GS1 Austria: Der 2D-Code kommt
Der 2D-Code ist in Österreich angekommen. Und mit ihm ein Paradigmenwechsel, der weit über das Ersetzen eines Symbols auf Etiketten hinausgeht. Die Handelsbranche, die Lebensmittelindustrie, Logistikdienstleister, Verpackungshersteller und Regulierungsbehörden stehen vor einem Umbau, der in seiner Tragweite an die Einführung des EAN-Strichcodes in den 1970er-Jahren erinnert.
Doch diesmal geht es nicht nur um schnellere Kassen – es geht um Transparenz, Rückverfolgbarkeit, digitale Produktpässe und die Fähigkeit, variable Daten entlang der gesamten Lieferkette steuern zu können.
Dass Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft diese Entwicklung nicht selbst lostritt, liegt auf der Hand. Die Treiber sitzen international: globale FMCG-Hersteller, internationale Handelsketten und Plattformen, die zunehmend digitale Produktdaten verlangen. Doch gerade deshalb lohnt es sich, bereits jetzt genau hinzusehen, was 2D-Codes für den heimischen Markt bedeuten. Denn: 2D-Codes sind nicht nur robust, klein und schneller lesbar, die bieten auch hervorragende Lösungen für Anwender.
GS1 Sunrise - der internationale Fahrplan setzt den Takt
Mit „GS1 Sunrise 2027“ hat GS1 einen klaren globalen Fahrplan vorgelegt: Bis Ende 2027 müssen Kassensysteme in der Lage sein, 2D-Codes zu lesen; ab 2028 dürfen Hersteller diese Codes als primären Datenträger nutzen. Die Doppelkennzeichnung wird bis zumindest Anfang 2028 verpflichtend sein.
Zwar bleibt die Nutzung freiwillig, doch der Markt setzt de facto den Rahmen:
- internationale Händler stellen ihre Systeme um,
- Regulierungen wie der „Digital Product Passport“ nehmen Fahrt auf,
- und bereits bestehende Anforderungen in Lebensmittel-, Pharma- oder Tabaksektoren verlangen mehr Datentiefe.
Die linearen 1D-Codes wie EAN-13 oder EAN-8 bleiben bestehen; eine Ablöse ist nicht geplant.
Warum 2D-Codes? – Von Datenarmut zu Datenfülle
Der Strichcode ist robust, ausgereift und effizient – aber eben einfach gestrickt. Er enthält meist nur die GTIN, also die Artikelnummer. Der 2D-Code kann dagegen viele zusätzliche Informationen auf derselben oder sogar kleinerer Fläche transportieren:
- Mindesthaltbarkeitsdatum
- Chargennummer
- Seriennummer
- Herkunft
- Recycling- und Verpackungsinformationen
- Weblinks für Verbraucher
- Uvm.
Der Unterschied ist gewaltig: Während der EAN-13 exakt 13 Stellen verschlüsseln kann, erreichen 2D-Codes bis zu 7.089 numerische bzw. 4.296 alphanumerische Zeichen
Damit wird aus einem einfachen Identifikator ein Informations- und Steuerungsmodul, das Prozesse in Echtzeit beeinflussen kann: automatische MHD-Kontrollen, effiziente Rückrufe, präzisere Warenrotation oder direkte Kundenkommunikation.
Best Practice: Metro – 2D im Frischebereich
Vor allem im Bereich Frische und Ultra-Frische, wo äußere Einflüsse wie Kälte, Feuchtigkeit oder Platzmangel eine Rolle spielen, wird die Lesbarkeit von Produktetiketten oft zur echten Herausforderung. Genau aus diesem Grund hat Metro Österreich bei ebendiesen Warengruppen im vergangenen Jahr den GS1 DataMatrix als Datenträger eingeführt. Dadurch wurde bei Metro nicht nur der Checkout-Prozess bei der Kasse durch schnellere Scan-Vorgänge optimiert, sondern auch die Fehlerquote beim Einscannen um rund 40 % reduziert.
Auch Lieferanten wie Kasehs, ein Obst- und Gemüselieferant aus Wien, nutzen den 2D-Code erfolgreich und können dadurch zusätzliche Informationen wie Herkunft oder Erntezeitpunkt übermitteln.
Von der Eiablage über die Aufzucht bis hin zur Verarbeitung findet bei der Oberwasser Fischzucht alles an einem Ort statt – im niederösterreichischen Schwarzau. Um diese Information auch für Kunden und Gesetzgebung zugänglich zu machen, setzt das junge Unternehmen auf das Rückverfolgbarkeitsservice GS1 Trace. Die physische Ware wird mit einem digitalen Datensatz verknüpft, in dem alle benötigten Informationen hinterlegt sind. Möglich wird das durch den Scan des 2D Codes GS1 DataMatrix, der nun auch die – bisher händisch ausgefüllten – Etiketten der Oberwasserfische ziert. Die Umstellung von manuell zu digital erwies sich als unkompliziert, da GS1 Austria von Anfang an zur Seite steht und berät.
