Direkt zum Inhalt
Bell Food Group: Ein sehr gutes Ergebnis in herausforderndem Umfeld

Bell Food: Krisenresistenz nach Schweizer Art

Bell Food Group AG mit Hubers Landhendl und Eisberg Marchtrenk zieht Bilanz über erstes Halbjahr 2023.

Bericht: Hanspeter Madlberger

Wie man als Lebensmittel-Produzent mit einem breiten Trend-Sortiment durch eine starke Marktpräsenz in  der D-A-CH-Region  in Zeiten der Teuerung Umsatz und Ertrag in trockene Tücher bringt, das zeigt der Halbjahresbericht 2023 der börsennotierten Schweizer Bell Food Group AG, deren Aktienkapital sich aktuell zu 66,29% im Eigentum der Coop Schweiz  befindet.

Für die heimische Lebensmittelbranche, Hersteller wie Händler, sind die betriebswirtschaftlichen Eckdaten der hauptsächlich in den Sparten Fleisch & Wurst, Gemüse sowie Trocken- & Frisch-Convenience engagierten Bell Gruppe umso interessanter, als die  Eidgenossenschafter im Orchester der heimischen Food-Branche  gleich in drei Sparten  aufgeigen:.

  1. Mit Hubers Landhendl in Pfaffstätt (OÖ), ein Unternehmen, das zu Österreichs führenden Geflügelfleisch-Anbietern zählt.
  2. Mit der neuen Eisberg Fertigsalate- und Frisch-Convenience-Produktion in Marchtrenk, gleich neben dem Regionallager der Spar ZN gelegen und
  3. als „Schwesterunternehmen“ der ebenfalls zum Coop-Schweiz Konzern gehörenden Firma Transgourmet, die sich aktuell mit der Metro um die Marktführerschaft im Gastro Großhandel matcht. Zwar wandern 70% der Bell-Produktion in den Einzelhandel, vornehmlich in das Coop Filialnetz, die restlichen 30%, immerhin ein jährliches Umsatzvolumen von rund 1,3 Mrd. Schweizer Franken, entfallen auf die Belieferung der Gastronomie und diverser Lebensmittel-Produzenten. Bell International und Transgourmet International, eine  Fresh Food-Supply Chain europäischen Zuschnitts.

Insgesamt verfügt Bell über 64 Betriebsstandorte in 15 europäischen Ländern und beschäftigt bei einem Jahresumsatz 2022 von 4,35 Milliarden CHF 12.660 Mitarbeiter.

Wie meistert Bell die Teuerungskrise 2023?

Nun aber zu den top-aktuellen Bell-Ergebnissen im ersten Halbjahr 2023, das von der weltweiten Teuerungskrise überschattet ist. Der Nettoumsatz stieg in diesen sechs Monaten um 6,9% auf 2,2 Mrd. CHF, ein Plus, das vor allem dem steigenden Kurs des Franken  gegenüber dem Euro geschuldet ist.

  • Das EBIT betrug 63,6 Millionen  CHF (+1%),
  • Der Bruttogewinn  (Marge zwischen Verkaufserlöse und Wareneinsatz) lag  bei 38,9%  und damit um 6,6% über der Vergleichsperiode des Vorjahres.
  • Der Reingewinn stieg im ersten Halbjahr 2023 um 15,9 % auf 45,6 Mio. CHF, was eine Umsatzrendite von 2,2% ergibt.
  • Entsprechend  üppig fällt der Cash Flow aus, der es erlaubt, die Investitionen komplett aus Eigenmitteln zu finanzieren. Und nicht die immer teurer werdenden Bankkredite in Anspruch zu nehmen. Im Jahr 2023 standen einem operativen Cash Flow von 294 Millionen CHF Investitionen in der Gesamthöhe von  280 Mio gegenüber.

Satte Eigenkapitalquote: 48,5%

Diese solide, wenn auch, verglichen mit jener mancher Markenartikel-Multis keineswegs berauschende Ertragslage ergibt, zusammen mit der extrem hohen Eigenkapitalquote von 48,5% (48,3% im Vorjahr), ein finanzielles Ruhekissen in stürmischen Zeiten.

Wie CEO Lorenz Wyss in seinem Statement vom 11. August in Basel betonte, stützt sich die erfolgreiche Inflationsbekämpfungs-Strategie des Unternehmens auf drei Säulen:

  • Es gelang, die von der Krise verursachten Preissteigerungen  am Markt rasch zu realisieren.
  • Ein  effizientes Kostenmanagement und
  • die Erhöhung der Produktivität trugen ebenfalls dazu bei, dass die Bell Group in stürmischen Zeiten bislang an ihrem Expansionskurs festhalten konnte.

