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Europäische Einkaufsallianzen in der Sinnkrise

"Wos is mei Leistung?"

Europäische Einkaufsallianzen in der Sinnkrise - ein Bericht von Dr. Hanspeter Madlberger.

Bäume wachsen nicht in den Himmel. Diese Regel gilt auch für die Konditionen-Pyramiden, die Einkaufsallianzen europäischer Händler in den letzten Jahren zimmerten. Denn jetzt kracht es ordentlich im Gebälk. Wettbewerbshüter spitzen die Ohren, Markenartikler wittern Morgenluft. Keine Entwarnung aber gibt es für Private Label-Produzenten und für mittelständische Mitbewerber der Handelsriesen.

Metro steigt  bei Horizon aus. Edeka verlässt Agecore und formt mit Essens-Zusteller Picnic die neue Allianz Everest. Intermarché tritt ebenfalls aus dem Bündnis Agecore aus. Kurz darauf aber schließen Intermarché und Casino eine neue Einkaufsallianz. Diese lässt sich eine interessante Arbeitsteilung einfallen: Intermarché  erledigt primär das gemeinsame Lebensmittel-Sourcing, Casino die globale Nonfood-Beschaffung. Rewe hingegen hält an Coopernic und Eurelec fest.

Schlagzeilen wie diese servieren Woche für Woche europäische Wirtschafts- und Handelsmedien ihren Lesern. In Österreich beobachten Händler, Markenartikler und Private Label-Produzenten  diesen, von schottischer Sparsamkeit inspirierten Square Dance bangen Blickes. Wer zahlt am Ende die Zeche?

Auf der sicheren Seite, was die Best-Konditionen-Klausel betrifft, sind die beiden Global Players des Einzelhandels. Offline-Discounter Lidl von der Schwarz-Gruppe und Online-Discounter Amazon. In einem aktuellen Umsatz-Ranking der Top Retailer Europas, dessen schwammige Datenbasis ein Mix aus Firmenberichten und Experten-Schätzungen ist, hält die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland) den ersten und Amazon (unter Miteinbeziehung seiner Marktplatz-Umsätze) den zweiten Platz. Um Platz drei kämpfen Rewe und Aldi.
Rewe CEO Lionel Souque sieht seine Truppe in der Europa-League des LEH vor Discounter-Urgestein Aldi und führt diesen Sprung aufs Stockerl auf die Übernahme der europäisch aufgestellten Lekkerland-Gruppe zurück. Nur in Österreich und der Schweiz wurde seitens der Kartellbehörden die Einbeziehung der lokalen Lekkerland-Firmen ins Rewe-Imperium vereitelt. Drei deutsche Handelsriesen und ein US-Gigant des Online-Handels, das ist das Führungs-Quartett des europäischen Einzelhandels. Man könnte von den vier Musketieren sprechen, wäre dieser Begriff nicht schon von der französischen Intermarché-Gruppe, vereinnahmt. 

Die Stellung der Einkaufsallianzen im größeren Rahmen der Liefer- und Wertschöpfungsketten (speziell in der Food- und Nearfood-Supply-Chain) auf unserem Kontinent zu analysieren, wäre eine dankbare Aufgabe für die Handelswissenschaft (WU, bitte melden!). Für den kritischen Beobachter präsentieren sich diese Konstrukte als Zusammenschlüsse, entworfen  nach dem Prinzip der eierlegenden Wollmilchsau.

Wozu braucht es Einkaufsallianzen?

Alles ist möglich, nix ist fix. Das beginnt schon bei der Definition. Im EU-Speech ist von European Buying Alliances die Rede, zu unterscheiden von den Retail Alliances, also dem gemeinsamen Händler-Auftritt auf Absatzmärkten. Beispiel aus Österreich: Die Markant-Gruppe und "Schwesterorganisation" EMD sind europäische Einkaufsallianzen, Nah&Frisch eine lokale Retail-Allianz (man könnte dafür auch die altmodische Bezeichnung "Handelskette" verwenden). Oder: Spar International, deren umsatzstärkstes Mitglied die Spar Österreich ist, lässt sich als eine auf wenige gemeinsame Werbeaktivitäten fokussierte Wholesaler & Retailer-Allianz beschreiben, als europäische Einkaufsallianz ist die Tannenorganisation kaum wahrnehmbar.  Ein Handicap gegenüber Rewe-Hofer-Lidl?

