COVID 19 sorgt für Peitscheneffekt

COVID 19 sorgt für Peitscheneffekt

Fernab aller gesundheitlichen Risiken stehen Handel und Logistik kritische Zeiten bevor.
Hon. Prof.(FH) Dr. Anton Salesny vom Institut für Handel und Marketing an der Wirtschaftsuniversität Wien und Kooperationspartner der Studie

Neben aller gesundheitlichen Risiken, die bis dato noch lange nicht erforscht sind, stehen Handel, Industrie und Logistik wohl vor einer der größten Herausforderungen der vergangenen Jahre. Durch die Globalisierung ist die Welt so stark miteinander verwoben, dass es bei kleinsten Veränderungen eines Marktes zu großen Auswirkungen auf andere Märkte führen kann. Und wenn der Markt „China“ nun von massiven geänderten Vorzeichen betroffen ist, dann spielt die ganze Trading Economy verrückt. Auch wenn der heimische Handel meint gerüstet zu sein, so ist er von zahlreichen äußeren Faktoren abhängig.

retailreport.at hat zu diesem Thema den Experten Ass. Prof. Dr. Anton Salesny befragt. Er beschäftigt sich neben Handel und Digitalisierung auch intensiv mit Logistik und ist Ass.Prof. an der WU Wien, Institut für Handel und Marketing.

retailreport.at: Wie sehen Sie die Entwicklungen, die derzeit aufgrund des Coronavirus COVID 19 auf den Handel und Welthandel, zukommen?

Dr. Anton Salesny: Die Supply Chains der Unternehmen werden gerade in den kommenden Wochen auf eine harte Probe gestellt. Zum einen fallen die Transportvolumina aus China, dies passiert einerseits durch Ausfall von Verbindungen und andererseits durch niedrige Beladung der verkehrenden Containerschiffe. 
Zusätzlich kommt es gerade in chinesischen Häfen teilweise zu Personalmangel was dazu führt, dass bereitstehende Container nicht verladen werden können.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Containerschiffe von China nach Europa oftmals 5 bis 6 Wochen unterwegs sind – die tatsächlichen Auswirkungen werden wir daher erst in den nächsten Wochen bewerten können.

retailreport.at: Ist nur die Verbreitung des Virus der Grund?

Dr. Anton Salesny: Es sind mehrere Faktoren die zusammentreffen. Etwa das Chinesische Neujahr, das am 25. Jänner stattfand, führt traditionsgemäß zu einer Produktionsreduktion in China – darauf sind Hersteller und Händler vorbereitet und erhöhen ihren Lagerbestand - also wurden Puffer geschaffen, die jetzt gerade hilfreich sind. Es ist aber nur eine Frage der Zeit bis diese aufgebraucht sind. Derzeit sind Liefertermine oftmals ungewiss.

retailreport.at: geht es nur um Produkte?

Dr. Anton Salesny: Nein, es geht auch um Rohstoffe und Komponenten. Auch wenn Unternehmen alternative Lieferquellen in anderen Teilen der Welt prüfen - Produktionskapazitäten können nicht von heute auf morgen gesteigert werden – oftmals sind auch hier Rohstoffe, die in die Produktion einfließen nicht ausreichend verfügbar.

retailreport.at: Welchen Herausforderungen sind die Unternehmen nun ausgesetzt?

Dr. Anton Salesny: Eine wesentliche Herausforderung stellt dabei die Prognose der weiteren Entwicklung dar. 
Diese Einschränkung der Planbarkeit ist auch durch ständige Veränderungen der Rahmenbedingungen massiv - verlässliche Informationen sind oftmals rar.
Die heutige stark vernetzte Wirtschaft und die oftmals sehr komplexen Supply-Chains sind anfällig – eine Kapazitätsreduktion eines Teilnehmers reicht hier manchmal schon aus, um die komplette Supply-Chain massiv negativ zu beeinflussen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es ein wesentliches Ziel ist so wenig Warenbestand wie nötig – Lagerung kostet – aufzubauen, dies führt gerade bei schwankender Nachfrage (etwa durch Panikkäufe durch Konsumenten) bzw. schlechter Abstimmung der Supply Chain zu Out of Stock bzw. Lageraufbau – auch bekannt als Bullwhip-Effekt oder Peitscheneffekt.

Veröffentlicht am

27.02.2020