Krisenszenario: Kostenanstieg, Konsumenten kaufen billigere Sortimente, Wetterkapriolen

Und damit die Herausforderungen meisterte, die da lauten:

  • Die Energiekosten sind von 2021 auf 2022 um ca. 30% gestiegen.
  • Die Inflation führte dazu, dass sich die Konsumentennachfrage in Richtung preisgünstigerer Sortimente verlagerte, was nicht ohne Auswirkung auf die Wertschöpfung blieb.
  • Speziell die Eisberg-Fertigsalate-Produktion in Marchtrenk musste in den ersten sechs Monaten 2023 damit zurecht kommen, dass infolge der Trockenheit in den Beschaffungsregionen die Menge und die Qualität der Gemüse-Anlieferung deutlich gelitten haben.
  • Die Wetterkapriolen im heurigen Jahr führen dazu, dass die  Fleisch-  Wurst- und Geflügel-Umsätze in der Grillsaison bislang ziemlich durchwachsen  ausfallen. Für Bell insofern eine harte Bandage, als man sich speziell in Deutschland und in der Schweiz als Barbecue-Spezialanbieter von Fleisch und Wurstwaren positioniert hat.
  • Und last but not least: Der Absatz in den CEE-Ländern litt besonders unter der extrem hohen Inflationsrate  in dieser Region.

Investitionspläne bis 2025

Wenn trotz dieser widrigen Umstände die betriebswirtschaftlichen Eckdaten stimmen, dann  ist auch die Voraussetzung dafür gegeben, dass der mittelfristige Investitions- und Expansions-Plan für den Zeitraum  2021 bis 2025 eingehalten werden kann. Bei Hubers in Pfaffstätt sind umfangreiche Erweiterungsbauten im Kühlhaus sowie im Lager und im  Zerlegungs-Bereich angesagt. Weiters soll ein neues Verwaltungsgebäude errichtet werden. Die Eisberg-Umsätze in Marchtrenk sollen nicht schmelzen, vielmehr weiter wachsen, nicht zuletzt durch das Angebot innovativer Frischconvenience-Produkte, wie ethnisch inspirierte Salad Bowles. Die Fabrik in Marchtrenk war schon bisher ein Wachstumstreiber, wird  betont. Von 2020 auf 2022 haben sich die Umsätze verdoppelt.

Mutiges Engagement beim revolutionären Projekt  „kultiviertes Fleisch“

Dass in der  Fleischbranche infolge des Klimawandels auf Jahre hinaus starke Veränderungen  zu erwarten sind, steht außer Streit. Bell überrascht mit  Ansagen, bei denen  Vertreter der Landwirtschaft tief durchatmen müssen. Da ist auf der einen Seite die Feststellung des CEO: „Wir sind Europas führender Produzent von Bio-Geflügel.“ Auf der anderen Seite setzt man mit dem  Programm „Green Mountain“ auf pflanzenbasierte Fleischalternativen.

Damit nicht genug, sind die Schweizer bei Mosa Meat engagiert. Das  junge Unternehmen mit Sitz im niederländischen Maastricht arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung von Kunstfleisch aus der Petrischale. Noch sind die Kosten für die Herstellung von Burgern aus „kultiviertem Fleisch“, gewonnen durch die Vermehrung der Stammzellen von echtem Rindfleisch im Labor,  in astronomischen Höhen. Aber die Mosa-Wissenschafter bleiben am Drücker und wollen in Europa die ersten sein, die diesen Paradigmenwechsel hin zu einer ökonomisch realistischen Fleischproduktion „ohne Tierleid“ verwirklichen.

Nicht ganz so revolutionär ist das Joint Venture von Coop/Bell mit dem Schweizer Startup Yasai. Diese Firma widmet sich dem Vertical Farming. Gemüse, in Glas-Hochhäusern produziert, wird bereits in 70 Schweizer Coop Märkten angeboten. Und noch ein Highlight aus der Bell-Nachhaltigkeitsprogramm: Innerhalb eines Jahres  wurde die Stromproduktion mit firmeneigenen Fotovoltaik-Anlagen von 715 auf  6500 Megawattstunden gesteigert. 

Kategorien

Tags

geschrieben am

14.08.2023