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Handel: Aufstieg aus einem tiefen Tal

Corona und seine dessen Auswirkungen brachte viele Händler in eine missliche Lage: keine Umsätze, zu zahlende Mitarbeiter und ungewisse Zukunft.

Der Handelsverband und EY Österreich, Managementberater und Wirtschaftsprüfer, gestalteten eine gemeinsame Umfrage zum Thema „COVID-19“ – Auswirkungen auf den Handel. Was wie eine weitere Studie mit bereits bekanntem Inhalt präsentiert, entpuppt sich als eine der wertvollsten Studien für den gesamten Handel. Und das aus verschiedenen Aspekten: 

  • Die Studie zeigt die Sorgen und Ängste der Händler klar und ohne Umschweife auf – so sieht man, dass in der Branche keiner alleine dasteht
  • Es ist eine berechtigte Kritik an der bürokratischen Umsetzung der Unterstützungsfonds, die ein Mekka an Ankündigungen sind, aber ein harter Pilgerweg in der Realität
  • Betroffene große Händler schildern ihre Probleme – wenn es den Großen schon so geht, wie muss es erst den Kleinen gehen?
  • Es wird gezeigt, wie die Händler ihre nahe Zukunft sehen
  • Die Studie hinterfragt, wo in Zukunft gespart werden wird und wie es mit Investments aussieht
  • Und nicht zuletzt rückt die Studie die Ergebnisse aus der Krise ins rechte Licht: Regionalität, Nachhaltigkeit, Digitalisierung.
     

Wie denken die Händler jetzt?

Der Handelsverband zählt 3000 Mitglieder aller Größen und Branchen. 161 davon wurden von EY Österreich zwischen 4. und 8. Mai befragt, also genau nach den ersten Öffnungen, aber noch immer mitten in der Krise. Befragt wurden groß und klein, stationär und online.

Und hier kann man schon deutlich erkennen: aus der Gesundheitskrise wurde eine Wirtschaft-, Liquiditäts- und Arbeitskrise. 

85% der Händler rechnen heuer mit Umsatzeinbußen von durchschnittlich 32%. Nur insgesamt 15% sehen das laufende Geschäftsjahr optimistischer: 6% aller Handelsunternehmen gehen davon aus, ihr Umsatzniveau zu halten, knapp 9% erwarten eine leichte Steigerung, der Großteil davon in der Spanne von plus elf bis 25%. Der Lebensmittelhandel war am wenigsten von Umsatzeinbußen betroffen, aber blieb auch nicht unverschont, denn die Frequenz der Einkäufe nahm deutlich ab.

Wie sehen die Händler 2021?

Schatten der Krise zeichnen sich allerdings auch 2021 ab: Nur ein Viertel der Befragten (25%) geht von einer Rückkehr zum Vorkrisenniveau aus. Alle anderen Handelsunternehmen, die für 2021 keine Rückkehr ihres Umsatzes auf Vorkrisenniveau erwarten, gehen im Durchschnitt davon aus, dass sich ihre Umsätze 2021 gegenüber 2020 nicht verändern werden. Gut jeder fünfte dieser Händler (21%) rechnet mit einem erneuten Minus von mehr als 10% gegenüber dem laufenden Geschäftsjahr. Mehr als jeder vierte befragte Händler (27%) geht davon aus, dass er seinen Umsatz 2021 im Vergleich zu 2020 verbessern kann.

Große Planungsunsicherheit in Bezug auf das Personal

Und nun kommt ein harter Brocken: das 13. Monatsgehalt steht vor der Einplanung und bringt für alle Unternehmer mit Mitarbeitern einen beachtlichen Aufwand. Leider sind behindert die Bürokratie oftmals die Liquidität für Hilfszahlungen, doch dazu noch später. Vier von zehn Handelsunternehmen (41%) gaben an, alle Mitarbeiter bisher halten zu können, aber COVID-19-Kurzarbeit in Anspruch genommen zu haben oder das zu beabsichtigen. Der Tätigkeitsbereich der Angestellten hat sich dabei bei den wenigsten verschoben: Nur knapp jeder siebte Händler (15%) musste seine Mitarbeiter kurzfristig und ohne Umschulung anderwärtig einsetzen. Der Ausblick für die Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten ist noch ungewiss: Für 39 % der Befragten ist derzeit noch nicht absehbar, wie sich ihr Personalstand im kommenden Jahr entwickeln wird. Immerhin planen aber 41 % der befragten Händler, die Mitarbeiterzahl nicht zu verändern. 13% der Unternehmen planen derzeit Stellenstreichungen und lediglich 7% wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen.

Appell an die Regierung

Martin Wäg, Geschäftsführer von Kastner & Öhler merkt in diesem Zusammenhang an: „Wir Händler haben die Krise nicht selbst zu verantworten, deshalb wäre es fein, wenn wir von einem Unterstützungspaket für Unternehmen reden – auch wenn Zahlungen eine große Hilfe wären, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen“. Denn das muss man eindeutig sagen: so souverän Österreichs Regierung die gesundheitliche Krise gemeistert hat, so chaotisch ist es nun bei den Zahlungen: bürokratische Hürden, Unklarheiten bei Gesetzen und Richtlinien und vieles mehr. Ein Beispiel kann man sich in diesem Zusammenhang an jenen Ländern nehmen, die zunächst eine Akontozahlung an betroffene Unternehmen geben und dann, wenn das Schlimmste vorbei ist, abrechnen. So ist schnell und unbürokratisch geholfen!