Seit Ende 2023 verpflichtet eine EU-Verordnung alle Winzer, die Nährwerte und Zutaten ihrer Produkte offenzulegen, die erstmals in der Lebensmittelbranche auch ausschließlich digital bereitgestellt werden dürfen. Gemeinsam mit Marzek Etiketten & Packaging sowie dem globalen Produktmanagementsystem Bottlebooks hat GS1 Austria dafür eine praktikable Lösung entwickelt, die diese neuen gesetzlichen Anforderungen der Weinkennzeichnung erfüllt: ein E-Label mit einem im QR-Code integrierten GS1 Digital Link, der dafür sorgt, dass sämtliche Produktinformationen auch webfähig sind. Die wichtigste und grundlegendste Verbindung stellt hier die GTIN dar, die bei allen Winzern bereits vorhanden ist. Der GS1 Digital Link sorgt für die Verbindung der GTIN ins Internet, wodurch Konsumenten einfach Onlineinformationen zum jeweiligen Wein abrufen können.
Die Beispiele zeigen: Der 2D-Code ist kein Zukunftsexperiment mehr – er ist im Alltag angekommen.
Technik, die anspruchsvoller aussieht als sie ist
Um 2D Codes lesen zu können, benötigt man kamerabasierte Scanner. Lineare Strichcodes verschlüsseln ihre Information anhand der Breite der schwarzen Balken und weißen Lücken. Treten hier Verzerrungen auf (auf gewölbter Oberfläche aufgebracht, Falten im Etikett / im Strichcode, Ausfall von Thermoelementen, …), wird der klassische Strichcode unlesbar. 2D Codes haben den Vorteil, dass sie eine „Fehlerkorrektur“ haben und dadurch auch lesbar bleiben, wenn Teile des Codes defekt sind.
Um den Datenstring von 2D Codes, der vom Scanner geliefert wird, korrekt zu interpretieren, muss man diesen richtig parsen.
Industrie & Handel: Der Prozessumbau beginnt hinter den Kulissen
Die Technik ist das eine – die Prozesse das andere. Ein 2D-Code entfaltet seinen Nutzen erst dann, wenn alle Beteiligten entlang der Lieferkette wissen, wie sie mit den Daten umgehen sollen.
Erforderlich sind:
- Schulungen in Filiale, Logistik, Einkauf und Marketing
- Anpassungen in Warenwirtschafts- und ERP-Systemen
- neue Prüfprozesse für MHD, Charge & Co.
- Kommunikation mit Lieferanten über Zeitpläne und Anforderungen
Wer seine Systeme nicht rechtzeitig vorbereitet, riskiert Vorteile nicht gleich ausschöpfen zu können sowie Prozessbrüche, Fehlstände, Verzögerungen oder ineffiziente Rückrufprozesse – ein Risiko, das im hochgetakteten FMCG-Geschäft schwer wiegt.
Gleichzeitig entstehen mittel- und langfristig Einsparungen: weniger Fehler, effizientere Wareneingänge, bessere Stammdatenqualität und schnelleres Handling an der Kasse.
Regulierung: Die Politik erhöht den Druck
Während die Umstellung formal freiwillig bleibt, steigt der regulatorische Druck:
- Track & Trace-Systeme (z. B. TPD2) verlangen bereits klare Identifikationsketten.
- Die EU-Initiative zum Digital Product Passport wird künftig detaillierte Produktdaten voraussetzen.
- Lebensmittel-, Pharma- und Genusswarenbereiche haben längst strengere Rückverfolgbarkeitsstandards.
Internationale Entwicklungen – etwa in China oder den USA – verstärken den Zugzwang weiter, da globale Lieferketten ohne Datentiefe künftig kaum mehr abbildbar sind
QR Code oder GS1 DataMatrix? – Zwei Technologien, zwei Welten
Der 2D-Code ist nicht gleich 2D-Code.
GS1 DataMatrix
- robust, klein, ideal für B2B
- variable Daten nach GS1 Application Identifier Standard
- bevorzugt im Lebensmittel- und Gesundheitsbereich
QR Code mit GS1 Digital Link
- webfähig
- ideal für Verbraucherkommunikation
- wichtiger Baustein für digitale Etiketten, etwa bei Wein ab 2023
- ideal geeignet für den Digital Product Passport (DPP)
Beide Codes haben ihre Stärken und werden künftig parallel – abhängig von den jeweiligen Anforderungen – genutzt werden.
Fazit: Der 2D-Code ist gekommen, um zu bleiben – und zu verändern
Der 2D-Code ist nicht der Nachfolger des Strichcodes – er ist dessen Weiterentwicklung. Während der klassische EAN noch lange im Regal bleibt, baut sich parallel ein digitales Ökosystem auf, das Produktdaten in einer Tiefe verfügbar macht, die bislang nicht möglich war.
Für viele Unternehmen ist das ein Kraftakt. Für andere eine Chance. Fest steht:
Die Weichen sind gestellt – und wer sich früh bewegt, gewinnt Effizienz, Transparenz und Zukunftssicherheit.
Link zu 2D Codes: www.gs1.at/2d-codes
Kontakt bei GS1 Austria:
DI (FH) Christian Lauer, GS1 System, GS1 Trace & Strichcodeprüfservice, lauer@gs1.at
Die Zukunft der Codes
bis Ende 2027 ist bei der Nutzung eines 2D Codes ZUSÄTZLICH der EAN-13 Strichcode (bzw. EAN-8) anzubringen.
Ab Anfang 2028 sollen Händler in der Lage sein, auch 2D Codes am POS zu verarbeiten.