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2019: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l.) ehrte Prof. Götz W. Werner (r.)

Nachruf zum Tod von dm-Gründer Götz Werner

Götz Werner: Drogeriemarkt-Pionier und Menschenfreund

Mit den dm Drogeriemärkten erfand er eines der erfolgreichsten Discountformate im europäischen Einzelhandel. Was ihn jedoch von den meisten anderen Milliarden-Umsatzmachern unterschied und ihm einen Podestplatz in der Hall of Fame des europäischen Einzelhandels sicherte, waren sein soziales Engagement und seine unorthodoxe Art, Probleme anzupacken. Götz Werner, am 5. Februar im Alter von 78 Jahren  verstorben, war eine charismatische Persönlichkeit:  Pionierunternehmer, Menschfreund und Querdenker.

Womit ich nie gerechnet habe, lautet der Titel seiner Autobiographie, die 2013 erschien. Als der junge Götz Werner sich im Alter von 28 Jahren mit seinem Vater verkrachte, der in dritter Generation in Heidelberg eine klassische Drogerie betrieb, hat er nie damit gerechnet, dass sein Lebenswerk, die dm Drogeriemärkte sich zu einem europaweit aufgestellten Einzelhandelskonzern mit 3800 Filialen in 14 Ländern Europas und einem Jahresumsatz von über 12 Milliarden entwickeln würden.

Mit Günter Bauer im dm-Doppel-Zweier

Götz Werner war das Gegenteil eines coolen, kapitalistischen Profitjägers, ein Mensch mit Empathie, Familiensinn  und voller Musik- und Sportbegeisterung. Beim Ruderverein "Neptun" in Konstanz am Bodensee lernte er im April 1963 einen Österreicher aus Krems kennen, der zwei Wochen älter und zwölf Zentimeter größer war als er. Sein Name: Günter Bauer. Gut ein Jahr lang waren die beiden kongeniale Ruderpartner im Doppel-Zweier und gewannen auch internationale Wettkämpfe. Es entspann sich eine lebenslange Freundschaft. Günter Bauer verstarb im Oktober 2020 im Alter von 76 Jahren.

1975 holte Werner seinen Ruderfreund Bauer ins dm-Firmenboot. Im Frühjahr 1973 hatte er in Karlsruhe den ersten "dm-drogeriemarkt" mit einer Verkaufsfläche von 190 m2 eröffnet. Nach Aldi-Vorbild war der dm-Prototyp als Discountladen mit straffem SB-Sortiment konzipiert. Im Jänner 1976 schlug die Geburtstunde von dm Österreich. Bauer, der zuvor acht Jahre bei Hofer gearbeitet hatte, avancierte aufgrund seiner Erfahrungen im Discount-Business als Geschäftsführer (und Minderheitsgesellschafter) von dm Österreich sowie als Berater von dm Deutschland zur wertvollsten Führungskraft im jungen dm-Filialimperium des Götz Werner. Sein, im Hintergrund wirkender Finanzpartner war vom Start weg Günther Lehmann, damals Juniorchef des Supermarktfilialisten Pfannkuch.

win-win-Partnerschaft mit der Spar

1981 folgte der nächste Expansionsschub. Die Vita Drogeriemärkte der Metro Gruppe standen zum Verkauf. Die 60 Vita-Märkte in Österreich wurden von der Spar AG übernommen und postwendend gegen eine Beteiligung von 32% in dm Österreich eingebracht. In Deutschland wanderte ein rund 70 Standorte umfassendes Viva-Filialpaket von Metro zu dm. Unverändert hält die Spar Holding einen Sitz im Aufsichtsrat von dm Österreich. Die Zusammenarbeit des österreichischen Familienunternehmens Spar AG mit dem deutschen Familienunternehmen dm erwies sich als ein äußerst solides und dauerhaftes win-win-Projekt. Als bevorzugter Mieter der Spar Einkaufszentren konnte dm seine Marktabdeckung zuerst in Österreich, später aber auch in den ASPIAG-Ländern zügig ausbauen. Die Österreich- Zentrale in Salzburg stieg zum Headquarter aller dm-Töchter außerhalb Deutschlands auf. "dm steht bei uns für Donau Monarchie", schreibt Werner in seinen Memoiren. Mit dm als Partner kann die Spar ihrem Hauptmitbewerber Billa und dessen Parfümeriemarkt-Kette Bipa erfolgreich Paroli bieten.

Das Erfolgsrezept des Einzelhändlers Götz Werner? Es bestand vor allem darin, dass er keine starre, eindimensionale Strategie verfolgte. Unorthodoxe Flexibilität, die Mut, neue Wege zu gehen, Unbekanntes auszuprobieren, aus dieser  Haltung bezog er seinen unternehmerischen Impetus. Josef Schumpeter hätte an ihm seine helle Freude gehabt.