Die wichtigsten Allianzen im Überblick

Die LZ hat in ihrer Ausgabe vom 16. April unter dem Titel: Wer mit wem? ein aktuelles Tablau der wichtigsten Einkaufsallianzen erstellt: Zieht man die addierten Retail-Umsätze als Größenmaßstab heran, dann belegt

✒︎ die Gruppe CWT (steht vermutlich für Carrefour World Trade) mit einem Verkaufsvolumen von über 200 Milliarden Rang Eins. Mitglieder von CWT sind: Carrefour, Tesco, Systeme U und Louis Delhaize. Die französisch-britische Gruppe  verfolgt das Ziel, bei den Einkaufskonditionen mit den beiden deutschen Discount-Großmächten Lidl und Aldi gleich zuziehen, die sowohl in UK als auch in F stark expandieren. Zuletzt rückt für CWT auch der Konditionen-Wettlauf mit Amazon ins Visier. Der Online-Gigant ist  in beiden Ländern mit E-Food sehr ambitioniert unterwegs und hat sich Partner im stationären Handel (z.B. Morrisons in UK, Tegut in D) angelacht.  

✒︎ Zweitgrößte Buying Group ist die EMD (European Marketing Distribution). Die Gruppe zählt 13 Mitglieder, die wichtigsten sind Markant Deutschland (mit Töchtern in diversen europäischen Ländern, darunter auch in Österreich), Kaufland und die deutschen Globus  Verbrauchermärkte. Die LZ weist den Gruppenumsatz vom EMD mit 183 Mrd. € aus, auf der EMD-Homepage ist von 140 Mrd. € die Rede. Da hat man offenbar schon den Verkauf der Real Märkte, bislang bei Markant/EMD im Boot, "eingepreist".

✒︎ Ganz vorne im Gladiatoren-Kampf der Einkaufsallianzen mischt die Coopernic mit. Masterminds sind die Rewe  Group und die französische Leclerc, die sich vor einigen Jahren auf Initiative des damaligen Rewe Chefs Alain Caparros zur Einkaufsfirma Eurelec mit Sitz in Brüssel zusammengeschlossen haben. Bemerkenswert: Rewe und Leclerc verbindet die Genossenschaft als Unternehmensform. Nur: Rewe ist eine Einzelhändler-Coop, Leclerc eine Großhändler-Coop. Dazu passt Coop Italia  als weiteres Coopernic-Mitglied. "Kapitalistischer" Außenseiter ist der  börsenotierte Ahold-Delhaize-Kozern, Marktführer in den Niederlanden und, so wie die Rewe, auch als Online-Retailer ambitioniert unterwegs.

✒︎ Das Schicksal von Agecore erinnert Fußball-Kenner an den Abstieg  der deutschen Kickertruppe Schalke 04. Nach dem Ausstieg von Edeka (Nr. 1 im deutschen LEH) ist das Umsatzvolumen der Gruppe um nicht weniger als 100 Milliarden auf bescheidene 40 Mrd. € geschrumpft. Das bedeutet: Schlechte Karten für die verbleibenden Mitglieder: Colryt (Belgien), Coop Schweiz, Conad (Italien) und Eroski (Spanien), wenn sie bei Markenartikel-Riesen wie Procter, Unilever oder Ferrero wegen Konditionsverbesserungen anklopfen.

