Blick über den Bodensee, eine Betrachtung der Schweiz im Handel und FMCG

Grüezi, Eidgenossenschafter!

Blick über den Bodensee: Das Verhältnis, das die Konsumgüterbranchen der beiden Alpenländer Schweiz und Österreich zueinander pflegen, ist ein besonders delikates.

Während viele Markenartikel-Multis A und CH als Teil der mitteleuropäischen  D-A-CH-Region betrachten, die vom großen Bruder D dominiert wird, ist die Beziehungskiste zwischen helvetischen und österreichischen Händlern komplexer. Konkurrenz herrscht beim Einkaufstourismus, Kooperation bei der Eigenmarken-Beschaffung. 

Bei uns matchen sich neuerdings Spar und Rewe um die Marktführerschaft im LEH, in der Schweiz hat das Gerangel der Platzhirsche Migros und Coop um die Vorherrschaft im Revier eine lange Tradition. Dass ausgerechnet in der Schweiz, wo der Finanzkapitalismus und dessen historischer Geburtshelfer, der Kalvinismus ihre Heimstatt haben, zwei genossenschaftliche Unternehmen mit extrem breiter Eigentümerbasis  den (Lebensmittel-) Einzelhandel dominieren, ist schon eine Besonderheit. Bei uns ist die “rote“ Konsumgenossenschaft vor 25 Jahren spektakulär gescheitert, beim westlichen Nachbarn besitzen 2,6 Millionen (Coop) bzw. über 2 Millionen (Migros) großteils bürgerliche Konsumentenhaushalte Riesenunternehmen mit Jahresumsätzen von 30,7 Mrd. CHF (Coop CH 2019) bzw. 28,7 Mrd. CHF (Migros 2019). Im Gegensatz zu  Rewe, Edeka und Adeg sind Migros und Coop keine Händler- sondern Verbrauchergenossenschaften.

Unsere Spar verdient viel besser als Migros

Was die Umsatzrendite betrifft, schneidet der Familienkonzern Spar Österreich aktuell wesentlich besser ab als der Migros Genossenschaftsbund. Wie die Spar Holding AG  kürzlich bekannt gab, erzielte das Unternehmen im Jahr 2019 eine EBT-Marge (Gewinn vor Steuern) in  Höhe von 3,2% des Umsatzes. Die Eigenkapital-Quote stieg auf 43,6%. Gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung, Ausgabe 10. Juli,  bekannte Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen, man habe bereits Maßnahmen ergriffen, um die EBIT-Marge (Gewinn vor Zinsen und Steuern), die 2019 auf einen Tiefststand von 0,7% gesunken war, mittelfristig  auf 3 bis 5% anzuheben. Zur Ehrenrettung der Migros sei gesagt, dass sie, dem Auftrag ihres Gründers folgend, ein Prozent ihres Umsatzes für Kultur und Bildung spendiert und in den  Migros-Märkten (nicht aber bei der Discounttochter Denner) auf den Verkauf von  Alkoholika und Tabakwaren verzichtet. 

Auch, was die Eigenkapitalquote betrifft, schneidet die  Migros mit  27,5% (2019) schlechter ab als unsere Spar. Besser als der helvetische Lokalrivale steht die Coop da: Ihr Jahresergebnis  2019 betrug 1,8% der Nettoerlöse, die Eigenkapitalquote lag bei 50,2%.

Warum Spar ein Faible für Migros hat

Gerhard Drexel, ab 1.1. 2021 nicht mehr Vorstandsvorsitzender, sondern Aufsichtsratspräsident der Spar Österreich hat seinerzeit nach Abschluss seines Studiums und vor Eintritt in den Tannenkonzern einige Zeit bei der Coop Schweiz Management-Erfahrungen gesammelt. Als Spar-Chef aber zog er es vor, enge Geschäftsbeziehungen mit der Migros aufzubauen. Möglicherweise auch deshalb, weil die Coop Schweiz auf europäischer Ebene Jahre hindurch mit der Rewe Group, hierzulande Hauptmitbewerber der  Salzburger,  kooperierte. Höhepunkt dieser Achse zwischen den deutschen Händler- und den Schweizer Konsumgenossen war das 50:50-Joint Venture der beiden im Geschäftsfeld Foodservice/C&C. In der Ära Caparros verkauften die Kölner ihren Hälfteanteil an den Coop-Konzern, damit erfuhr dessen Großhandelstochter Transgourmet einen Wachstumsschub, der die Firma zu Europas zweitgrößtem Foodservice-Unternehmen und zum Herausforderer des Marktführers Metro hinauf katapultierte.

Herr Loosli griff bei Pfeiffer zu

Der nächste Expansionsschritt führte Coop CH nach Österreich, wo Transgourmet im Spätherbst 2015 die Übernahme von C+C Pfeiffer vertraglich fixierte und diesen Deal im April 2016 finalisierte. Mastermind hinter dieser exquisiten Akquise war  Coop-Langzeit-Chef Hansueli Loosli,  derzeit Präsident des Coop-Verwaltungsrates. Die Expansion von Transgourmet trug wesentlich dazu bei, dass die Coop den Rivalen Migros beim Gesamtumsatzumsatz überholte. Umsatzmäßig um ein paar Schuhnummern kleiner war der Erwerb des Regionalfilialisten und Familienunternehmen Tegut in Fulda durch die Migros Zürich im Jänner 2013. 