Kundenzufriedenheit: dm in den Medaillenrängen

Die Maxime des Mister dm, auf den Punkt gebracht, lautete: Ich bin für das Unternehmen da und nicht umgekehrt. dm ist für die Mitarbeiter da und nicht umgekehrt. dm ist für die Kunden da und nicht umgekehrt. Er wolle "Evokator und nicht Direktor" sein, bekannte  Werner. Er praktizierte einen antiautoritären, kooperativen, marketing-orientierten Führungsstil, der sich an vielen Beispielen festmachen lässt. Im alljährlich in Deutschland und in Österreich erstellten Kundenzufriedenheits-Barometer belegt dm in schöner Regelmäßigkeit einen Spitzenrang unter allen Einzelhandelsformaten. Die dm Marktleiterinnen genießen ein Höchstmaß an Eigenverantwortung. Um den Teamgeist des mittleren Managements zu fördern, stand eine Zeitlang gemeinsames Theaterspiel am Weiterbildungsprogramm. Die Dienstleistungsabteilungen (Friseur- und Kosmetik-Studios, "Gesunde Pause" als Saft- und Snack-Bar) blieben ein Österreich-Spezifikum. Den Anstoß dazu gab das Handelsszenario "Österreich 2000", das Mitte der Achtzigerjahre unter Mitwirkung von dm entwickelt wurde.

Hohe Schlagzahl bei Innovationen

"Jammern ist der Gruß der Kaufleute", so lautet ein alter Spruch. Werners  Kommunikationsstil war das genaue Gegenteil davon. Er hinterließ im deutschsprachigen Einzelhandel zahlreiche Footprints seiner Innovationsfreude. In der Preiswerbung scheute er vor einem radikalen Kurswechsel nicht  zurück. Der Slogan Große Marken, kleine Preise wurde durch die softe Botschaft "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein" (eine Variation des Zitats aus Goethes Faust: Hier bin ich Mensch, hier kann ich`s sein) abgelöst. Die weitgehende Abschaffung von Aktionspreisen und deren Ersatz durch Dauer (tief) preise zählte ebenso zu seinen Pioniertaten wie eine ganz spezifische Eigenmarken-Strategie. Die so genannten dm Qualitätsmarken (z.B. Balea) geben sich nicht als primitive Billig-Labels, sondern als Handelsmarken mit Mehrwert. Eine Strategie, die mittlerweile im Lebensmittelhandel häufig zum Einsatz kommt und von den Markenartikel-Herstellern  gar nicht goutiert wird.

Götz Werner war ein grandioser Netzwerker. Er nahm häufig an den bis heute legendären Handels-Tagungen des GDI in Rüschlikon teil. Dessen Gründer, Gottlieb Duttweiler, den sie liebevoll Dutti nannten, war sein großes Vorbild. Werner führte frühzeitig das Harzburger Modell ein, um später diesen strammen Führungsstil mit seinen Hierarchien umzumodeln. "Subsidiarität statt Handbuch", war die Formel für diesen Schwenk. In Deutschland wie in Österreich zählte dm zu den Pionieren bei der Computerisierung des  Handels, insbesondere bei der Einführung  der Scannerkassen. In den Arbeitsgruppen von GS1 und ECR ist dm seit Jahrzehnten ein Fixstarter. Von 2006 bis 2018 war Götz Werner Präsident des angesehenen Europäischen Handelsinstituts (EHI) in Köln. Die Uni Karlsruhe ernannte ihn zum Ehrenprofessor.

Esoterisch angehaucht

Die Geisteshaltung des Götz Werner war von der Anthroposophie geprägt, einer esoterisch angehauchten Philosophie, die der Österreicher Rudolf Steiner zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufen hat. Die biodynamische Landwirtschaft (Demeter) und die Waldorf- und Neuland-Schulen wurzeln in der Anthroposophie. Stichwort: Bio: Viele Jahre hindurch pflegte der dm-Vordenker eine enge Zusammenarbeit mit dem Bio-Protagonisten Götz Rehn und dessen Bio-Markenimperium Alnatura. Irgendwann stimmte die Chemie zwischen den beiden nicht mehr, dm entwickelte seine eigene Bio-Marke und das Alnatura-Sortiment fand  Eingang bei Supermarktketten wie Rewe und Edeka.

Auf der politischen  Bühne sorgte Götz Werner nach der Jahrtausendwende für Aufregung, als er sich in Vorträgen und bei diversen TV-Talkshows für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens aussprach. Auch dieser revolutionäre gesellschafts- und sozialpolitische Ansatz entsprang seinem anthroposophischem Denken.

Nachruf verfasst von Hanspeter Madlberger

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geschrieben am

11.02.2022