✒︎ Ebenfalls auf wackeligen Beinen steht Horizon mit einem Noch-Umsatz von 156 Mio €. Horizon ging aus einer Kooperation zwischen Metro (D) und Auchan (F) hervor. Jetzt, da Metro seinen Ausstieg ankündigt und Mitglied Casino sich ebenfalls neu orientiert (nämlich in Richtung Intermarché)  könnte diese "Horizon-Verengung" für die verbleibenden Mitglieder Auchan und Dia (Spanien) problematisch werden. Anmerkung zur "Ehe" Metro-Auchan: beide Konzerne sind die Sprösslinge von Familien-Clans. Die Hypermarktkette Auchan ist das Herzstück des Handelsimperiums der Familie Mulliez. Auch die Decathlon Sportfachmärkte zählen zum Mulliez-Familiensilber. Metro entstand seinerzeit, als die Händlerfamilien Beisheim und Schmidt-Ruthenbeck mit dem Haniel Clan (Großindustrielle aus der Ruhr-Region) ein Herz und eine Seele waren. Anno 2021 hat der tschechische Investor Daniel Kretinsky als größter Aktionär im Metro-Konzern das Sagen. Der US-Wholesale-Club-Betreiber Cosco, Nr. 6. unter den weltweit größten Händlern und in Europa bereits präsent, hat schon sein Kaufinteresse an Metro bekundet.

Handel im Wandel, Einkauf im Wandel

"Die Dinge ändern sich". Das war der Titel des Buches, in dem  Dr. Hermann Gerharter im Jahr 2008 beschrieb, "wie der Konsum Österreich verschwand". "Die Dinge ändern sich", wäre vermutlich ein passendes Leitmotiv für eine Chronik der europäischen Einkaufsallianzen und ihr Schicksalsjahr 2021. Dass sie in eine veritable Sinnkrise geraten sind, ist mehrfach belegt: Nicht nur durch die erdrutschartigen Veränderungen  bei den Mitgliedschaften, sondern auch durch das unentwirrbare Knäuel unterschiedlichster strategischer Zielsetzungen.

In der Konfusion, die unter den Allianzen herrscht, spiegeln sich die Mega-Trends der FMCG-Branche: Digitalisierung und Ökologisierung, beide befeuert durch die Pandemie. So forciert Carrefour ein Blockchain-Projekt, das die Rückverfolgbarkeit seines umfangreichen Bio-Eigenmarken-Sortiments sicherstellen soll. EMD hat Ende Februar für seine Private Label-Produzenten einen Sourcing Code of Conduct erlassen, der sich auf die Sustainable Supply Chain Initiative des Consumer Goods Forums beruft und beim Lieferanten über ein Monitoring die Einhaltung von zwölf Nachhaltigkeitskriterien checkt. Bauern-Funktionäre ächzen.

Allianzen im Strudel des Wettbewerbs

Dazu kommt der  Wettbewerb

✒︎ zwischen Markenartikel und Private Label, ein Match, das je nach Warengruppe, ganz unterschiedlich ausgeht, 

✒︎ zwischen Vollsortimentern und Discountern, besonders spannend im CEE-Raum, wo Corona-kaufkraftgeschwächte Konsumenten den Discount pushen,

✒︎ zwischen den Webshops und den Plattformen (Marktplätzen) der Online-Händler, die Markenartiklern die Möglichkeit eröffnen, unter Umgehung des stationären Handels an die Konsumenten zu verkaufen,

✒︎ zwischen globalen, kontinentalen und regionalen Lieferketten, wobei Corona das Pendel in Richtung Regionalität schubst,

und, last but not least, der Konzentrationsprozess, der sowohl bei den Handels-Multis wie bei den Industrie-Multis voranschreitet.

Weshalb die Wettbewerbsbehörden in einem Dilemma stecken: Preisschlachten zwischen den Einkaufsallianzen sind zu begrüßen, weil sie zum Wohl der Konsumenten anti-inflationäre Wirkung entfalten. Wenn aber der Wettbewerb dem Marktmissbrauch Vorschub leistet, indem er die Konzentration anheizt, die überdehnte Konditionen-Spreizung zwischen Online Handel und Offline-Handel und  die Diskriminierung mittelständischer Händler durch überzogenes Geo-Blocking seitens einzelner Markenartikel-Multis zur Folge hat, dann ist ordnendes Eingreifen der Behörden gefragt.

Und so herrscht heuer bei den Konditionsverhandelungen in den Einkäuferbüros von Coopernic, Horizon, Agecore und EMD viel Gesprächsbedarf. "Wos is  mei Leistung?" (Copyright Walter Meischberger) wird sich da mancher European Chief Buying Officer fragen müssen, wenn von on-top-Konditionen die Rede ist.

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Veröffentlicht am

23.04.2021