Norbert Scheele, Country Manager bei C&A fügt noch hinzu: "Neben den dringend erforderlichen Unterstützungsleistungen für die Unternehmen ist nun entscheidend, dass auch die Kaufkraft der heimischen Konsumenten gestützt wird und diese wieder Freude am Einkauf im stationären Handel haben. Das gilt insbesondere für die fast 600.000 arbeitslosen Menschen in Österreich, für die 1,2 Millionen in Kurzarbeit sowie für all jene, die derzeit um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Ihnen sollte mit der Ausgabe von Österreich-Schecks im Wert von 500 Euro geholfen werden, den Konsum zu steigern und damit die Wirtschaft anzukurbeln – egal in welcher Branche. Hierdurch könnten einerseits die Verbraucher dringende, aber wegen COVID-19 zurückgestellte Investitionen realisieren und andererseits die Unternehmen mehr Menschen aus der Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zurückholen." In diesem Zusammenhang schlug der Handelsverband jüngst ein „Helikoptergeld“ von 500 Euro an alle Personen mit Hauptwohnsitz in Österreich – vom Kind bis zum Pensionisten vor.

So sieht es tatsächlich aus: Nur rund jedes siebte befragte Handelsunternehmen ist mit dem Corona-Hilfspaket der Regierung sehr zufrieden oder zufrieden. Die Mehrheit der Unternehmen hingegen (57%) zeigt sich nicht zufrieden, jeder dritte Händler bewertet es sogar mit “nicht genügend“. Am schlechtesten fällt die Bewertung des Hilfspakets durch kleine Händler mit Jahresumsätzen von bis zu einer Million Euro aus. Deutlich besser wird es hingegen von größeren Händlern mit Umsätzen von mehr als 10 Millionen Euro bewertet.

Bei den staatlichen Unterstützungsleistungen gibt es ganz klar einen Favoriten, den bislang die Hälfte der Unternehmen (49%) in Anspruch genommen hat: Corona-Kurzarbeit. Weitere drei Prozent haben eine Beantragung geplant. Vermehrt EPU und Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern gaben an, nicht die Bedingungen für Kurzarbeit zu erfüllen – 41 % haben Unterstützung beim Härtefall-Fonds für KMU/EPU beantragt. Zudem hat fast die Hälfte der Händler (48%) um Steuerstundungen angesucht, ein Viertel (25%) plant einen Antrag für den Corona Hilfs-Fonds, 19 Prozent haben diesen bereits gestellt. Nur 17% haben bislang die Anträge für Haftungsübernahmen bei Krediten und Zinszuschüssen/Zinsübernahmen ausgefüllt.

Wie und wo wird eingespart?

Dass die Krise Folgen haben wird, ist klar, aber jeder Händler wird anders reagieren. Obwohl es wichtig ist, potenzielle Käufer ins Geschäft zu holen oder die Warenkörbe zu vergrößern, möchte die Hälfte (50%) auf die Verstärkung von Preis- und Rabattaktionen verzichten, ein gutes Viertel (28%) plant aber Vergünstigungen für alle Konsumenten. Nur 3% hingegen werden Preisvorteile ausschließlich für Mitglieder ihres Bonuskarten- bzw. Kundenbindungsprogramms anbieten. "Dass vermehrt in Social-Media-Werbung investiert und gleichzeitig bei TV-Schaltungen gespart wurde zeigt, dass auch hier der Trend in Richtung online geht – immerhin jedes fünfte Unternehmen möchte künftig in der Business-Strategie verstärkt auf Omnichannel setzen. Hier liegt einer der Schlüssel für einen erfolgreichen Neustart nach den Restriktionen: Breit aufgestellt und nahe an der Zielgruppe sein", erklärt Martin Unger, EY Österreich.

Bei erwarteten Veränderungen für die Zukunft führt dementsprechend die Steigerung der Online-Bestellungen, mit der knapp drei Viertel (73%) der Händler rechnet. Auf Platz zwei der prognostizierten, langfristigen Veränderungen für den Handel und das Konsumverhalten liegt der stärkere Fokus auf Regionalität (64%), auf dem dritten Platz rangiert der Fokus auf Nachhaltigkeit (40%). Gerade hier können vor allem kleinere Unternehmen punkten. Ökonomischer Erfolg und Klimaschutz gehören nach wie vor zusammen, so vernahm man es auch jüngst in einem Gespräch des Handelsverbandes mit dem Deutschen Handelsverband.

Appell an die Regierung II

Fix ist, dass vermieden werden muss eine wirtschaftliche U-Kurve zu durchleben (das tiefe Tal). „Eine V-Kurve streben wir alle an“, so Wäg. Es muss schnell wieder bergauf gehen. Dazu gibt es einige Forderungen an die Regierung und die EU.

  • Keine Verschiebung der 22-Euro Freigrenze auf Juli 2021 bei Paketen aus Drittstaaten (wäre ein digitales Millionengrab)
  • Senkung der Lohn- und Einkommensteuertarife
  • Vorziehen der bereits paktierten Steuerreform 
  • Plattformhaftung soll bei Produktfälschungen
  • Weniger Bürokratie bei der Umsetzung der Härtefall-Fonds

Was kann helfen?

 

Diese Szenarien werden über kurz oder lang helfen, die Unternehmen am Leben zu erhalten:

  • Filialportfolio bereinigen
  • Übernahmen ansehen 
  • Plattformen weiterentwickeln
  • Strategische Bereiche JETZT starten
  • Einkaufserlebnisse schaffen
  • Neues Kaufverhalten analysieren (cocooning)
  • Digitalisierung und Omnichanneling  forcieren

Veröffentlicht am

20.05.2020