeiter, ca. 15.000 Lehrlinge, ca. 40.000 geringfügig Beschäftigte). 
Und nicht zuletzt: ist Teilzeit nicht eine gute Möglichkeit für viele in den Handel zu gehen? Warum setzt man hier nicht verstärkt auf Kommunikation? Eventuell kann man Best Practice Beispiele bringen, wo TZ gewünscht wird.

Insbesondere der Handel bietet verschiedenste Teilzeitarbeitszeitmodelle an, die es den MitarbeiterInnen ermöglichen, private Interessen bzw. Verpflichtungen mit ihrem Beruf gut in Einklang zu bringen. Die Teilzeitquote liegt im Einzelhandel über alle Branchen aktuell bei 49,3 %, wobei die Quote branchenspezifisch stark schwankt. Sie liegt bei unter 30 % im Bau – und Heimwerkerbedarf und über 60 % im Handel mit Textilien und Kosmetika.

Als Best Practice Beispiel lässt sich, die seit Beginn des heurigen Jahres im Kollektivertrag geregelte, 4-Tage-Woche nennen. Der Kollektivvertrag regelt die Verteilung der vereinbarten Arbeitszeit auf vier oder wenige Tage. Ein Arbeitszeitmodell, welches mittlerweile gerne und erfolgreich im Recruitementverwendet wird. Dieses Modell spricht viele Bewerber an und erhöht die Anzahl der Bewerbungen merkbar. 

Wie wird sich das Verhalten Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren verändern und was kann der Handel tun, um fit zu bleiben? Auf welche Assets muss man als Händler pochen? Was macht den Handel „auf der Straße“ nach wie vor attraktiv?

Der Onlinehandel ist im Vormarsch. Laut unseren Erhebungen aus dem letzten Jahr  geben die Österreicher mittlerweile 7,3 im Onlinehandel aus. Der Wermutstropfen dabei: Nur 3,3 Mrd. Euro bleiben im Inland, mehr als die Hälfte fließt mittlerweile zu ausländischen Anbietern. 

Als Interessenvertretung sind wir gefordert, hier für faire Wettbewerbsbedingungen zu sorgen. Es geht um gleiche Bedingungen im Steuerrecht (Einfuhrumsatzsteuer und Ertragssteuer) und um sämtliche Abgaben in diesem Bereich (Elektroaltgeräte, Verpackungsabgabe, Speichermedienvergütung). 

Der Handel muss auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen und mit den Konsumenten dort kommunizieren, wo sind – und das ist die digitale Welt. Daneben sollen die stationären Händler ihr Alleinstellungsmerkmal in den Vordergrund stellen: Es geht um persönliche Beratung und zusätzliche Dienstleistungen, die Unternehmen neben ihren Produkten ihren Kunden anbieten. Außerdem wird der Omnichannel-Handel, also die Verknüpfung zwischen online und stationär immer wichtiger. Das bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen einen ausgeklügelten Onlineshop im Einsatz haben muss, die Kommunikation mit dem Konsumenten sollte aber überdacht und die digitalen Medien zur Kundengewinnung und –bindung genutzt werden. Ob, Facebook, Instagram oder Snapchat, die Möglichkeiten sind vielfältig. 

Welche Wünsche haben Sie an die neue Regierung, wenn es um den Handel geht?

Der Handel ist der größte Wirtschaftsbereich in Österreich und somit einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren des Landes: Die Branche beschäftigt über 600.000 Mitarbeiter und setzt über 266 Mrd. Euro (netto) um.  Bei der Ertragssituation im EU-Vergleich liegt der österreichische Handel auf Platz 3 hinter Luxenburg und Spanien. Es ist daher wichtig, dass dieser so bedeutende Bereich auch von der Politik entsprechend wahrgenommen und bei und bei politischen Entscheidungen berücksichtigt wird. Es geht darum, optimale Rahmenbedingungen für die Handelsunternehmen zu schaffen, um Wachstum zu gewährleisten. 

Vor allem sollte die von der Vorgängerregierung vorgelegte Steuerreform beschlossen werden. Die Lohnnebenkosten sind zu hoch und sollte hier eine weitere Senkung folgen. Bürokratie ist ebenfalls ein Dauerbrenner, die unsere Handelsunternehmen über Gebühr belastet, ein Abbau ist dringend notwendig. Außerdem plädieren wir darauf, die Bagatellsteuern (Mietvertragsgebühr, Werbeabgabe, Schaumweinsteuer) abzuschaffen. 

Wie schon erwähnt sind die fairen Wettbewerbsbedingungen des österreichischen Handels gegenüber dem ausländischen Versandhandel eines der wichtigsten Herausforderungen. Hier ist die nationale, europäische und internationale Politik gefordert. 

Welche schweren Brocken im Handel/für den Handel werden 2020 auf uns zukommen? Und welche Lösungsansätze gibt es bis dato? 

Welche Themen auf den Handel zukommen, lässt sich zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wenn es zu einer türkis-grünen-Regierung kommt, werden wir das Regierungsübereinkommen natürlich auf die handelsrelevanten Punkte screenen. Wichtig aus unserer Sicht ist, dass bei allen Maßnahmen, die vor allem die Ökologie betreffen, umsichtig vorgegangen wird. Die österreichischen Handelsunternehmen bekennen sich zur Nachhaltigkeit und viele freiwillige Maßnahmen wurden und werden bereits in vielfältigen Bereichen umgesetzt: Sei es das Tierwohl, der freiwillige Verzicht auf das Plastiksackerl von großen Unternehmen, „Lebensmittel sind kostbar- Initiative“ und vieles mehr. 

Bei etwaigen verpflichtenden Vorhaben im Rahmen von Nachhaltigkeit und Klimaschutz sollte auf Gleichklang in Europa Bedacht genommen werden. Nationale Alleingänge schädigen den Wirtschaftsstandort. Ich denke hier besonders an die Reduktion von Plastik. 

H Ö

Veröffentlicht am

18.12.2019