Generell war den Auslandsinvestitionen der Migros im Lauf der Jahrzehnte wenig Erfolg beschieden.  Migros Türk ist ebenso wie Migros Berlin, längst Geschichte. Der Erwerb der Familia-Märkte Zumtobels in Österreich im Jahr 1993,  dem die Kooperation mit dem bereits schwerkranken Konsum folgte, erwies sich finanziell als Riesendebakel. Auch Denner scheiterte seinerzeit in Österreich und verkaufte sein Filialen nach wenigen Jahren  an Julius Meinl, der sie in Renner umbenannte. 

Weil Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler seinerzeit von der Markenartikelindustrie  boykottiert wurde, setzte das Unternehmen  vom Beginn weg auf Eigenproduktion von Lebensmitteln. 2019  erzielte die Migros rund 75% ihres Einzelhandelsumsatzes mit Eigenmarken, die grossteil aus eigener Produktion stammen. Migros-Fabriken wie Schokoladen-Hersteller Frey zählen zu den bedeutendsten Private Label-Produzenten der europäischen FMCG-Branche. Als Produzenten von Konsumkosmetik bedienen die Schweizer die Preiseinstiegslage. Übrigens lieferte M-Budget die Blaupause für S-Budget

Kann sich Frey-Schokolade beim Preis mit Lindt messen?

Zu den Stammkunden von Frey Schokolade zählt bekanntlich Spar Österreich. Dass  die Migros wegen  der Eigenmarke auf eine Listung der global so erfolgreiche Schweizer Markenschokolade Lindt verzichtet, erklärt  Zumbrunnen gegenüber der NZZ so: Marken nehmen wir  nur als Ergänzung ins Sortiment. Mit so starken Marken, wie wir sie haben, sind wir eine Ausnahme. Wir können diese in fast allen Preissegmenten wie Marken verkaufen.Schokolade der Marken Lindt und Frey kann man hierzulande in jedem Spar Markt kaufen, der Preisunterschied ist allerdings beachtlich. 

Bell: Von der Putenbrust bis zum Salat

Auch die Coop setzt, wenn auch nicht ganz so intensiv, auf Eigenproduktion und Eigenmarken. Vorzeigeunternehmen ist die Bell Foods AG, an der die Coop die Aktienmehrheit besitzt. Firmengründer war Samuel Bell-Roth, der 1869 in Basel seine Ochsenmetzgerei eröffnete. 1907 wurde die AG gegründet. Der Einsteig der Coop bei Bell geht auf das Jahr 1913 zurück. In den letzten Jahren expandierte Bell rasant durch die Übernahmen der Firmen Hilcona, Eisberg, Hubers Landhendl und Hügli. In Deutschland besitzt Bell die Rohschinken-Traditionsmarke Abraham. Die im März 2019 eröffnete Eisberg-Fabrik in Marchtrenk beliefert namhafte Handels- und Fastfood-Ketten mit Fresh-Cut-Salaten und frischen Snack-Convenience-Produkten. Bell-Tochter Huber betreibt einen Putenschlachthof in Bayern. Ware, die von dort kommend, in heimischen  Supermärkten angeboten wird, darf deshalb nicht das AMA Gütesiegel tragen, auch wenn das Geflügel aus österreichischer Mast stammt.  Die Produktionsstandorte in Deutschland und in Österreich, aber auch in Frankreich und Spanien verschaffen der Bell Group, die ja ihren Hauptsitz im nicht-EU-Land Schweiz hat, breiten Zugang zum EU-Binnenmarkt.  

Zurück zum Handel. In welchem Tempo und mit welchen Investitionen Transgourmet Österreich unter Coronomics-Vorzeichen seine vor Ausbruch der Krise angekündigte Expansion in Bundesländern wie Niederösterreich, Wien und Tirol fortsetzen wird, bleibt angesichts der Umsatzkrise im Gastro-Großhandel abzuwarten. Den dieser Tage von der BWB veröffentlichten „Standpunkt -  Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen von Zusammenschlüssen im Context der COVID-19 Krise“ wird man vermutlich in Traun genau studieren. 

Globus  wandert ins Benko-Imperium

COVID-Dramatik überlagert auch den wohl spektakulärsten Handels-Deal, der zu Beginn dieses Jahres in der Schweiz über die Bühne ging. Die Migros verkaufte die mit hohen Verlusten kämpfenden Globus-Warenhäuser an ein Joint Venture, dass sich aus Rene Benkos Signa Retail und dessen Schwesterunternehmen der KaDeWe Gruppe (Signa Prime Selection)   zusammensetzt. Bei dieser Premium-Warenhauskette sind neben Signa auch ein thailändischer Handelstycoon und dessen italienische Tochterfirma La Rinascente an Bord. Auch zahlreiche Globus Immobilien wanderten ins Benko-Reich. Der Corona-Shutdown stürzte Benkos deutsches Warenhausunternehmen Galeria Karstadt Kaufhof in schwere Turbulenzen. Ob und wann unter diesen desaströsen Vorzeichen die einst so schöne Globus Kaufhauswelt in neuem Glanz erstrahlen wird, darüber darf sich Dieter Berninghaus, CEO von Signa Retail Gedanken machen. Berninghaus, der, von Rewe kommend, über Denner in die Migros Führungsetage gelangte und von dort zu Benkos Team wechselte, dürfte beim Erwerb von Globus durch Signa/KaDeWe Regie geführt haben. 

Bericht und Blick über die westliche Grenze von Dr. Hanspeter Madlberger

Veröffentlicht am

18.07.2020