Fairtrade-Kakao im Fokus
Der globale Kakaomarkt steht vor tiefgreifenden strukturellen Veränderungen. Steigende Produktionskosten, volatile Weltmarktpreise und neue regulatorische Anforderungen – insbesondere durch die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – erhöhen den Anpassungsdruck entlang der gesamten Lieferkette. Aktuelle Daten aus dem Fairtrade-Kakaosektor zeigen, dass stabilere Preisstrukturen, langfristige Abnahmeverpflichtungen und gezielte Investitionen messbare wirtschaftliche Effekte auf Erzeugerseite erzielen können.
Eine aktuelle Fairtrade-Studie aus Côte d’Ivoire belegt deutliche Einkommensfortschritte: 24 Prozent der Fairtrade-Kakaobäuerinnen und -bauern erzielen inzwischen ein existenzsicherndes Einkommen, gegenüber 7 Prozent vor zwei Jahren. Weitere 50 Prozent liegen nur knapp unter dieser Schwelle. Insgesamt erreichen damit 74 Prozent der Kooperativenmitglieder ein Einkommen nahe der existenzsichernden Grenze. Parallel dazu ist der Anteil extrem armer Haushalte in Fairtrade-Kooperativen von 36 Prozent im Jahr 2020 auf aktuell 17 Prozent gesunken.
Neben Mindestpreisen spielen Fairtrade-Prämien eine zentrale Rolle. Im Jahr 2024 wurden weltweit 73 Millionen Euro an Fairtrade-Kakao-Prämien ausgeschüttet – ein Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Mittel flossen vor allem in den Ausbau von Geschäfts- und Organisationsstrukturen (30,3 Prozent), in Produktions- und Qualitätsinfrastruktur (30 Prozent) sowie in direkte finanzielle Unterstützung der Mitglieder (23,6 Prozent). International sind derzeit rund 480.000 Kakaoproduzent:innen in Fairtrade-Kooperativen organisiert.
Ein ergänzender Ansatz über die klassische Zertifizierung hinaus ist das neue Fairtrade-Programm „Living Income and Child Wellbeing“, dessen Umsetzung im Kakaosektor der Côte d’Ivoire begonnen hat. Ziel ist es, Einkommenslücken systematisch zu schließen und gleichzeitig das Wohlergehen von Kindern in Kakaoanbaugemeinden zu stärken. Das Programm kombiniert Fairtrade-Zertifizierung mit langfristigen kommerziellen Verpflichtungen, gezielten Investitionen auf Ebene von Höfen, Haushalten und Gemeinden sowie Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung, Einkommensdiversifizierung und Prävention von Kinderarbeit.
Startpartner ist der internationale Non-Food-Einzelhändler Action, der zusätzlich zur jährlichen Fairtrade-Prämie mindestens 1 Mio. Euro pro Jahr in das Programm investiert. Die Investition wächst mit den Schokoladenverkäufen; zusätzliche Kosten werden von Action getragen, ohne die Verbraucherpreise zu erhöhen. Action beschafft für sein gesamtes europäisches Eigenmarken- und White-Label-Schokoladensortiment 100 Prozent Fairtrade-zertifizierten Kakao und vertreibt die Produkte in mehr als 3.300 Filialen in 14 europäischen Ländern. Damit ist Action der erste internationale Non-Food-Händler, der einen Living-Income-Ansatz für sein vollständiges Schokoladensortiment umsetzt.
Die Umsetzung erfolgt mit Fairtrade-zertifizierten Kooperativen in der Côte d’Ivoire und orientiert sich am Fairtrade-Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen. Ergänzt wird dieser Ansatz durch Schulungen zu klimafreundlichen Anbaumethoden, Maßnahmen zur Stärkung der betrieblichen Resilienz sowie Bildungsförderung zur Verbesserung des Kindeswohls. Fairtrade sieht das Programm als skalierbares Modell, das auch für weitere Unternehmen offen ist.
Auch auf der Absatzseite gewinnt Fairtrade-Kakao an Bedeutung. Im DACH-Raum stieg der Absatz im ersten Halbjahr 2025 auf 34.931 Tonnen, nach 31.664 Tonnen im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Zuwachs von 10,3 Prozent. Parallel bringen Hersteller und Handelsunternehmen verstärkt neue Fairtrade-Kakaoprodukte in den Markt, insbesondere im Bereich Schokolade, Snacks und Backwaren.
Für Handel und Industrie zeichnet sich damit ein klarer Trend ab: Fairtrade-Kakao entwickelt sich zunehmend zu einem Instrument, um Einkommenssicherung auf Erzeugerseite, Marktwachstum in Europa und regulatorische Anforderungen miteinander zu verbinden – insbesondere dort, wo Zertifizierung durch langfristige Partnerschaften und zusätzliche Investitionen ergänzt wird.